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LEHRBUCH
DER PRAKTISCHEN
AUGENHEILKUNDE.
VON
DR CARL STELL WAG VON CARION,
K. K. O. Ö. PROFESSOR IN WIEN.
WIEN, 1861. WILHELM BRAUMÜLLER;
K. K. HOFBUCHHANDLER.
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V orwo r t.
Das vorliegende Werk soll angehenden Aerzten ein Behelf sein, um ihre klinischen Errungenschaften geordnet im Gedächtnisse zu fixiren und deren etwaige Lücken durch Selbststudium auszufüllen. Der Praktiker soll darin ein Mittel finden , um abgeblasste und verschwommene Bilder in der Erinnerung wieder aufzufrischen und durch die .Ergebnisse der neueren Forschungen zu berichtigen und zu ergänzen.
Wie weit das Buch diesem Zwecke entspricht, wird die Folge lehren. An redlichem Streben hat es nicht gefehlt, um es dem praktischen Bedürf- nisse möglichst anzupassen und auf den Standpunkt zu stellen, auf welchen die Augenheilkunde in dem letzten Jahrzehend emporgehoben wurde. Es ist dieser Standpunkt iu der That ein ganz anderer, als er beim Ablauf der vierziger Jahre gewesen. Deutscher Fleiss und deutsche Gründlichkeit haben nicht nur die Behelfe zur Erkenntniss der Augenkrankheiten in erstaunlicher Weise vermehrt und tüchtig ausgebeutet; sondern auch die Grundsätze der Therapie wesentlich geläutert und die Zahl wirklicher Heil- mittel beträchtlich gesteigert. Die vortrefflichsten und verhältnissmässig neueren Lehrbücher sind durch diese raschen Fortschritte lückenhaft ge- worden, — ein Grund mehr zur Hoffnung, man werde das Werk nicht ungünstig aufnehmen.
Die Literatur wurde, so weit sie mir zugänglich ist, zu Bathe gezogen. Ich habe mit dankbarer Anerkennung jedes Verdienstes Alles benützt, was mir ein wahrer Fortschritt und geeignet dünkte, den Praktiker auf seinem Pfade zu leiten.
Die Erörterung von Streitfragen habe ich gefiiessentlich gemieden. Ebenso wurde die Anführung von Namen unterlassen. Eine umfassende Kritik sämmtlicher neuzeitiger Leistungen im Gebiete der Oculistik würde nämlich den Umfang des Buches ungebührlich gesteigert haben und liegt ausser dem Interesse des Praktikers. Die Verdienste oder die Missgriffe blos einzelner Autoren hervorzuheben, fühle ich mich aber durchaus nicht berufen. Ich habe übrigens der Literatur in meiner „Ophthalmologie" bereits volle Rechnung getragen und kann mich unter Hinweisung auf dieses Werk weiterer Citationen enthalten. Ich darf wohl behaupten, dass ich mit dem- selben nicht die allerkleinsteu Steinchen zu dem Umbau der Ophthalmologie
beigeschafft habe und das> deren Spuren redlichen Forschern nicht entgehen • werden, so viel Mühe sich auch Manche geben, sie durch neue Namen zu übertünchen. Ich verkenne darum keineswegs dessen grosse Fehler und bin weit entfernt, diese einzig und allein auf den Umstand zu schieben, dass ich Autodidact bin und unter den Allerersten war, welche das Mikroskop und die Gesetze der Physik in ausgedehnterem Masse auf dem Gebiete der Augenheilkunde einzubürgern strebten, welche in dieser Richtung daher auch der Vorbilder und der Gelegenheit entbehrten, aus den Fehlern Anderer zu lernen. Das vorliegende Lehrbuch wird übrigens den Beweis liefern, dass ich fremden Belehrungen willig mein Ohr öffne und gerne meine An- sichten opfere, wenn haltbarere ihnen entgegentreten.
Im Plane des Werkes und in der ganzen Anordnung des Stoffes habe ich mir einige Abweichungen von dem Gewohnten erlaubt. Ich glaube damit der Uebersichtlichkeit gedient zu haben.
Mikroskopische Details wurden nur so weit eingeflochten , als sie zu dem praktisch wichtigen Verständnisse der Processe unerlässlich sind. Wer sich speciel dafür interessirt, den verweise ich auf den „Atlas der patho- logischen Histologie des Auges" von Prof. Dr. K. Wedl, 1860, 4. Es enthält derselbe in naturgetreuen Abbildungen eine Fülle des werthvollsten Materiales und ich kann nicht umhin, dankend zu erwähnen, dass die jenen Abbildungen zu Grunde liegenden schönen Präparate des genannten Autors mir eine reiche Quelle der Belehrung gewesen sind.
Die beigegebenen Illustrationen sind zum Theile sehematische Dar- stellungen, zum Theile versinnlichen sie concrete schulgerechte Fälle. Es wird dem Kundigen nicht entgehen, dass in den Augenspiegelbildern die vorzüglichen Tafeln Prof. Ed. Jägers benützt wurden.
Meine ursprüngliche Absicht, eine kurze Anleitung zur Handhabung des Augenspiegels dem Buche beizufügen, habe ich aufgegeben, nachdem A. Zander in seinem Werke („Der Augenspiegel". Leipzig und Heidelberg. 2. Aufl. 1862. 8.) alles darauf bezügliche fasslich und mit weit grösserer Ausführlichkeit dargestellt hat, als es der mir zugemessene Raum gestattet hätte. Ich bedaure nur, dass er den Augenspiegel nicht aufgenommen hat, welchen ich seit Ende 1854 benütze, da sich eine sehr grosse Anzahl von Exemplaren desselben in den Händen des ärztlichen Publikums befindet.
Schliesslich erfülle ich eine angenehme Pflicht, indem ich die Bereit- willigkeit rühme, mit welcher der Herr Verleger allen meinen die Aus- stattung des Werkes betreffenden Wünschen entgegengekommen ist, obgleich ihm daraus sehr ansehnliche Kosten erwachsen sind.
Wien , im Juni 1862.
Stellwag.
1NHALTS-VERZEICHNISS.
ERSTES HAUPTSTÜCK. Die Entzündung und ihre Folgen.
Allgemeines über die Behandlung der Augenentzündung.
I. Causalindicatioji Seite 1.
A. ^Mechanische Schädlichkeiten S. 1.
Schutz verband S. 2; Staubbrillen S. 2; Schleier S, 3.
B. Chemische Schädlichkeiten S. 3.
Tabakschnupfen S. 4; Tabakrauch S. 5.
C. Physikalische Schädlichkeiten S. 5.
D. Lichtreize und deren Regulirung S. 6,
Lichtschirme S. 7 ; Fenstervorhänge S. 7; Augenschivme S. 8; Schleier S. 8; Schutzbrillen S. 8.
E. Organische Schädlichkeiten S. 11.
E. Locale und allgemeine Schwächen, fehlerhafte Blutmischungen und Kreislaufstörungen S. 1 2. Ischämische Zustände S. 12; Blutstockungen S. 12; Blutwallungen S. 14.
II. Indicatio morbi: Antiphlogose S. 14.
1. Directe Wärmeentziehung S. 15. Kalte Ueberschläge S. 15.
2. Directe Blutentziehungen S. 18.
Aderlässe S. 18; Blutegel, Schröpfköpfe, Scarificationen S. 19.
3. Directe Compression S. 20.
Druckverband S. 20.
4. Antiphlogistische Diät S. 20.
5. Antiphlogistische Arzneikörper S. 2 1.
Schmierkur S. 22.
6. Eigentliche Drastica S. 24.
7. Lidirecte Gegenreize S. 2 5.
8. Narcotica S. 25.
9. ilvdriatica S. 29.
> I Inlialtsverzeicbniss.
ERSTER ABSCHNITT.
Die Entzündung der Hornhaut. Keratitis.
Anatomie der Cornea S. 32; Senile Veränderungen, (Jroisenbogen S. 34; Nosologie S. 35.
1. Keratitis vasculosa S. 38.
2. Herpes corneae S. 44.
Ophthalmia pustularis, phlyctaenulosa, exanthematica, scrofnlosa etc. S. 46 und S. 47.
3. Keratitis punctata S. 54.
4. Keratitis parenehyma/osa simplex S. 55.
5. Keratitis suppurativa S. 58.
Abscess 8. 59; Onyx S. 61; Offene Geschwüre S. 62; Ophthalmia neuroparalytica 8. 64; Keratitis embolica s. metastatica 8. 64; Kera- tocele oder Hornhautbruch S. 70; Ectasia ulcerativa S. 70; Gesehwü- riger Durchbruch S. 71; Irisvorfall; S. 73; Partielle und totale h-is- staphylome 8. 76— 78. Puracentesis corneae S. 80. Ständige Ausgänge der Keratitis S. 89.
1. Pannus 8. 89.
Pannus trachomatosus , trauinaticus , herpeticus 8. 91; Keratectasia pannosa 8 92, Einimpfung der Blennorrhoe 8. 95.
2. Hornhautlleckcn, Maculae corneae S. 97.
a) Epühelialflecken 8. 97.
b) Parenchymatöse Flecken, Leuconie 8. 98.
c) Sehnen] lecken S. 99.
d) Einfache Hornhautnarben 8. 99.
Sehnenähnliche, lockere bindegewebige, epitheliale Narben S. 100.
e) Mit vorderer Synechie gepaarte Narben 8. 101.
Clavus, Myokephalon 8 101. f) Verknöcherungen der Cornea 8. 102. g) Verkalkungen der Cornea 8. 102. h) Metallincrustationeu S, 102
Sehstörungen, welche durch Co rneallr Übungen bedingt werden 8. 103. Behandlung der Hornhauttrübungen 8. 108.
Abschabung oder Abkratzung und Abtragung der trüben Schich- ten, Kerateetomie S. 111; stenopäische Brillen S. 112; My- driatica 8. 113; Corcmorphosis S. 113.
3. Staphylome oder Ectasien S. 1 1 0.
Nosologie S i 16.
a) Das Hornhautslaphylom 8 117.
1. Ectasia corneae 8. 118.
2. Cornea coniea S. 119.
3. Keratoglobus S. 120.
b) Das narbige Cornealstaphylom S. 125.
c) Das Narbenstaphylom S. 126. Behandlung der Staphylome 8. 133.
1. Die Spaltung, Ineisio S. 133.
2. Die Abtragung, Excisio 8. 134.
ZWEITER ABSCHNITT.
Entzündung der Wasserhaut, der Linsenkapsel, des Strahlenblättchens
und des Glaskörpers.
Anatomie S. 137; Senile Veränderungen S. 139; Nosologie S. 139. 1. Entzündung dir Wasserhaut, Hydromeningitis S. 140.
InlialtsverzeiuhiiisB. > II
2. Entzündung der Linsenkapsel, Phacohymenilis, Capsulitis S. 140. Kapselstaar S. 141.
•'!. Ftit:.i!vduiiy des Strahlevblättchens, Zonulilis S. 141, 4. Entzündung des Glaskörpers, Hyalilis S. 142.
Eiterbildung, bindegewebige Neubildungen und Verbildungen des Glaskörpers S. 142.
DRITTER ABSCHNITT. Entzündung der Regenbogenhaut. Iritis.
Anatomie der Iris S. 1 4(5, Nosologie S. 148.
Seröse Iritis S. 148; Bindegewebige Neubildungen 8.148; PapillöseAus- wücbse, Condylome S. 149; Eitriges Prodnct, Hypopyum S. 150.
Iritis scrofulosa, tuberculosa S. 157; Iritis metastatica oder embolica S. 158; Iritis syphilitica S. 158.
Iritis acuta et chronica S. 159.
Atrophie der Ins S. 160; Hintere Synechie des Pupillarrandes S. 163; Vor- derer Kapselstaar S. 1 63 ; Falsche Htaare S. 1 64 ; Membranöse Neubildun- gen an der hinteren Irisfläche S. 164; Ausgänge der papillosen Aus- wüchse S. 103; Ständige Ausgänge, des Hypopyum S. 1G6.
Therapie S. 167; Mydriatica S. 171 ; Paracentesis corneae bei Hypopyum S. 172; Nachbehandlung, Lösung von Synechien S. 173; Coremorphosis bei totaler hinterer Synechie S. 174. Die Operation der künstlichen Pupillenbildung S. 17 0.
Ersatzmethoden S 181 ; Corepalinanoixis S. 182; Iridodesis S. 182; Iri- dectomeenkleisis S. 183; die Durchschneidung des Ciliarmuskels S. 183; Iridectomie durch den Lappenschnitt mit Extractio cata- raetae S. 183.
VIERTER ABSCHNITT. Entzündung der Aderhaut und des Strahlenkörpers, Chorioiditis und
Kyklitis.
Anatomie S. 184, Ophthalmoskopische Erscheinungen am Augengrunde S. 186; Senile Veränderungen S. 187; Nosologie S. 187.
Chorioiditis serosa S. 189; Chorioiditis exsudativa, degenerativa, dis- seminata S 189; Chorioiditis hyperplastica S. 190 ; Chorioiditis chro- nica mit Schrumpfung des Glaskörpers und Hydrops subreliualis, Knochenneubildungen an der Innenwand der Ader! taut S. 192; Chorioi- ditis suppurativa, tuberculosa S. 194.
1. Chorioiditis serosa S. 197.
Chorioiditis arthritica, syphilitica S. 201 ; Chorioiditis secundaria et sympathica S. 202.
2. Chorioiditis exsudativa S. 209.
3. Chorioiditis hyperplastica S. 213.
4. Chorioiditis suppurativa S. 220.
Chorioiditis traumatica, secundaria S. 222; Chorioiditis embolica oder metastatica S. 223; Fhthisis bulbi und deren Folgen S. 224.
FÜNFTER ABSCHNITT. Entzündung der Netzhaut. Dictyitis.
Anatomie 8. 227; Ophthalmoskopische Erscheinungen S. 229; Senile Veränderungen S. 230; Nosologie S. 230.
'III Inhalt BverzeichnißS,
Retinitis bei Morbus Biigbti S. 240. Schwund der Netzhaut S. 244. Abhebung der Setzhaut S. 248.
s ECHSTER ABSCHNITT. Entzündung des Sehnerven. Neuritis optica.
Anatomie S. '2.r)(); Ophthalmoskopische Erscheinungen S. 259; Nosologie S. 262. Angeborene Excavation des Sehnerveneintrittes S. 259; Pulsiren der Ge- wisse S. 260. Schwund des Sehnerven S. 269. Excavatio glauconiatosa S. 27 1.
SIEBENTER ABSCHNITT.
Das Glaucom S. 274.
ACHTER ABSCHNITT.
Die Entzündung der Lederhaut. Scleritis.
Anatomie S. 287; Nosologie S. 288. Das Scleralstaphylom S. 289.
1. Das Sclerochorioidalstaphylom S. 289.
a) Das totale, auch Totalstaphylom des Bulbus S. 2S9.
b) Das partielle S. 291; Staphyloma sclerocbor. anticum seil annulare S. 293.
Durchbruch der Lederhaut und Vorfall der Uvea S. 295.
2. Das reine Scleralstaphylom, Staphyloma posticum Scarpae S. 299.
NEUNTER ABSCHNITT. Die Entzündung der Bindehaut. Syndesmitis.
Anatomie S. 304; Nosologie S. 306.
Katarrhalisches und blennorrhoisches Secret S. 307; Pyorrhoiscbes Se- cret, Chemosis 8. 308; hypertrophirende Entzündungen S. 309; Trachomatöse Granulationen und Körner S. 310 — 311; Syndesmitis de- (jenerativa S. 312; Syndesmitis membranosa und diphtherica S. 312 — 313; Abscesse, Herpes S. 313; Entzündliche Hyperämie und Blut- extravasate S. 314.
1. Der Bindehautkatarrh S. 315.
2. Syndesmitis membranosa S. 325.
3. Der Schleim fluss, Blennorrhoe S. 328.
4. Der Eiter fluss, Pyorrhoe S. 339.
Mondsichelförmige Hornhautgeschwüre S. 341.
5. Ophthalmoblennorrhoca infantum S. 346.
i). Der Bindehautcrojtp, Syndesmitis diphtherica S. 356.
7. Das Tracltoiii, die Ophthalmia granulosa S. 3(54.
Obsolete Granulationen, sehnige Netzwerke und Narbenflecke in der Bindehat ö. 373 — 374; Symblepharon posterius S. 375; Secundäres sulzi- ges Trachom S. 375.
8. Der Werpes conjunctivae S. 386.
Sub< junctivale Abscesse, Ophthalmia subconjunctivalis , Pannus
heipeticua S. 389. Stündige Ausgänge der Bindehautentzündungen S. 391.
[nhultsveiv.niclinlss. 1^
1. Das Elü-elfell, Pterygium 8. 391.
Die Abbindung S. 394; Die Ansschneidung 8. 395.
2. Die Dürrsucht. Xerosis conjunctivae 8. 39G.
Xerophthalmus glaber und squanunosus S. 396.
ZEHNTER ABSCHNITT. Die Entzündung der Lider. Blepharitis.
Anatomie S. 398, Nosologie S. 401.
Entzündliches Oedem, Hypertrophie der Theile, Lidabscess, Lupus, seeundäre syphilitische Geschwüre. S. 401 ; Erysipel, Verbrennungen, primäre syphilitische Geschwüre, exanthematische Efflorescenzen, Ephi- drosis oder Schweisskrankheit S. 402; Blepharitis ciliaris und tarsalis, Hordeolum, Chalazion S. 403-405.
1. Der Lidabscess S. 405.
2. Acne ciliaris, die solitäre Lidrandfinne S. 408.
3. Blepharitis ciliaris, die confluirende Lidrandfinne S. 411.
Secretorische, hypertrophirende, geschwürige Form S. 411; Tylosis, Ma- darosis, Trichiasis, Distichiasis S. 414 — 415.
4. Blepharitis tarsalis, Hordeolum, Gerstenkorn S. 420.
Hagelkorn oder Chalazion S. 423, dessen Ausschneidung S. 427. Ständige Ausgänge der Blepharitis S. 428.
1. Die Verwachsung der Lidränder, Ankyloblepharon und Blepharo- phimose S. 428.
Canlhoplastik S. 429.
2. Die Verwachsung der Lider mit dem Augapfel, Symblepharon S. 430.
Abtragung S. 433; Abschnürung und Ausschneidung S. 434.
3. Distichiasis und Trichiasis S. 435.
Ausziehen der Haare, Transplantation des Haarbodens S. 437 ; Abtra- gung des Haarbodens 8. 439; Abstechung einzelner Ciliarbüschel 8. 441.
4. Das Entropium S. 441.
Entropium spasticum S. 443; Entropium senile organicum S. 444.
Einzwängung einer Hautfalte S. 445; Abschnürung und Ausschneidung von Hautfalten S. 446 — 447; Abtragung des Lidrandes und Durch- schneidung des Lidknorpels S. 448 — 449,
5. Das Ectropium S. 449.
Ectropium paralyticum S. 450; Ectropium senile, luxurians, acutum, mechanicum S. 451; Peribrosis, Ectropium symptomaticum S. 452. Tarsoraphie 8.453; Operation des Ectropium mit Zuziehung des äusseren Integumentes S. 456; Ausschneidung der Narbe und Ble- pharoplastik S. 457 — 459; Lostrennung der Narben vom Knochen S. 459.
E1LFTER ABSCHNITT. Die Entzündung der Thränenorgane.
Anatomie 8. 460; Theorie der Thränenleitung S. 464; Nosologie S. 465. Entzündung der Thr'ünendrüse, Dacryoadenitis, Entzündung, Verengerung und Verschliessung der Thr'ünenw'drzchen und Thränenröhrchen S. 465 ; Dacryocystitis und Dacryocystoblennorrböe S. 466.
1. Die phlegmonöse Thronen schlauchen! Zündung S. 467.
Innere und äussere Thränensackfistel, C'aries des Thränenbeines S. 469.
2. Die Thränenschlauchblennorrhöe S. 473.
Behandlung S. 477; Spaltung der Thränenröhrchen und Sondirung des Nasenganges S. 478; Eröffnung des Thränensackes von aussen mit nachträglicher Einspritzung adstringirender Flüssigkeiten und Son-
* tnbaltaverzeichniss.
dirung des Nasenganges S. 480; Schliessung von Thränensackfisteln s. 482; Erweiterung des verengerten Nasenganges S. 483; Verödung des Thrä/nenaackea S. 4.S4.
ZWÖLFTER ABSCHNITT.
Die Entzündung der Orbitalgebilde.
Anatomie S. 486 ; Nosologie S. 488.
Exophthalmus mit Kropf und Herzleiden, auch Exophthalmus emaemiau oder cachecticus S. 488; Oedem und Hypertrophie des Orbitalbinde- gewebes, Abscess der Orbita, Periostitis S. 489; Knocheneiterung S. 490.
1. Der Auyenhöhlenabscess 8. 491.
2. Caries und Necrosis der Orbitalwandungen S. 497.
ZWEITES HAUPTSTÜCK. Aftergebilde oder Pseudoplasmen.
Nosologie S. 502; Exophthalmus und seine Folgen S. 503.
A. Gutartige Aftergebilde S. 504.
1. Pinguecula, Lidspaltenflcck 8. 5 04.
2. "Warzen, Dermoidgeschwülste S. 504.
3. Polypen S. 504.
4. Lipome S. 505.
5. Blutgefässschwämme, cavernose Geschwülste S. 505.
6. Zellgewcbsgeschwülste und Fibroide 8. 50(5.
Exophthalmia fungosa S 506.
7. Encbondrome, Knochenauswüchse, Gummigeschwülste , Aneurys- men S. 50(J.
8. Cysten S. 507. Behandlung 8. 507.
B. Bösartige Aftergebilde S. 510.
1. Das Epiihelialcarcinom 8. 510.
Der flache S. 510; der drüsige oder alveolare Epithelialkrebs S. 511; Der Lupus palpebrarum S. 511.
2. Das Carcinoma medulläre und melanoliciim S. 513.
Carcinoma der Hornhaut, der Iris S. 513; der Aderhaut S. all; der Netzhaut S. 516; des Sehnerven, der Episclera, der Lider, der Or- bita S. 517.
Exstirpatio bulbi 8. 521.
Enucleatio, Ausschälung des Bulbus S. 522.
Einlegung eines künstlichen Auges, Prothesis ocularis 8. 524.
DßlTTES HAUPTSTUCK. Der graue Staar. Cataracta.
Anatomie des Erystallkörpers 8. 528; Senile Veränderungen 8. 531; No- sologie S. 532.
Cataractöse Processe S. ;">•">- : lAnsenentzundung, Phakeitis S. 534 Primäre Staarformen \ Kernstaar, Phacosclerom und gemischter Staar;
[nhaltsverzeichuis.s.
XI
weicher Staar, Pliacomalacia, weicher Kerwstaar und Rindenstaar; flüssiger Milchstaar, Cataracta lactea, Pliacohydropsia S. 535. Secwidäre Metamorphosen des Staarmagma S. 53G ; Linsenkapselstaare, überreifer gemischter Staar S. 538; scheibenförmiger Staar; trocken- bülsiger häutiger Staar, Cataracta siliqnata et cystica S. 539; Cata- racta cholestearinica oder argentea, Cataracta calcarea, fettigkal- kiger Staar S. 540; Cataracta fibrosa, fibrosocalcarea, cum bursa ichorem tenente seu putrida, ossea S. 541. Partielle Cataracten. Ceutralkapselstaar, Pyramidenstaar S. 541 ; Schicht- staar S. 542; Andere Formen von partieller Cataracta S. 543.
Kraukheitsbild der einzelnen Formen S. 543. Cataractöse Sehstörungen S. 550.
Complieationen S. 552.
Ursachen S. 553,
Involution ; Cataracta diabetica S. 554 ; Entzündungen, Cataracta nigra S. 555; Verletzungen der Kapsel und Linse S. 55G ; Verunreinigte Wun- den des Krystalls, fremde Körper S. 557 ; Cornealdurchbrüche S. 558; Zusammenhangstrennungen der Zonida, Cataracta tremulans und na- tans S. 559 ; traumatische Dislocation der Linse in die Kammer, in den Glaskörper und unter die Bindehaut S. 559 — 560; Angeborne Dislocation des Krystallkörpers S. 561.
Verlauf S. 561.
Ausgänge S. 5G3.
Wirkung der Resorption bei unverletzter Kapsel, spontane Heilung S.563 ; Wirkung der Resorption bei geöffneter Kapsel S. 564 ; Krystall- wulst, Cataracta secundaria, Gefahren der Blähung des Magma S. 564 bis 568 ; Relative Heilung durch Verschiebungen des Krystallkörpers S. 568 ; Folgen der Staarblindheit 569.
Behandlung S. 570.
Therapeutische Mittel S. 571; Verminderung der Sehstörungen, Iridecto- mie, Iridodesis S. 571 — 573; Staarreife S. 573; Allgemeine Indica- tionen der Operation S. 574; Operation flüssiger und breiiger Staare S. 579 ; Operation halbweicher Staare S. 580 ; Operation harter und gemischter Staare S. 583; Operation überreifer Staare S. 586; Operation bei Vorhandensein hinterer Synechien S. 586; Operation traumatischer Staare S. 587; Operation der Nachstaare S. 588; Vorbereitungen zur Operation S. 588; Assistenz bei der Operation S. 589; Verband S. 590; Nachbehandlung S. 591.
1. Die Zerstückelung, Discissio S. 593.
Combination mit der Iridectomie S. 596.
2. Die lineare Extraction S. 597.
Combination mit der Iridectomie S. 600; Extraction durch den Leder- hautstich S. 601.
3. Die Lappenextraction S. 601.
Combination mit der Iridectomie S. 607; Auslöffelung, Excochleatio cataractae S. 608. 3. Die Mederdrückung, Depressio S. 608.
VIERTES HAUPTSTUCK. Functionsfehler.
ERSTER ABSCHNITT.
Refractions- und Accommodationsfehler.
Torbegriff S. 611.
Der dioptrische Apparat S. 611, monochromatische Abweichung oder Astig- matismus S. 612; Der lichtempfindende Apparat, Richtungstinien, Son-
X 1 1 [nhaltsverzeichniss.
derung der Theileindrücke, indirectes Sehen S 613; Einfluss derZer- streuungskreise auf das Sehen S. 614. Accommodationsvermögen, Accommodationslinien, Fern- und Nahepunkt, deutliche Sehweite oder Accommodationshrelte S. 615; Mechanismus der Accommodation S. GIG; Nerven des Acconnnodationsnmskels S. 617; Associationsverhiiltnisse des Accommodationsmuskels, Axenconver- genzen S. 617.
Nosologie S. 619.
Kurzsichtigkeit S. 619; Uebersichtigkeit S. G20; Beschränkungen des Accommodationsvermögens , Accommodationsparesen , Presbyopie
S. (120— G21; Asthenopie, Ungleichheit in der deutlichen Sehweite beider Augen S. 621 ; Mydriasis und Myosis S. 622.
1. JHe Kurzsichtigkeit S. 622.
Myopie in Distanz S. G25 ; Bathymorphie oder Langbau S. G2G; Erworbene Kurzsichtigkeit, Plesiopie oder N absieht igkeit S. 627 ; Ausgänge der Bathymorphie S. 629 und der Plesiopie S. 631; Einfluss des Al- ters S. 631; Prophylaxis S. G33 ; Brillenlehre 635 — 642; Dissections- gläser S. G42.
2. Die Uebersichtigkeit S. 642.
Plathymorphie oder Flachbau S. G45; erworbene, senile Hyperpres- byopie, Aphakia S. 646; Brillen S. 649.
3. Die Fernsichtigkeü S. 653.
Asthenopia presbyopica S. 654; Senile Fernsiehtigke.it, Accommoda- tionsparesen S. 655.
4. Die Schwachsichtigkeit, Asthenopie S. 657.
Accommadative und muscula.re Asthenopie S. 658.
5. Die Mydriasis S. 665.
6. Die Myosis S. 668.
ZWEITER ABSCHNITT.
Entoptische Erscheinungen, Scotome S. 669.
Fliegende Mücken, Mouches volantes S. 670; Beharrliche Scotome S. 671; Ephemere Scotome S. 672; Die entoptischen Kötper S. G72 bis 674.
DRITTER ABSCHNITT.
Functionsstörungen des lichtempfindenden Apparates.
Nosologie S. 67 5.
Mikropie,- Megalopie, Metamorphopsie S. 675; mangelnder Farbensinn oder Daltonismus , Chromatodysopsie , Achromatopsie S. 675; Farbig- sehen H. 676; Lichtscheu, Photophobie, Phosphene, Farbensehen, auch Chromopsie oder Chrnpsie, Pltotopsie oder Spintherismus, krankhafte Dauer der Nachbilder S. G7G — G77; Anaesthesin optica, Hemeralopie, Schuecblimlheit, Amblyopie und Amaurosis S. 678 — 679.
1. Der Nachtnebel, Hemeralopie S. 67!).
2. Der schwarze Staar, Amblyopie und Amaurose S. 684.
Unterbrechungen S. 684, Einschränkungen des Gesichtsfeldes, totale schwarze Staare S. 685.
Angeborne und entzündliche Formen S. 686; Amaurosis cerebralis oder centralis S. 686; Durchsichtige Netzhaut- und Opticusatrophie S. G86; Degenerative Procease in der Hirnsubstanz, Hydrocephalus , Menin- gitis der Schädelbasis S. 687; Geschwülste an der Schädelbasis und davon abhängige eigenthümliche Form der Neuritis optica S. 688; Circulationsstörungen, Blutextravasate, namentlich in der Netzhaut, temporäre Amaurosen S. 689; Ischämische Zustände, besonders der
Inhalts verzeichniss. XIII
Netzhaut und Embolle der Arteria centralis retinae S. 689 — 691 ; Amaurosis trifacialis, spinalis, uraemica S. 691; Amaurosis ex intoxi- caiione, selbstständige Formen der Amaurosis und Amaurosis ex anopsia S, 692. Convexgläserkur S. 693.
VIERTER ABSCHNITT.
Functionsstörungen der Augenmuskeln,
Anatomie. S. 695.
Wirkungen der Augenmuskeln S. 696. Nosologie S. 699.
Schielen; Luscitas oder Schiefstehen und Nystagmus S. 699. Kiämpfe, Ophthalmospasmus oder Tetanus oculi, Enophthalmus spasticus ; Krämpfe der Lidnntskeln, Lagophthalmus spasticus, krankhaftes Plinken, Blepharospasmus S. 700. Lähmungen, Insufflcienzen ; Lähmung der Lidmuskeln, Ptosis palpebrae superioris, Lagophthalmus paralyticus, Blepharoplegie S. 701.
1. Das Schielen, Strabismus S. 702.
Strabismus opticus und muscularis S. 706; Veränderungen des Schiel- muskels und seines Gegners S. 709; Prophylaxis S. 710; orthopä- dische Behandlung S. 711; Die Muskelrücklagerung, ihre Folgen, lndicationen und Methode S. 712; Orthopädische Nachbehandlung S. 720; Vorlagerung des Muskels S. 722; Verfahren bei Retraction der Bindehaut und Carunkel S. 723.
2. Das Augenzittern, Nystagmus S. 723.
3. Ijühmung der Augenmuskeln S. 7 26.
Allgemeine Symptome S. 726; Lähmung des Rectus externus S. 729; Lähmung des Rectus internus, superior, inferior S. 730; Lähmung des Obliquus superior und inferior so wie einzelner Muskelgruppen S. 731; Lähmung der vom Nervus oculomotorius beherrschten Muskel- gruppe S. 732; Ophthalmoplegia S. 733; Unächte und wahre, peri- phere und centrale Lähmungen, Paralysis rheumatica S. 733; Secundäre Zustände S. 735; Muskelrücklagerung S. 737; Operation der Ptosis palpebrae S. 737.
EKSTES HAUPTSTÜCK. Die Entzündung und ihre Folgen.
Allgemeines über die Behandlung der Augenentzündungen,
Die Behandlung hat im Wesentlichen die Aufgabe, die Ernährungs- niöglichkeiten des entzündeten Theiles so günstig als möglich zu gestalten, um den Ausgleich der vorhandenen Nutritionsstörung zu erleichtern. Diese Aufgabe schliesst in sich: 1. die Indicaiio causalis, welche gerichtet ist auf die Entfernung aller, sowohl innerer als äusserer, Schädlichkeiten und zwar nicht nur jener, welche im speciellen Ealle die Entzündung wirklich ange- regt haben, sondern auch jener, welche im weiteren Verlaufe des Processes auf den entzündeten Theil einwirken und dadurch den Entzündungsreiz, d. i. die durch die Summe der Schädlichkeiten hervorgebrachte örtliche Störung steigern und unterhalten könnten; 2. die Indicatio morbi, welche darauf hinzielt, dem Processe selbst Schranken zu setzen, seine Heftigkeit zu brechen und ihn den Möglichkeiten des Ausgleiches zuzuführen.
I. Die Causalindication zerfällt entsprechend der ausserordentlichen Mannigfaltigkeit möglicher Peizeinwirkungen in eine Unzahl von Special- aufgaben, welche zum Theile auf die Beseitigung und Fernhaltung mecha- nischer, chemischer, physikalischer oder organischer Schädlichkeiten hin- zielen, zum Theile aber sich beziehen auf die Tilgung oder Verminderung einer etwa vorhandenen allgemeinen oder speciellen Anlage, sofort auch die Regulirung des Kreislaufes, der Blutmischung und der Ernährung in sich fassen. "\ iele dieser ätiologischen Momente sind nur in einzelnen concreten Fällen und selbst dann nur unter ganz besonderen Verhältnissen wirksam, äussern überdies ganz häufig eine besondere Beziehung zu gewissen Oertlichkeiten und Formen des Entzünduugsprocesses und gehören sofort ganz eigentlich in das Bereich der speciellen Augenheilkunde. Ein kleinerer Theil der- selben jedoch hat eine mehr allgemeine Bedeutung, indem viele Individuen unter den verschiedensten Lebensverhältnissen ihrer schädlichen Einwir- kung mehr oder weniger ausgesetzt sind. Die Erörterung der auf sie bezüglichen Specialindicationen und der diesen entsprechenden Mittel ist der Gegenstand der folgenden Verhandlungen.
A. Enter den mechanischen Schädlichkeiten, welche am gewöhnlichsten gegebene Beizzustände oder Entzündungen der Augen steigern und unter- halten , sind besonders zu nennen :
.Stellwag, Augenheilkunde. 1
2 Augendiät; Schul/.- und Druckverban.l.
1. Vieles Reiben, Drücken, Betasten den' lAder, um unangenehme Gefühle von Jucken, Beissen, Brennen, oder wirkliche Schmerzen zu mildern; das Anpressen der Hände oder Arme, um lästiger Lichtscheu zu begegnen u. s. w. Besonders bei Kindern ist hierauf zu achten, doch trifft man ein solches zweckwidriges Betragen nicht selten auch bei Erwachsenen. Bei letzteren genügt wohl in der Begel die Belehrung, bei Kindern indessen ist man gewöhnlich genöthigt, zwangsweise zu verfahren.
Früher verwendete man als Schutzverband bindenartig zusammengefal- tete Tücher. Doch machen diese zu warm, sind durch ihre Schwere lästig und drücken überdies ganz ungleichmässig. Daher erscheint es zweck- mässiger, nahtlose 4 Zoll lange und 1 i/„ — 2 Zoll breite Streifen von Lein- wand oder noch besser von feinem Flanell zu benützen, welche Streifen schief auf die Fäden geschnitten und an beiden Enden mit dünnen Leinen- bändchen versehen werden, um sie leichter knüpfen zu können. Durch den schiefen Zug der Fäden erscheint die natürliche Elasticität jener Stoffe bedeutend erhöht, die Binde legt sich demgemäss allenthalben fest an, ohne Falten zu bilden und ohne stellenweise mehr als anderswo zu drücken. Eine Unterlage von etwas feiner Charpie oder gereinigter Baum- wolle, welche in Gestalt eines kleinen Bäuschchens über die geschlossenen Lider ausgebreitet wird, vertheilt den Druck noch gleichmässiger und macht das Oeffnen der Lider unter dem Verbände und deren sofortiges Reiben an der Oberfläche des Zeuges unmöglich.
Durch stärkeres Anziehen des Bandes , besonders bei Verwendung eines grösseren Bausches von Charpie oder Baumwolle , kann selbst ein ziemlich starker Druck auf das Auge ausgeübt werden. Der einfache Schutz- verband wird dadurch zu einem Druckverband, welcher in der Therapie der Augenkrankheiten neuester Zeit mit Recht eine ansehnliche Bolle spielt und als positives Heilmittel zu betrachten ist.
Eine Hauptregel bei der Application des Schutz- oder Druckverbandes ist, den letzteren so anzulegen, dass er fest haftet und sich nicht leicht verschiebt; widrigen- falls ist die Application desselben von Nachtheil. Besonders müssen solche Verbände mit grösster Sorgfalt angelegt werden, wenn sie bestimmt sind, über Nacht während des Schlafes liegen zu bleiben, denn da werden sie am öftesten verrückt.
2. Die Einwirkung von Staub auf den Bindehautsack und die Hornhaut. Die Beschäftigung mit staubenden Körpern, der Aufenthalt in staubigen Localitäten, z. B. in den "Wohnzimmern während des Auskehrens, so wie das Ausgehen bei staubgeschwängerter Atmosphäre ist bei Vorhandensein eines nur einigermassen heftigeren Beizzustaudes der Augen strengstens zu untersagen , da die gegen die Einwirkung des Staubes anwendbaren Mittel kaum jemals ihrem Zwecke vollkommen entsprechen. Es genügen dieselben nur, wenn es sich um ganz geringfügige Beizzustände handelt, überhaupt, wenn die Krankheit von der Art ist, dass eine vorübergehende leichte Irritation oder eine unbedeutende Steigerung des vorhandenen Beiz- zustaudes keine besonderen Gefahren in sich schliesst, z. B. bei einem chronischen Katarrhe, einem Trachome in den späteren Stadien u. s. w. Es sind diese Mittel:
a) Staubbrillen. Als solche wurden einstmals netzähnliche Stoffe oder feine Gitter von Draht in einer Art Brillenfassung, welche ringsum mög- lichst genau dem Augenhöhlenrande anpasst, verwendet.
Staubbrillen, Schleier, chemische .Schädlichkeiten. O
Es haben diese Staubbrillen den Naehtlieil, dass das Auge hinter ihnen fortwährend in Dunst gehüllt ist, indem die an der Oberfläche des Auges evaporirenden Feuchtig- keiten zurückgehalten -werden. Dadurch werden aber Keizzustände eher vermehrt, als vermindert. Der Hauptgrund ihrer Unbrauchbarkeit liegt jedoch in der Beeinträch- tigung des deutlichen Seitens, welche die Kranken zwingt, ihre Augen stark anzu- strengen, um die Gegenstände ringsumher in genügend lichtstarken und scharfen Bildern zur Wahrnehmung zu bringen. Es wird durch das Gitterwerk nämlich viel objeetives Licht aufgehalten, besonders an der Peripherie der Staubbrille, da hier die Oemutngen der Maschen in ungünstigen Winkeln zur Aussenwelt und zum Auge stellen und namhaft verkleinert wenn nicht ganz verschlossen erscheinen, daher das Gesichtsfeld auch eine wesentliche Einschränkung erleidet. Anderseits kommen hier aber auch die vielfachen Beugungen in Betracht, welche das durchtretende Licht an dem Gitterwerke erleidet. Ueberdies ist es klar, dass in staubgeschwängerter Atmo- sphäre , in welcher eben diese Brillen zu benützen wären , die Maschen sich alsbald mit Staubtheilchen füllen, und jene Fehler vergrössern.
Gewöhnliche Glasbrille?! sind den Staubbrillen der oben erwähnten Art vorzuziehen. Sie schützen freilich das Auge weniger; allein wo der Staub in solcher Menge gegeben ist, dass der durch gewöhnliche Glasbrillen gewährte Schutz nicht zureicht, oder wo schon eine geringe Menge Staub, wenn er mit der Oberfläche des Auges in Berührung kömmt, nachtheilige Folgen mit sich bringt, thut der Arzt besser, dem Kranken den Aufent- halt an solchen Orten vollkommen zu untersagen. Es versteht sich von selbst, dass für normal- und weitsichtige Individuen plan geschliffene Gläser, für Kurzsichtige aber entsprechende Zerstreuungsgläser zu wählen seien. Bunde Gläser von ungefähr einem Zoll Durchmesser sind den moder- nen elliptischen von geringem Umfange aus begreiflichen Gründen vor- zuziehen.
b) Schleier. Sie sind besonders bei Kindern und Frauen anwendbar; da dieselben aber dem Zwecke sicherlieh besser entsprechen, als Staubbrillen, könnten sie auch Männern empfohlen werden. Es sollen die Schleier nicht gar zu dicht und nicht gemustert sein, da sie sonst ähnliche Nach- theile wie Staubbrillen mit sich bringen.
B. Unter den chemischen Schädlichkeiten verdienen besondere Auf- merksamkeit:
1. Verunreinigungen des Lidrandes oder des Bindehautsackes mit gelösten oder löslichen Substanzen mannigfaltiger Art, vorzüglich mit Schmutz. Bei Kindern kann man hierauf nicht genug achten, wenn der Fall ein solcher ist, dass ein Schutzverband nicht angezeigt, oder aus welcher Ursache immer unanwendbar ist. Sie besudeln sich bei ihren Spielen alle Augen- blicke Hände und Gesicht und reiben den Schmutz in die Augen, indem sie juckende, beissende Gefühle u. s. w. zu bekämpfen suchen.
Die dagegen zu ergreifenden Massregeln liegen auf der Hand. Es sei daher nur im Torbeigehen erwähnt, dass den Eltern und Bflegern von Kindern ausser Beinlichkeit im Allgemeinen ganz besonders anzuempfehlen sei, Hände und Gesicht ihrer Pflegebefohlenen öfters des Tages, allenfalls alle 2 — 3 Stunden zu waschen, und alles schmutzige Spielzeug so wie verunreinigte Wäsche, Yerbandstücke u. s. w. ferne zu halten.
2. Die Einwirkung therapeutischer Mittel. Abgesehen von Augenwässern, Salben etc. welche zur Unzeit, in zu starker Dosis oder zu oft unmittelbar auf den Bindehautsack und den Augäpfel applicirt werden, können durch Vermehrung der Eeizung oder Ent- zündung schädlich werden: Salben, Tincturen u. dgl. , welche zum Zwecke der Irri- tation, der Bethätigung der Kesorption, der Narkose u. s. w. auf die Fläche der Lider,
1*
4 Aiigendiät; Tabakschnupfen, unreine Luft.
oder deren nächste Umgebung angewendet werden; Hrciumsehläge und Fomentationen mit Abgüssen oder Absöden verschiedener pflanzlicher Ilcilstoffe; Räder, welche durch Beigabe von Salzen , von Decocten mancher Wurzeln oder Rinden angeblieh wirk- samer gemacht werden u. s. w. Bei minder sorgsamen Individuen, insbesondere bei Kindern, ist es nämlich kaum zu vermeiden, dass die Augen nicht mit den gebrauchten Stoffen von Zeit zu Zeit verunreinigt werden und eine solche Verunreinigung ist um so gefährlicher, je höhergradig der vorhandene Reizzustand ist. Auch Vesicantien, welche doch meistbin ziemlich ferne vom Auge applicirt werden, führen auf diese Weise nicht selten zu argen Verschlimmerungen des Zustandes. Die Kranken kratzen, wischen, drücken nämlich ganz gewöhnlich ohne Unterbrechung an dn\- wunden Stelle herum, um die lästigen Gefühle zu besänftigen, welche das Vesicator verursacht, oder um die Excrete der epidermislosen Hautpartie zu entfernen, verunreinigen sich so die Hände und mittelbar auch die empfindliche Oberfläche des Gesichtsorgans.
3. Das Tabakschnupfen. Es reizt die Augen um so mehr, je weniger das Individuum daran gewöhnt ist, daher bei Dilettanten gewöhnlich eine leichte Tujection der Bindehaut und nebst heftigem Niesen ein starker ThränenfLuss auf das Nehmen einer Prise folgt. Es kann in Berücksich- tigung dessen das Schnupfen nur in dem Falle gestattet werden, als der Kranke ein Gewohnhcitsschnupfer ist, und eine leichte Steigerung des Reizzustandes keine Gefahren in sich schlicsst. Bei Entzündungen, welche leicht schlimme Folgen nach sich ziehen können, kann selbst dem Gewohn- heitsschnupfer nur ausnahmsweise und mit grosser Vorsicht, ein massiger Gebrauch des Schnupftabaks zugestanden werden.
4. Der Aufenthalt in dumpfen, feuchten, von Rauch, excrementitiellen E.rha- lationen, von reizenden Dämpfen irgendwelcher Art erfüllten Räumen. Beine Luft ist in der That eines der wichtigsten Erfordernisse zur wirksamen Behandlung von Ophthalmien. Es kann daher auch nicht dringend genug empfohlen werden, Augenkrankc in Bäumen .unterzubringen, welche sich leicht und vollständig lüften lassen, und von diesen Bäumen alle eben genannten Schädlichkeiten so ferne als möglich zu halten. Insbesondere in Spitälern, in den Marodezimmern der Kasernen, in den Wohnungen der Armen und überall , wo ein gedrängteres Beisammensein vieler Indi- viduen in einem relativ kleinen Baume von den Umständen geboten ist, muss auf Lüftung und zweckdienliche Säuberung der Localitäten mit grösster Strenge gedrungen werden, soll der Verlauf gegebener Ophthal- mien sich günstig gestalten.
Speciell muss aufmerksam gemacht werden auf das Kochen, Waschen, die Aus- übung mancher gestankreichen Gewerbe in den Wohnzimmern ärmerer Leute; auf das Stehenlassen von Speiseresten, von halbgefüllten Leibstühlen und Nachtgeschirren in den Krankensälen; auf die. Aufbewahrung schmutziger Wäsche in denselben u. s. w.
Es ist jedoch der Zustand des Kranken nicht immer von der Art, dass derselbe das Zimmer zu hüten nothwendig hätte. In vielen Fällen ist es geradezu wünschenswerth , dass der Kranke sich öfters im Freien ergehe. Bei einem solchen Zugesländnisse , sowie bei der Anempfehlung von Spaziergängen möge jedoch der Arzt nie vergessen, den Charakter des Kranken und dessen augenfällige Neigung zu Ueberschreitungen in Betracht zu ziehen. Die Vorsicht gebietet, dem Kranken den Besuch von W'irtlis- und Katt'eehäusern, von Theatern, Bällen, Concerten und überhaupt allen Orten, wo viele Menschen versammelt zu sein pflegen, ausdrücklich und strengstens zu untersagen. In solcben Localitäten pflegen nämlich jene Schädlichkeiten sich gleichsam zu concentriren und wirken im Verein mit manches anderen schädlichen Einflüssen, z. B. greller, ungleichmässiger
Tabakrauch, Wind, "Wärme. 5
Erleuchtung so mächtig, dass selbst ganz geringfügige Reizzustände zu den heftigsten und verderblichsten Entzündungen gesteigert werden können.
In Spitälern und ähnlichen Instituten ist es auch von Belang , den Zustand der Abtritte ins Auge zu fassen. Häufig sind dieselben wahre Höllenpfuhle, deren pestilenzialische Ausdünstungen selbst gesunden Augen Thränen auspressen , Augenkranken natürlich itm so verderblicher sind, und von diesen daher nicht besucht werden sollten. Eine ganz besondere Erwähnung verdient endlich noch
5. der Tabakrauch. Es ist derselbe ein arger Feind gereizter Augen und es hat daher als strenge Regel zu gelten, dass derlei Kranke stets und unter allen Umständen den Aufenthalt in geschlossenen Räumen, wo geraucht wird, zu meiden haben ; dass Kranke mit gereizten Augen daher in ihren Wohnzimmern weder selbst rauchen, noch von Anderen rauchen lassen dürfen, selbst wenn die Lüftung leicht möglich wäre.
Bei ganz leichten Eeizzustänclen jedoch, welche dem Kranken den Aufenthalt in freier Luft gestatten, aber auch nur hei diesen, ist ein absolutes Verbot des Rau- chens nicht immer unbedingt zu rechtfertigen. Leidenschaftliche Gewohnheitsraucher entbehren diesen Genuss allzuschwer, und werden leicht zu heimlichen Uebertretungen des ärztlichen Verbotes gedrängt. In Fällen, wo aus einer leichten Steigerung der Reizung keine sonderlichen Gefahren resultiren können , erscheint es daher besser, dem Kranken unter dringender Ermahnung zur äussersten Massigkeit Vorschriften zu ertheilen, deren Befolgung den schädlichen Einfluss des Tabakrauches wesentlich zu mildern im Stande ist. Erste Regel ist, nur in freier Luft, am besten bei leichtem Luftzuge zu rauchen, da hier eben die Gefahr wegfällt, dass grössere Quantitäten Rauch das Auge treffen. Zum grösseren Schutze kann der Kranke bierbei Brillen tragen oder die Augen schliessen. Mau hat meistens auch lange Pfeifenröhren empfohlen, und zwar mit gutem Grunde. Lange Röhren halten nämlich gerade jenen Theil des Rauches ferne vom Auge, welcher unmittelbar dem Glimmherde entströmt, heisser und schärfer ist und auf dessen Richtung selbst geübte Raucher weniger Einfluss haben. Sie mildern also die schädliche Einwirkung des Tabaks bedeutend. Doch ist wohl zu merken, dass lange Röhren meistens auch schwer seien. Hat der Kranke die Gewohnheit, die Pfeife im Munde festzuhalten, indem er die Rohrspitze zwischen den Zähnen einklemmt, so kann daraus leicht eine andere Gefahr entstehen. Um eine schwere Pfeife mit den Zähnen zu tragen, müssen die Kaumuskeln sich bedeutend anstrengen; dadurch werden aber die von der Orbita kommenden und in die Hals- venen eingehenden Venenstämme leicht comprimirt und sofort Blutstockungen in der Augenhöhle begünstigt. Leichter, geschnittener Tabak hat im Allgemeinen den Vorzug vor den überaus starken Cigarren , doch hat der erstere wieder den Nachtheil , dass er , indem er aus Pfeifen geraucht wird , vermöge der Grösse des Gluthherdes weit mehr Rauch entwickelt und den Kranken oft völlig in eine Wolke einhüllt.
C. Unter den physikalischen Schädlichkeiten sind vornehmlich zu beachten:
1. Der Wind. Dieser ist bei Vorhandensein eines Reizzustandes der Augen strengstens zu meiden, selbst wenn er nur mittlere Grade von Hef- tigkeit zeigt und staubfrei ist. Schon geringfügige Reizzustände der Augen werden durch die Einwirkung des Windes auffällig verschlimmert. Der Arzt thut daher wohl, wenn er unter solchen Verhältnissen den Kranken im Zimmer zurückhält, umsomehr, als Brillen nur einen ungenügenden Schutz gewähren, und die allerdings mehr entsprechenden Schleier nicht allenthalben anwendbar sind.
2. Höhere Grade von Wärme. Eeuerarbeiter , Köche, Bäcker u. s. w. sind deren Einwirkung besonders ausgesetzt und müssen daher auch speciell über den schädlichen Einfluss derselben aufgeklärt werden. Auch der üblen Gewohnheit mancher Leute, sich so nahe als möglich an den ge- heizten Ofen oder gar auf denselben zu setzen, sei hier, als einer erfah-
6 Augen cU&t; Külto. Temperatan^echsel.
rungsmässigen Quelle von Beizzusländen und von »Steigerungen vorhandener Entzündungen gedacht. In Spitälern und den Wohnungen der niederen Volksclassen wird der Arzt oft gezwungen sein, strenge Massregeln dagegen ins Werk zu setzen. Ueberhaupt ist festzuhalten, dass eine gleichmässige mehr kühle Temperatur der Zimmer, in welchen sich Augenkranke auf- halten, etwa 14 — -15 Grad Beaumur, dem therapeutischen Zwecke am besten entspreche.
3. Höhere. Kältegrade. Diese werden im Allgemeinen, wenigstens zeit- weilig, besser vertragen, als höhere Wärmegrade. Bindehantkranke insbe- sondere fühlen sich in der ruhigen Luft eines kalten Wintertages auffällig Avohl. Bei Gegebensein heftiger Beizzustände und Entzündungen der tie- feren Bulbusorgane, der Iris, Aderhaut u. s. w. dürfte indessen der Auf- enthalt des Kranken in freier Luft bei höheren Kältegraden kaum ohne Gefahr sein, wegen der Unmöglichkeit, die Kälte ohne starke Bewegung längere Zeit auszuhalten und die mit Hecht so gefürchteten Contraste in den einwirkenden Wärmegraden zu vermeiden.
4. Starker und plötzlicher Temper aturivechsel , schnelle Abkühlung einer erwärmten Körperstelle oder rasche und ungleiche Erhitzung einer der natürlichen Wärme beraubten Partie ist seit jeher und zwar mit gutem Grunde als eine der häufigeren Ursachen von Entzündungen oder Beiz- zuständen anerkannt worden. Der plötzliche Wechsel in den localen Ver- hältnissen des Kreislaufes spielt hierbei sicherlich eine bedeutende Bolle. Der rasche Temperaturwechsel nun ist es gerade, welcher die sogenannte Zugluft zu einem gefürchteten Agens macht und die sorgsamste Fernhal- tung derselben als eine wichtige therapeutische Aufgabe erscheinen lässt.
Zu diesem Ende ist es jedoch keineswegs nothvvendig, den Kranken mit Tüchern, Wachstaffet etc. förmlich einzuhüllen, oder ihn ans Bett zu fesseln, und allenfalls dessen Kopfende mit Leintüchern zu überdachen oder die Lagerstätte mit Vorhängen oder Bettschirmen zu umgeben. Dadurch wird der Kranke überaus beengt, belästigt und unruhig, gewöhnlich bricht bald ein heftiger Schweiss aus, selbst Congestionen zum Kopfe werden veranlasst und nicht selten führt die Behinderung des nöthigen Luftwechsels zu allgemeiner Erkrankung. Der Kranke rauss frei athmen können; daher erscheint es am zvveckmässigsten, ihm den ohnehin engen Raum eines Zimmers nicht noch mehr zu verkümmern und nur dafür zu sorgen, dass er, er möge nun im Bette liegen oder frei im Zimmer umhergehen, niemals an Stellen verweile , die dem Zuge ausgesetzt sind. Die Schädlichkeit raschen Temperatur wechseis lässt es auch gerathen erscheinen, in Fällen, in welchen eine gleichmässige Wärme durch die Um- stände geboten ist, das kalte. Waschen zu meiden und umgekehrt dort, wo Kälte als therapeutisches Mittel angewendet wird, das Heisswerden der Umschläge durch raschen Wechsel derselben zu verhindern und zo eine gleichmässige niedere Temperatur zu erzielen.
D. Von hervorragender Wichtigkeit ist bei der Behandlung gereizter oder entzündeter Augen die Rec/ulirung des Lichtes, denn unzweckmässige Erleuchtung des Auges gehört zu den wirksamsten physikalischen Schäd- lichkeiten. In einzelnen Fällen ist es nothwendig, das Licht völlig vom Auge abzuhalten, was entweder durch möglichste Verfinsterung des Zim- mers, in welchem sich der Kranke aufhält, oder durch den Schutzverband erzielt wird. In der bei weitem grössten Anzahl der Fälle indessen ist eine solche Absperrung des Lichtes nicht nur unnöthig, sondern sogar schädlich, indem der Kranke sich in der Beconvalescenz nur äusserst schwer wieder an das Licht gewöhnt und, wenn bei der Zulassung grösserer Erleuchtungsintensitäten nicht mit Vorsicht zu Werke gegangen und nur
Fenstervovhäuge, Lichtschirme. 7
ganz allinählig gestiegen wird, leicht wieder Becidiven hervorgerufen werden. Durch allzugrossc Dunkelheit wird sohin die Beconvalescenz verzögert, abgesehen von dem üblen Einflüsse, welchen ein längerer Aufenthalt im lichtarmen Baume auf das Allgemeinbefinden auszuüben im Stande ist. Massige Erleuchtungsintensitäten , ungefähr wie sie die Abenddämmerung mit sich bringt, dürften dem Zwecke am besten entsprechen. Gradationen sind hierbei natürlich nicht ausgeschlossen. Sie wären je nach der Em- pfindlichkeit des Kranken zu wählen. Doch ist hierbei nicht zu vergessen, dass manche Patienten über Gebühr wehleidig sind und dass, um die Augen nicht mehr als nöthig vom Lichte zu entwöhnen, es gerathen erscheint, mehr auf den objeetiven Zustand als auf die subjeetiven Gefühle des Kranken Rücksicht zu nehmen.
Ganz besonders wichtig und niemals zu vernachlässigen ist jedoch unter allen Verhältnissen die sorgsame Fernhaltung aller Contraste. Es kann sich nämlich ein krankes Auge selbst an ziemlich ansehnliche Erleuch- tungsintensitäten gewöhnen, Contraste aber verträgt sogar ein gesundes Auge nur schwer und ein gereiztes Auge wird davon stets in sehr auf- fälligem Grade afficirt. Der Arzt hat sonach sein Augenmerk vornehmlich auf möglichste Gleichmässigkeil der Erleuchtung zu richten. Die Mittel, welche das Auge vor zu grellem Lichte schützen und seine Erleuchtung möglichst gleichmässig gestalten können oder sollen, sind:
1. Fenstervorhänge. Sie können bei der Behandlung von Reizzuständen des Auges kaum entbehrt werden und sind, wo es sich nicht um völlige Verfinsterung des Zimmers, in welchem sich der Kranke aufhält, handelt, den Läden vorzuziehen.
Es müssen stets alle Fenster des Gemaches verhängt sein, und wenn die Thüre desselben auf einen sehr hell erleuchteten Raum führt, ist es von grossem Vortheil, auch dessen Erleuchtung abzuschwächen. Die Vorhänge müssen das Fenster völlig decken, so dass an den Seiten keine Spalten bleiben, durch welche das Licht dringen könnte, denn dadurch würden sehr starke Lichtcontraste geradezu bedingt. Aus dem- selben Grunde muss der Zeug, aus welchem die Vorhänge bestehen, auch hinlänglich dicht sein, besonders wenn die betreffenden Fenster von der Sonne beschienen werden, weil dann an den Lücken des Zeuges lebhafte Beugungsphänomene zu Stande kommen, welche das an Dunkelheit gewöhnte Auge doppelt unangenehm berühren. An Fenstern, welche niemals dem directen Sonnenlichte ausgesetzt sind, genügen dünne, selbst kreppartige Zeuge vollkommen. Die Farbe des Zeuges sei stets eine mehr düstere, am besten grau, oder blau oder violett. Die beliebten grünen Vorhänge sind weniger zu empfehlen, da sie im durchgelassenen Lichte gewöhnlich eine sehr grelle Färbung zeigen, und dem Auge wehe thun. Intensives Grün ist nämlich durchaus keine soge- nannte milde Farbe, es steht dem Gelb des Sonnenspectrums am nächsten und dieses ist anerkannter Massen die am meisten reizende Farbe. Nur reflectirtes Grün, wie das der "Wiesen, des Laubes etc., thut dem Auge wohl; Grün im durchgelassenen Lichte trifft das Auge sehr empfindlich. Es versteht sich von selbst, dass die moder- nen in den grellsten Farben gemalten Fenstervorhänge dem Zwecke am wenigsten entsprechen.
2. Lichtschirme. Sie können nicht entbehrt werden, wo die Umstände den Aufenthalt des Kranken in einem künstlich erleuchteten Zimmer noth- wendig machen; da eine Umstellung des Patienten mit Bettschirmen u. dgl. die Luftcirculation in der Umgebung desselben erschweren und ihn sehr belästigen würde. Bewegt sich der Kranke in dem Zimmer frei herum, so ist ein kegelförmiger Schirm mit abgestutzter Spitze, welcher die Flamme ringsum deckt, erforderlich. Im Gegentheile genügt es, nur jene Seite der Flamme zu verhüllen, welche gegen den Buheplatz des Kranken hin sieht.
8 Augendiät ; Augenschirme, Schleier.
Zu diesem Ende können die früher modern gewesenen planen Lichtschirme ver- wendet werden, welche vor die Flamme gestellt werden ; oder aber man benützt hierzu ein Blatt groben Papiers, welches in beliebiger Weise an der entsprechenden Seite befestigt wird. Falls eine Lampe gebrannt wird, ist es am besten, an dem einen Ende eines oval geschnittenen Quartblattes von grauem Papier eine runde Oeffnung auszu- schneiden und den so verfertigten einfachen Schirm dadurch zu fixiren, dass man den Glascylinder durch die Oeffnung desselben steckt und das Papier sofort über die Glas- kugel der Lampe herabhängen lässt. Graues Papier, vorzüglich gleichmässig dichtes Fliesspapier, ist in der That das beste Materiale zu solchen Schirmen. Grell gefärbte, insbesondere die beliebten hellgrünen oder hellblauen Schirme entsprechen wegen der Intensität ihrer Färbung im durchgelassenen Lichte dem Zwecke nicht. Noch weniger sind begreiflicher Weise bunt gemalte, mit mannigfaltigen Figuren verzierte oder gar durchbrochene Schirme zu empfehlen. Auch ganz undurchsichtige Schirme, z. B. blecherne, sind unbrauchbar, da der Contrast zwischen der von ihnen beschatteten und den erleuchteten Stellen ein sehr grosser ist.
3. Augenschirme. Sie können nur dann von "Nutzen sein , wenn es darauf ankömmt, die directen Strahlen der Sonne oder einer anderen nahe- gelegenen Quelle intensiven Lichtes von den Augen abzuhalten. Gegen diffuses Licht leisten sie wenig oder nichts.
Um dieses abzuwehren, müssten sie nämlich in einem sehr spitzen Winkel zur Fläche des Gesichtes gestellt werden. Dann sieht der Kranke aber aus einem sehr dunklen Räume in einen hellen und der so erzeugte Lichtcontrast hat dieselbe Wir- kung, als wenn der Kranke aus einem finsteren Keller durch ein Fenster auf den hell erleuchteten Himmel blicken würde. Kranke mit wirklich gereizten und gegen Licht sehr empfindlichen Augen schieben deswegen in einem mit diffusem Licht grell erleuchteten Räume auch gewöhnlich den Augenschirm so hoch auf die Stirne hinauf oder stellen ihn in einen so grossen Winkel zur Gesichtsfläche, dass die Augen wenig oder nicht beschattet sind, und falls sie dieses nicht thun, sind sie von dem Lichte mehr belästigt, als trügen sie keinen Schirm,
Dienen Augenschirme Mos gegen directes Licht und sollen sie die Contrastwirkung des diffusen Lichtes durch starke Verdunkelung der nächsten Umgebung des Auges nicht übermässig erhöhen : so kann ihre richtige Stellung zur Gesichtsfläche nur eine nahezu rechtwinkelige sein.
Das Materiale, aus welchem Augenschirme verfertigt werden, ist von unterge- ordneter Bedeutung. Immerhin jedoch verdient es bemerkt zu werden, dass Schirme aus grobem grauen Papier, allenfalls aus den Einhüllungen von Zuckerhüten, mittelst angenähten Leinwandbändchen an dem Kopfe befestigt, am meisten zu empfehlen sind wegen ihrer Geschmeidigkeit , Leichtigkeit und Billigkeit. Grüntaffetne Schirme mit Drahtgerüsten taugen insoferne weniger, als sie im directen Sonnenlichte viel hell- grünes Licht durchlassen und als ihr Drahtgestelle gerne an der Schläfe drückt und dadurch unerträglich wird. Die Pappschirme sind ihrer Steifigkeit halber sehr unan- genehm.
Uebrigens liegt die Entbehrlichkeit der Augenschirme auf der Hand, da bei der künstlichen Beleuchtung Lichtschirme genügen , im directen Sonnenlichte aber breit- krämpige Hüte und Kappen mit grossen Schilden mit weit geringerer Belästigung getragen werden.
4. Schleier. Sie finden ihre Anwendung besonders bei Frauen und Kindern, denen bei gereizten Augen der Aufenthalt im Freien zusagt. Am besten sind glatte graue oder schwarze Schleier, weniger gut grüne, gelbe etc.
5. Schutzbrillen. Früher wurden grüne oder blaue in Brillenform gefasste Gläser als Schutzmittel gegen grelle Beleuchtung empfohlen. Sie entsprechen jedoch ihrem Zwecke nicht.
Das sehr intensive und überdies stark ins Gelbe hinneigende Grün, welches grüne Brillen im durchgelassenen Lichte zur Wahrnehmung bringen, ist nämlich für gereizte Augen nichts weniger als angenehm, wie ein damit in hellem Lichte ange-
Schutzbrillen, Lonclon-smoks. y
stelltes Experiment dartlmt. Als weiterer Beweis für die mächtige Einwirkung grellen grünen Lichtes auf den lichtempfindenden Apparat kann die Thatsache gelten, dass Kranke , welche zum längeren Tragen solcher Gläser verurtheilt werden , nach Ab- leguiig derselben öfters eine gewisse Zeit hindurch das ganze Gesichtsfeld in der complementären Farbe sehen.
Blaue Gläser sind jedenfalls den grünen vorzuziehen, da die blaue Farbe ver- möge ihrer mehr excentrischen Lage im Sonnenspectrnm einen weniger kräftigen Eindruck auf den lichtempfindenden Apparat macht. Doch auch sie entsprechen dem Zwecke nicht vollkommen. Um gereizten Augen gegen grelles Licht hinlänglichen Schutz zu gewähren, müsste ihre Farbe eine ziemlich gesättigte sein. Dann ist aber auch die Intensität des durchgelassenen blauen Lichtes eine sehr bedeutende und das Resultat ist ein ähnliches, wie bei den grünen Schutzbrillen. Intensiv blau gefärbte Gläser sind also eher schädlich als nützlich. Blassblaue Gläser hingegen gewähren keinen erheblichen Schutz, sie schwächen das Licht nur wenig ab. Sie könnten also nur genügen, wo es sich um sehr geringfügige und gefahrlose Reizzustände der Augen handelt und da sind Schutzbrillen ohnedies fast überflüssig; oder aber wo an und für sich geringe Erleuchtungsintensitäten noch zu massigen wären. Wo aber schon geringfügige Erleuchtungsintensitäten als fernzuhaltende Schädlichkeit erscheinen, ist es sicher gerathener, die Kranken in einem dunklen Räume zu Hause zu halten, als sie der Einwirkung wechselnden Lichtes im Freien auszusetzen. Man kann daher blassblaue Brillen wohl als Staubbrillen, keineswegs aber als Schutzbrillen im engeren Wortsinne betrachten. Dass sie dermalen so häufig getragen werden , kömmt mehr auf Rechnung der Mode, sie sind Toiletteartikel geworden.
Rmichgraue Gläser, London-smolcs , schwächen das durchtretende Licht sehr merklich ab , und dieses zwar natürlich im Verhältnisse zur Tiefe ihrer Nuance. Sie hüllen alle Objecte des Gesichtsfeldes gleichsam in die Dämmerung des Abends oder eines sehr trüben Tages, lassen die beschauten Gegenstände in der natürlichen, in Bezug auf Intensität aber sehr gemil- derten Färbung erscheinen und entsprechen im Ganzen völlig dem Zwecke, welchen man vernünftiger Weise mit dem Tragen derselben verbinden kann. Man hat solche rauchgraue Gläser von allen möglichen Nuancen. Doch sind nur die lichtgefärbten verwendbar.
Jene, deren Farbe im reflectirten Lichte sich dem Schwarz nähert, verdunkeln das Gesichtsfeld zu sehr ; sie verwöhnen die Augen und erschweren so die Rückkehr zur normalen Beleuchtung des Gesichtsfeldes; sie verhindern weiters das deutliche Sehen nur einigermassen ferner gelegener Gegenstände und werden so nicht selten Veranlassung, dass der Kranke behufs des Erkennens der ihn umgebenden Objecte seine Augen über Gebühr anstrengt und so den Reizzustand vermehrt. Jedermann kann sich von der Lästigkeit tiefgrau gefärbter Gläser durch eigene Erfahrung über- zeugen. Uebrigens ist es einerseits von selbst verständlich, dass Augen, welche einer bedeutenden Verdunkelung des Gesichtsfeldes benöthigen, besser in verdunkelten Zim- mern gehalten werden, da die Schutzbrillen die in der freien Natur so häufigen Be- leuchtungscontraste sicherlich nicht genügend mildern; anderseits liegt es auf der Hand, dass solche dunkle Brillen selbst starke Beleuchtungscontraste im Gesichtsfelde erzeugen, indem sie kaum jemals den Orbitalrändern genau anpassen und so von allen Seiten her ungeschwächtes Licht auf die Netzhautperipherie gelangen lassen.
Dieser letztere Uebelstand macht sich zwar auch bei lichtrauchgrauen Gläsern bemerklich , jedoch sicher in weit geringerem Masse. Zu berücksichtigen ist er in- dessen jedenfalls und zu verkleinern, so viel als nur möglich. Zu diesem Ende ist es rathsam, runde Gläser von etwas mehr als einem Zoll Durchmesser zu verwenden. Im Nothfalle kann man auch Seitengläser anbringen, doch im Allgemeinen sind diese nicht zu loben, da vier Gläser mit der nothwendigen Fassung die Brille sehr schwer und lästig machen , auch das Auge zu sehr an geringe Erleuchtungsintensitäten ge- wöhnen und die freie Luftcirculation in der nächsten Umgebung des Auges sehr beeinträchtigen. Ganz verwerflich sind kleine ovale Gläser, da sie nur das Centrum des Gesichtsfeldes decken und von allen Seiten viel ungeschwächtes Licht ins Auge eindringen lassen. Sehr wichtig ist es, darauf zu sehen, dass der Nasenbügel der Brille nicht zu lang sei und sofort den Innentheil des Gesichtsfeldes gehörig decke. Ausser- dem ist bei der Wahl einer solchen Schutzbrille sehr darauf zu achten, dass das Glas
10 AagendiSt; Sobatzbrlllen.
rein sei und keine Wellen, Streifen, Kratzer in seinem Gefüge habe, weiters dass seine Farbe eine rein graue sei and nicht etwa, wie dieses sehr häufig der Fall ist, ins Gelbliche oder Bräunliche spiele. Zu diesem Ende lege man die Brille nach sorg- fältiger Prüfung ihrer Oberflächen flach auf ein Blatt weisses Papier oder auf einen beliebigen anderen rein weissen Körper, wo sich die erwähnten Fehler sehr leicht auffinden lassen. Besonders nothwendig ist dieses, wenn die Gläser von obscuren Optikern gekauft werden, da diese wegen der grossen Theuerung reiner Waare gerne Ausschuss zu ihren Erzeugnissen verwenden.
Es sollen die Schutzbrillen immer plan geschliffen sein, da die Nuance ihrer Färbung zum guten Theilo von ihrer Dicke abhängt, coneave daher die Peripherie des Gesichtsfeldes , convexe aber das Centrum desselben mehr beschatten müssen, und zwar in einem um so grösseren Missverhält- nisse, je dunkler das Glas gefärbt und je stärker die Convexität seiner beiden Schliff Mächen ist.
Schutzbrillen sind eben nicht zum genauen Sehen und der letzterwähnte Fehler tritt um so störender hervor, je grösser der Accommodationsfehler der Augen ist, je stärker gekrümmte Oberflächen an den Brillengläsern also benötliiget werden. Für sehr kurzsichtige oder stark hyperpresbyopische Individuen , welche ohne Zuhilfenahme entsprechender Zerstreuungsgläser oder Sammellinsen nur schwer im Freien herum- gehen können, liegt indessen ein Auskunftsmittel darin, dass man aus farblosem Glase planconcave oder planconvexe Brillen von der erforderlichen Brennweite schleifen und an die plane Fläche derselben mittelst Canadabalsam ein planes rauch- graues Glas kitten lässt.
Beim Gebrauche von Schutzbrillen ist Vorsicht nöthig, widrigenfalls eher Schaden als Nutzen gestiftet wird. Vor allem ist dem Kranken zu be- deuten, dass die Schutzbrillen nur gegen höhergradige Erleuchtungsinten- sitäten zu verwenden seien , indem sie , bei niederen Erleuchtungsintensi- täten in Gebrauch gezogen , das Gesichtsfeld zu stark verdunkeln, das Auge an diese Dunkelheit gewöhnen und daher nicht mehr hinreichen, um die Reizwirkung hellen Lichtes genügend zu mildern, überdies aber die Reconvalescenz verlängern.
Sie sind also nur zu tragen, wenn die Helligkeit eines sonnigen Tages, der Reflex sonnenbeschienener Schnee-, Sand-, Wasserflächen u. s. w. zu dämpfen ist, gleichviel ob das grelle Licht das gesammte Gesichtsfeld oder nur einen Theil des- selben erleuchtet. Im Gegentheile müssen sie sogleich abgenommen werden, wenn der Kranke in den gleichmässigen Schatten eines Hauses, eines Waldes u. s. w. eintritt, sowie sie überhaupt auch in der Dämmerung und Nacht, an trüben Tagen etc. zu meiden sind. Insbesondere wichtig ist, dass der Kranke die Schutzbrille immer erst dann aufsetzt , wenn er aus dem gleichmässig schattigen Räume seines Zim- mers etc. in einen für den Reizzustand seines Auges zu hellen Raum, z. B. ins Freie heraustritt. Würde der Kranke die Schutzbrille längere Zeit im Zimmer ver- wenden und mit ihr ins helle Sonnenlicht sich begeben , so würde der Contrast in der Erleuchtungsintensität der beiden Räume um wenig oder nichts gemildert wer- den, und Lichtcontraste sind bei gereizten Augen eben vorzüglich zu vermeiden. Der Kranke würde sich dann nämlich nicht an die Erleuchtungsintensität des Zimmers, sondern an ein viel schwächeres Licht gewöhnt haben, und da die Brille die Erleuch- tung beider Räume in nahezu gleichem Verhältnisse abschwächt, so würde die Diffe- renz keine wesentliche Veränderung erfahren. Uebrigens muss man sich stets vor Augen halten, dass Schutzbrillen wegen der Unmöglichkeit, sie genau den Orbital- rändern anzupassen und so das Gesichtsfeld gleichmässig zu verdüstern , immer nur unvollkommene Behelfe seien; dass in geschlossenen Räumen der Zweck, gleich- massige Herabsetzung der Erleuchtungsintensität, weit vollständiger und sicherer durch Vorhänge u. s. w. zu erreichen sei, Brillen sofort unter solchen Umständen nicht angezeigt seien.
Weiters ist wohl zu merken, dass Schutzbrillen nur im diffusen Lichte von Vortheil seien, gegen directe Strahlen der Sonne, einer Lampe u. s. w.
Anstrengung- <1er kranken Augen. 1 1
aber nichts fruchten, da durch sie eben Contraste in der Erleuchtung des Gesichtsfeldes nicht beseitiget werden. Sie machen daher im Freien breit- krämpige Hüte, im Zimmer u. s. w. aber Licht- oder Augenschirme nicht überflüssig, sind in geschlossenen Räumen also um so weniger verwendbar. Immerhin verwöhnen sie einigermassen die Augen, und sind so sparsam als möglich zu verordnen.
Wo sie aber unentbehrlich waren und längere Zeit getragen werden mussten, ist wohl darauf zu achten, dass sie im grellen Lichte nicht plötz- lich abgelegt werden. Wo dunklere Nuancen verwendet wurden , kann man den Uebergang dadurch seiner Gefährlichkeit berauben, dass man allmählig zu schwächeren Nuancen greift, damit sich das Auge nach und nach an helles Licht gewöhne.
E. Unter den organischen Schädlichkeiten ist an diesem Orte besonders hervorzuheben jedtoede Art von Anstrengung der Augen behufs deutlichen und genauen Sehens. Bei einigermassen heftigeren Reizzuständen , namentlich wenn sie mit Schmerzen oder mit Lichtscheu verknüpft sind, verbieten sieh solche Anstrengungen meisthin von selbst, indem der Kranke durch die allsogleiche Zunahme der subjeetiven und objeetiven Reizerscheinungen an der Aufnahme und Fortsetzung derartiger Beschäftigungen gehindert wird. Wo indessen der lleizzustand ein geringerer ist , findet sich der Kranke sehr häufig nicht veranlasst, durch Aufgeben seiner gewohnten Thatigkeit sich Opfer aufzuerlegen, indem sich die missliebigen Folgen erst nach einiger Zeit geltend machen oder überhaupt nicht sehr auf- fällig hervortreten , da der Krankheitsprocess entweder nur einfach auf derselben Höhe erhalten, oder vielleicht in seinem Rückgange verzögert, oder endlich nur sehr allmählig zur Verschlimmerung gebracht wird. Dann ist es an dem Arzte, durch Darstellung des Sachverhaltes dem ferneren Wirken solcher Schädlichkeiten entgegen zu treten. Im Allgemeinen er- scheint es am gerathensten , derlei Kranken das Lesen, Schreiben, kurz jede Beschäftigung, bei welcher entweder der lichtempfindende Apparat oder das Accommodationsorgan stärker bethätiget wird, geradezu auf die Dauer der Krankheit zu untersagen und dann nur eine ganz allmählige Rückkehr zur gewohnten Thatigkeit zu gestatten, indem grössere Zuge- ständnisse meisthin zu Missbräuchen führen und die Wirkungen der an- gewandten Mittel solchermassen geschwächt oder aufgehoben werden.
Waren übermässige Anstrengungen des Sehorganes eine der nächsten Ursachen des Leidens oder seines schleppenden Verlaufes , so dürfte es meisthin nicht über- flüssig sein, auch für die Zukunft grössere Schonung anzuempfehlen, gleichzeitig aber auch auf Mittel zu sinnen, welche geeignet sein können, die mit der Stellung des Kranken nothwendig verknüpften Anstrengungen der Augen auf ein möglichst geringes Mass herabzusetzen.
Erschweren Accomraodationsfehler die Arbeit, so wird die Wahl entsprechender Brillen und die Belehrung über richtige Verwendung derselben der Rückkehr des Uebels vielleicht vorbeugen.
Bei krankhaften Zuständen des lichtempfindenden Apparates, bei Trübungen der dioptrischen Medien u. dgl. ist die Erfüllung dieser Aufgabe freilich schwieriger wegen der häufigen Unheilbarkeit des Uebels und der Unmöglichkeit, seine Wirkungen auszugleichen. Dann bleibt öfters nichts übrig, als dem Kranken die Wahl eines anderen Berufes anzuempfehlen.
Die grösste Sorgfalt muss der Beleuchtung zugewendet werden, denn diese ist am häufigsten Schuld, dass eine sonst nicht gerade übermässige Beschäftigung zur reizen- den Schädlichkeit wird. Besonders muss darauf geachtet werden, dass während der Arbeit die Augen nicht von directen Strahlen der Sonne, einer Gasflamme oder einer andern
12 Augendiät; Ischämie, Blutstockung.
Quelle intensiven Lichtes getroffen werden, und dass auch bei beschatteten Augen die Objecto, insbesondere wenn sie sehr hellfarbig oder sehr glänzend sind, nicht zu grell erleuchtet werden. Es ist ja bekannt, wie wehe dem Auge das Lesen, Schrei- ben etc. in directem Sonnenlichte thut, und wie leicht sehr verderbliche Entzündungen auf diese Weise hervorgerufen werden können. Viel gewöhnlicher jedoch ist unge- nügende Beleuchtung der Grund heftiger Reizzustände. Ungenügende Beleuchtung der Objecte, mit welchen man sich beschäftiget, bedingt nämlich schon an und für sich eine grosse Anstrengung des lichtempfindenden Apparates behufs des Erkennens der lichtschwachen Netzhautbilder, andererseits aber wird sie dadurch schädlich, dass die Objecte, um möglichst viel Licht von ihnen ins Auge zu leiten, sehr nahe gehal- ten werden müssen und der Accommodationsapparat sohin alle Kraft aufzubieten gezwungen wird, damit scharfe Bilder auf der Netzhaut zu Stande gebracht wer- den können. Oft ist der Mangel nur ein relativer, durch iinzioeckmässige Stellung des Objectes zur Lichtquelle bedingt; häufiger aber ein absoluter aus der Ungunst des Arbeitslocales oder aus der Unzulänglichkeit der benutzten Beleuchtungsapparatc fliessender. Wie dem abzuhelfen sei, liegt auf der Hand, hier genügt es auf diese Verhältnisse aufmerksam gemacht zu haben.
F. "Weitere therapeutische Aufgaben entspringen aus dem etwaigen Vorhandensein gewisser localer oder allgemeiner Schwächen, fehlerhafter Blut- mischungen oder Kreislaufsstörungen. Sie zielen auf Regulirung der Ernäh- rung, der Blutmi schung und der Circulation.
Eine Aufzählung jener Mittel , welche zur Hebung der Ernährungsverhältnisse oder zur Verbesserung der Blutmischung dienen können, ist an diesem Orte entbehr- lich, da eben derartige Schwächen sowie die Dyscrasien in einem innigeren Bezüge zu ganz speciellen Formen der Entzündung zu stehen pflegen und besser im Zusam- menhange mit diesen abgehandelt werden. Es gilt dieses wohl auch zum Theile von den Kreislaufsstörungen ; doch haben diese jedenfalls eine weit allgemeinere Be- deutung und dürfen in keinem Falle unberücksichtigt bleiben, da sie wohl kaum jemals ganz fehlen und jede Steigerung und Unterhaltung derselben den Verlauf und die Ausgänge der Entzündung in höchst ungünstiger Weise beeinflussen kann. Die Behandlung derselben soll daher gleich hier ihren Hauptumrissen nach angedeutet werden.
1. Ischtimische Zustände im Bereiche des Sehorgans kommen gewiss nur selten vor. Sie fordern vorerst Beseitigung oder Milderimg der viel- leicht noch fortwirkenden Schädlichkeiten, in zweiter Linie aber Behebung der meisthin krampfhaften Gefässverengerung. Dieser letzteren Anzeige kann entweder durch Erschlaffung der Gefässwände oder durch Depression der Gefässnerven auf sympathischem Wege genügt werden. Dem ersteren Zwecke dient die Wärme, besonders feuchte Wärme ; dem letzteren Zwecke aber pflegen sowohl äussere Beizmittel wie die Elektricität, reizende Ein- reibungen, Pflaster, Frictionen etc., als auch innerliche Mittel aus der Classe der Excitantien zu entsprechen.
2. Blutstockungen sind dafür sehr häutig und linden sich sowohl selbst- ständig und rein, als mit Reizzuständen und Entzündungen gepaart. Sie sind nämlich oft die Ursache , dass sonst geringfügige Schädlichkeiten eine Entzündung im Gefolge haben; andererseits entwickeln sie sich öfters während dem Verlaufe einer Entzündung und zwar entweder gerade durch den entzündlichen Process, oder aber als Wirkung einer zufällig hinzutretenden Störung. Solche Blutstockungen sind im Verlaufe einer Entzündung ganz geeignet, den entzündlichen Process in mehrfacher Beziehung ungünstiger zu gestalten, oder wenigstens den Ausgleich zu erschweren , und müssen sohin mit der grössten Aufmerksamkeit be- handelt werden. Zu diesem Ende muss man sich stets vor Augen halten, dass ebensowohl eine Abnahme der Triebkraft des Blutes, als Vermehrung
Mittel gegen Blutstockungen. 13
der Widerstände, oder beide zugleich die nächste Veranlassung der Blut- stockung abgeben können.
Daraus ergiebt sich, dass bei Vorhandensein einer passiven Conge- stion, selbst wenn sie mit einer Entzündung combinirt wäre, nicht immer der antiphlogistische Apparat in seiner ganzen Ausdehnung wohl am Platze sei, dass es vielmehr darauf ankommen könne, die Kräfte zu erhalten oder sogar zu steigern, und dass eine übermässige Herabsetzung der Kräfte durch entzündungswidrige Mittel schädlich wirken, ja geradezu Blutstockungen erzeugen und dadurch den Verlauf und die Ausgänge der Entzündung ungünstig gestalten könne.
Eine Vermehrung der Widerstände -kann natürlich auf höchst mannig- faltige Weise zu Stande kommen; daher denn auch die Mittel zu deren Beseitigung oder Verminderung sehr verschiedenartig sein müssen je nach den obwaltenden Verhältnissen. Senkungen des Blutes sind im Be- reiche der Orbita wohl kaum möglich, immerhin jedoch dürfte erhöhte Lage des Kopfes dem Abflüsse des Blutes zu Statten kommen und als Beihilfe zu dem übrigen Verfahren mit gutem Grunde empfohlen werden können. Stauungen hingegen sind ausnehmend häufig und werden ins- besondere durch die Klappenlosigkeit der zur oberen Hohlvene leitenden Blutadern begünstigt. Um sie zu beseitigen oder ihrer Entwickelung hemmend entgegenzutreten, ist es bald nothwendig, Geschiuülste zu entfer- nen, bald massenhafte Exsudate fortzuschaffen; bald muss das kranke Herz in seiner Thätigkeit möglichst normirt werden, bald ist die Pfortadercircu- lation von Hemmnissen zu befreien. Ganz vorzüglich berücksichtigungs- werth aber ist in allen Eällen jede Abweichung der Respirationsthätigkeit.
Vermöge des Einflusses, welchen die Athmung auf die Circulationsverhaltnis.se ausübt, besonders aber wegen der das Einströmen des Blutes in das Herz erschweren- den Wirkung der Exspiration ist dem Augenkranken die Vermeidung allen lauten Sprechens, Schreiens, Rufens, Singens, des Niesens und so viel als thunlich auch des Hustens zu empfehlen, und dieses zwar um so dringender, je hochgradiger der im Sehorgane gegebene krankhafte Process entwickelt ist, und in einem je wichtigeren Organe derselbe seinen Sitz aufgeschlagen hat. Zeigt sich doch bei derartigen An- lässen durch die vermehrte Turgescenz und durch auffällige Röthung des Gesichtes deutlich, wie sehr eine starke und anhaltende Ausathmung auf den Blutlauf influen- zire. Uebrigens wirkt hier die Exspiration nicht ganz allein , es hilft in Betreff des Sehorganes ein anderer Umstand wesentlich mit. Es ziehen nämlich viele der aus den Orbitalvenen theilweise gespeisten Blutadern des Gesichtes zwischen den Knochen und den Muskeln des Antlitzes. Beim lauten Sprechen u. s. w. werden diese Muskeln stark betheüiget, und indem ihre Bäuche anschwellen, drücken sie die Venen gegen die Knochen und verengern so deren Lichtung. Ausserdem ist alles auf das sorgsamste zu entfernen und zu vermeiden, was im mindesten die Athmungsthätigkeit durch Verengerung der Luftröhre und des Brustraumes oder durch Compression der Lungen erschweren könnte. Hierher gehören unter anderen: den Hals zusammenschnürende Binden , enge anliegende auf den Thorax drückende Klei- der, Ansammlungen von Fäcalmassen in den Gedärmen, Ueberfüllung des Magens mit Speisen und Getränken. Besonders ist darauf zu sehen, dass der Augenkianke öfters des Tages, immer aber nur wenig auf einmal zu sich nehme, dass er nach dem Speisen sich nicht gleich dem Schlafe hingebe und dass er besonders des Abends so wenig als möglich geniesse, und wo es nur immer thunlich ist, mit mehr flüssi- gen Nahrungsmitteln, mit eingemachten Früchten , leichten Gemüsen u. dgl. sich behelfe. Ueberhaupt gilt es als Capitalregel , dass Augenkranke nichts essen, was einen grösseren Kraftaufwand von Seite der Kaumuskeln nothwendig macht, wegen der oben angedeuteten blutstauenden Wirkung der Gesichtsmuskeln. Die Verschlimmerung der Congestivzustände des Auges nach starken Mahlzeiten, bei welchen die Kaumuskeln einigermassen mehr in Anspruch genommen wurden, ist Sache der täglichen Erfahrung.
14 Directe Anti[>lilugose.
Häufig beruht die passive Cougestion auf Erschlaffung der Gefäss- wände. Am gewöhnlichsten rindet man derlei Hyperämien in der Binde- haut, als Rückbleibsel vorausgegangener Entzündungen, als Folge höheren Alters u. s. w. Hier e'ntf alten leicht adstringirende Mittel oft eine sehr günstige Wirkung. Sind aber tiefer gelegene Theile der Sitz einer solchen Blutstockung, so darf man von diesen Mitteln nichts erwarten. Mehr verspricht daun der Druckverband. Durch diesen wird nämlich der Seiten- druck im Gefässe vermindert und der Rückfluss des Blutes direct befördert.
Unmittelbar gegen die Blutstockung gerichtete Mittel sind Blutent- zieJiungen und Säfteentleerungen. Die ersteren sind besonders dort von grossem Werthe, wo die Gefässwände noch nicht zu sehr verändert sind und sofort einen gewissen Grad von Contractilität bewahrt haben, also vorzüglich bei frischen Formen der Stockung und namentlich bei Stau- ungen. Doch haben diese Mittel in der Regel nur einen vorübergehen- den Erfolg und es kommt darauf an, Ort und Zeit derselben wohl zu berücksichtigen. Aehnliches gilt auch von den Säfteentleerungen. Indem durch reichliche Ausschwitzungen die Masse des in den Gefässen stocken- den Blutes vermindert wird , können allerdings auch die dem Rückflusse des Blutes entgegenstehenden Widerstände verkleinert und selbst aufgehoben werden. In Berücksichtigung dessen müssen die in neuerer Zeit sehr in Schwung kommenden Entleerungen des Kammerwassers durch Hornhaut- punction als eine wahre Bereicherung des oculistischen Heilapparates betrachtet werden. Sie finden bei Gelegenheit der sie indicirenden Krank- heiten der Augapfelorgane ihre specielle Erörterung.
3. Die Blutxcallungen kommen jedenfalls am häufigsten vor. Beseiti- gung der sie veranlassenden Ursachen ist natürlich die erste Aufgabe. Bei den collateralen Formen sind demnach vor allem andern die sie be- gründenden ischämischen Zustände zu bekämpfen ; bei den nervösen Formen kömmt es häufig darauf an, die krankhaft vermehrte Herzthätigkeit zu reguliren und nebenbei auch noch die Ursachen der veränderten Inner- vation zu entfernen; bei den irritativen Formen handelt es sich vorerst darum , die reizende Schädlichkeit an der weiteren Einwirkung auf das Auge zu hindern oder sie doch so viel als möglich zu mildern. Die directe Behandlung fällt im Wesentlichen mit jener der Entzündung über- haupt zusammen , die hier zu lösenden Aufgaben constituiren einen Theil dessen, was gewöhnlich unter dem Namen derlndicatio morbi begriffen wird.
IL Die Indicatio morbi zielt dahin, dem entzündlichen Process selbst Schranken zu setzen, seine Heftigkeit zu brechen und ihn den Möglich- keiten der Ausgleichung zuzuführen. Die hierzu dienliche Methode be- zeicbnet man seit jeher als die antiphlogistische. Ihr nächstes Object ist Temperaturverminderung, da die Entzündung eben hauptsächlich als eine mit localer Temperaturvermehrung einhergehende Ernährungsstörung auf- zufassen ist. Da diese Temperatursteigerung nur zum Theile aus dem vermehrten Stoffumsatze , zum ungleich grösseren Theile aus dem ver- mehrten Ein- und Durchströmen von Blut abgeleitet werden muss, das Blut seinerseits aber wieder eine verschiedene Temperatur haben kann und insbesondere das febrile Blut eine höhere Temperatur zu haben pflegt, als das normale : so lässt sich die Indicatio morbi in drei Theile zer- legen, nämlich: a. den localen Stoffumsatz tat beschränken, b. die Blutzufuhr
Kalte Uebersehläge, Doucheu. lö
zu vermindern und c. das Fieber zu beseitigen oder doch zu vermindern. Die hierzu dienlichen Mittel sind :
1. Directe Wtirmeentiäehunij. Sie beschränkt den örtlichen Stoff- wechsel, indem sie die Temperatur der entzündeten Gewehe vermindert und so die chemischen Verbindungen erschwert. Ueberdies wirkt die zu diesem Behufe applicirte Kälte auch noch als ein mächtiger Reiz auf die contractilen Theile der Gewebe , und besonders auf die Gefässmuskeln, bestimmt sie zur Contraction, verursacht somit eine Verengerung der Gefäss- liclitungen und vermindert auf diese Weise die Blutzufuhr zu dem Ent- zündungsherde. Ausserdem vermindert sie die Sensibilität der Theile und die Functionsthätigkeit derselben, empfindliche Organe werden gefühl- los, taub, Muskeln starr, Secretionen werden vermindert u. s. w.
Es wirkt die Wärmeentziehung nicht blos auf die Oberfläche, son- dern auch in grössere oder geringere Tiefen, je nach dem Grade der angewendeten Kälte und je nach der Dauer der Application. Indem nun überdies noch die erregende Einwirkung der Kälte von den Hautnerven aus Reflexbewegungen verursacht, so ist es leicht begreiflich, dass dieses Antiphlogisticum noch seinen Platz bei Entzündungen in den tieferen Partien des Bulbus und der Orbita, ja selbst in der Schädelhöhle finde, und dort die gewünschten Wirkungen entfalten könne.
Die Mittel, um Kälte auf die Augengegend einwirken zu lassen, sind natürlich ausserordentlich mannigfaltig. Doch dürften kalte Ueber- sehläge zu oculistischen Zwecken am besten passen.
Kaltmachende Mischungen verbieten sich von selbst wegen der Unmöglichkeit, ihre chemischen Bestandteile vor der Berührung mit der Oberfläche der Bindehaut und des Augapfels vollkommen und sicher auszuschliessen und so deren reizende Einwirkung zu Arerhindern. Douchen waren früher einmal Mode, doch ist deren An- schaffung für den Privatmann zu kostspielig und in den Spitälern hat man sie grösstentheils aufgegeben, ein sicheres Zeichen, dass dieselben ihrem Zwecke wenig oder nicht entsprochen haben. Es wird dieses übrigens Niemanden wundern, wenn er mit den Wirkungen der Douche näher bekannt ist. Ausser der Wärmeentziehung kömmt bei der Douche, sie möge nun als Strahldouche oder als Regen-, Tropf- oder als Staubbad angewendet werden, noch die mechanische Kraft in Betracht, mit wel- cher das Wasser auf die Theile aufschlägt. Vermöge dieser Kraft wirkt die Douche vorerst reizend auf die sensitiven Nerven und vermehrt sofort den Zufluss des Blutes, die getroffene Stelle wird schmerzhaft, roth. Erst weiterhin wird in Folge der allmäh - ligen Wärmeentziehung die gedouchte Stelle blass , gefühllos , kühl. Eine längere Einwirkung der Douche wird jedoch nicht leicht vertragen. Wirkt aber Kälte nur momentan auf einen Theil ein , so tritt eben die aufregende Wirkung um so deut- licher hervor, die Reaction erscheint um so bedeutender, der Theil wird warm, roth, empfindlich , es steüt sich das Gefühl von Brennen ein , kurz die Entzündung wird eher begünstigt als beschwichtigt. Auf Grundlage solcher Beobachtungen wird die Douche denn auch neuerer Zeit hauptsächlich nur dort angewendet , wo ein heftiger auf die sensitiven Nerven wirkender Reiz oder eiiie grössere Blutzufuhr zu bewerk- stelligen ist.
Die kalten Uebersehläge wirken im ersten Momente zwar auch reizend auf die Gefühlsnerven, und können so eine Erweiterung der Ge- fässe mit sich bringen. Diese Wirkung ist jedoch eine rasch vorüber- gehende, und kömmt daher kaum in Betracht, vorausgesetzt, dass durch die Umschläge auch fortwährend Wärme entzogen wird, nicht aber hohe Temperaturgrade mit niederen abwechseln, wie dieses der Fall ist, wenn die Uebersehläge so selten gewechselt werden, dass dieselben Zeit haben sich zu erhitzen, ehe sie durch einen frischen ersetzt werden. Wirken
Ili Directe Antiphlogo.se, kaltp Ueberschläge.
solche Temperaturcontrasfc auf einen Theil ein, so wird der Erfolg in der Regel ein ungünstiger sein und die Nichtbeachtung dieser Vorsicht ist sicherlich zum grossen Theile Schuld an der Fui-cht, welche so viele Acrzte und das Publicum vor der Anwendung der Kälte gegen entzünd- liche Leiden haben. Eine Hauptregel ist, die kalten Umschläge rasch zu wechseln, und zwar um so rascher, je wärmer der Theil ist. Wird dieser Forderung genügt , so ist einer der hauptsächlichsten Gefahren bei An- wendung der kalten Ueberschläge vorgebeugt.
Eine zweite solche Gefahr fliesst aus einer übermässigen Anwen- dung. Es ist bekannt, dass Wasser dem Körper sehr viel Wärme ent- zieht, und dass Bäder von 20 Graden Wärme nach kurzer Zeit einen Frostschauer herbeiführen, während eine gleiche Lufttemperatur selbst dem nackten Körper und bei langer Einwirkung durchaus nicht unange- nehm wird. Wasser von niederer Temperatur führt leicht zur Erfrierung und zwar um so leichter , je weniger eben Wärme in dem betreffenden Theile entwickelt wird. Die Folgen einer solchen Erfrierung im weiteren Wortsinne sind männiglich bekannt , da sie alle Tage unter der Form der Frostbeulen zur Beobachtung kommen. Sie charakterisiren sich im Wesentlichen durch alle Erscheinungen der Entzündung in relaxirten Theilen und diese Entzündung ist um so heftiger, je schneller die Theile wieder erwärmt wurden. Es können durch unvernünftige Anwendung von kalten Ueberschlägen also Entzündungen als Nachwirkung gerade hervorgerufen werden , und dieses nicht nur an der Applicationsstelle, sondern auch in grösserer Entfernung. Bei Ophthalmien ist nämlich der Entzündungsherd ein begrenzter , und es wird selten möglich sein, die Einwirkung der Kälte auf den entzündeten Theil zu beschränken, da die zu Umschlägen verwendeten Compressen, sollen sie wirklich viel Wärme entziehen , immer einen relativ grossen Umfang haben müssen. Wenn nun auch in dem entzündeten Theile nicht leicht eine Ischämie zu be- fürchten ist, so leidet doch die Nachbarschaft und es ist nicht selten, dass sich nach allzugrosser und zu lange dauernder Einwirkung der Kälte collaterale Hyperämien, ja selbst wahre Entzündungen entwickeln, besonders in dem Periost der Orbita und der sie umgebenden Knochen, rheumatische Zahnschmerzen u. s. w. Es sind diese Entzündungen in der Regel sehr hartnäckig und peinigen bisweilen den Kranken mehr als das ursprüngliche Leiden. Bisweilen wirkt die Kälte auf noch grössere Entfernung. Es stellen sich Frostschauer ein und Erkrankungen innerer Organe , wie sie nach Verkühlungen aufzutreten pflegen, entwickeln sich, neue Gefahren bedingend.
Man wird diesen üblen Ereignissen leicht begegnen, wenn man als Norm betrachtet, die Kältewirkung niemals so weit zu treiben, dass die Tem- peratur des Theiles um ein Bedeutendes unter das physiologische Mass sinkt, wenn man also die kalten Ueberschläge nur so lange anwendet, als die Wärme des entzündeten Theiles eine grössere ist, als jene der umgebenden gesunden Partien. In der Regel wird man dann auch schon eine merkliche Abnahme der hyperämischen Röthe bemerken. Doch wäre es widersinnig, auf eine Erblassung der Theile zu warten, denn eine solche würde vor- aussetzen, dass sich die Gefässe zo stark zusammenzuziehen vermögen, wie im gesunden Zustande, dies ist aber bei Gegebensein einer Ent-
Kalte UeberschlSge , Methode der Anwendung. 17
zündung nur selten möglich. Ist eine weitere Wärmeentziehung nicht mehr angezeigt, so dürfte es gerathen sein, um raschen Temperaturwech- seln vorzubeugen, den letzten Ueberschlag etwas länger liegen zu lassen, bis er die Temperatur der äusseren Luft angenommen hat, dann aber ihn zu entfernen. Steigt die Temperatur des entzündeten Theiles wieder über das Normale, so sind die kalten Ueberschläge nach Bedarf wieder aufzunehmen und fortzusetzen, bis die oben angedeutete Wirkung erzielt ist , sie wieder zu entfernen u. s. f. Nur bei sehr intensiven Entzün- dungen ist es nothwendig fort und fort, Tag und Nacht, kalte Ueber- schläge anzuwenden. In den meisten Fällen genügen zeitiueise Applica- tionen mit kürzeren oder längeren Unterbrechungen.
Am geeignetsten zu solchen Ueberschlägen sind leinene Compressen, welche in kaltes Wasser getaucht und ausgevvunden , oder noch besser auf einem Eisblocke erkältet worden sind. Es sollen diese Compressen nicht viel mehr Fläche haben als die äussere Oefl'nmig der Orbita, um nicht den normalen Umgebungen der Orbita zu viel Wärme zu entziehen. Auch sollen dieselben nicht zu schwer sein, ausser in Fällen, wo ein Druck auf das Auge ausgeübt werden soll, da sie in der Regel sehr lästig werden durch grösseres Gewicht und bei grösserer Empfindlichkeit nicht ver- tragen werden. Eine 3 — 4fach zusammengelegte feinleinene Compresse genügt voll- kommen. Dünnere Compressen erwärmen sich zu leicht und müssen gar zu oft gewechselt werden, was immer mit einigem mechanischen Reize verbunden ist, beson- ders wenn die Manipulation eine halbwegs rohe ist, ganz abgesehen von etwaigen Stössen u. s. w. , welche dabei vielleicht dem Auge mitgetheilt werden. In Betreff dessen möge man sich merken, dass solchen Beleidigungen am besten vorgebeugt wird, wenn man den Ueberschlag mit den Fingerspitzen beider Hände an den beiden schmäleren Enden fasst, das eine Ende an den Jochbogen der kranken Seite anlegt, und dann unter einiger Spannung des Zeuges das andere Ende allmählig dem oberen Orbitalrande nähert. Beim Abnehmen hat man in umgekehrter Weise zu verfahren. Man fasst den Ueberschlag wieder an beiden Enden, und während man das eine der- selben fixirt, hebt man das andere empor, indem man den Zeug etwas anspannt ; ist es genügend weit vom Auge entfernt, so hebt man dann auch das andere Ende. Auf diese Weise läuft man keine Gefahr, den Bulbus zu berühren und ihm wehe zu thun. Es ist überhaupt in Fällen, wo eine sorgsame und besonders continuirliche Anwendung kalter Ueberschläge erforderlich ist, die Application nicht durch den Kran- ken selbst, sondern durch andere verlässliche Personen vornehmen zu lassen, da der Kranke sich sonst zu viel bewegt, durch das stete Manipuliren mit dem kalten Wasser oder Eis sich gerne verkühlt, und falls ihn der Schlaf überfällt, sie wohl auch zeitweise warm werden lässt oder ganz unterbricht.
Die Ueberschläge müssen immer gut ausgewunden sein. Nasse Ueberschläge sind nur zeitweilig brauchbar, wenn es sich darum handelt, Krusten von vertrocknetem katarrhalischen Excrete aufzuweichen und so zu entfernen , ohne durch Abreissen derselben Excoriationen zu bedingen. Ist dieser Zweck erreicht, so sind die Ueberschläge durch mehr trockene zu ersetzen. Tropfen die Ueberschläge nämlich, so wird durch das ablaufende Wasser so wie durch die Befeuchtung der Wäsche u. s. w. leicht der Grund zu argen Verkühlungen gelegt. Ueberdies weichen solche nasse Ueber- schläge leicht die Oberhaut auf, diese wird abgestossen, das Corium blossgelegt und so nicht selten ein heftiges Erythem oder gar ein Erysipel hervorgerufen.
Besonders häufig geschieht dieses dann , wenn der Ueberschlag nicht ruhig auf dem Theile liegt, sondern hin und her geschoben wird, wie dieses gemeiniglich der Fall ist, wenn der Kranke die Compresse bei aufrechter Stellung mittelst der Hand am Auge fixiren will. Es ist in dieser Beziehung gerathen, den Kranken, so lange er Ueberschläge braucht, liegen zu lassen, damit der Ueberschlag durch seine eigene Schwere am Auge haften könne, ohne sich zu verrücken. Das Aufbinden der Ueber- schlö.ge ist stets zu untersagen, da die Compresse unter der Binde zu schnell warm wird, und vieles Manipuliren in der Nähe des Auges leicht schadet.
Excoriationen und deren üble Folgen entstehen übrigens um so leichter,
je salzhaltiger das verwendete Wasser oder Eis ist. Brunnenwasser ist aus diesem
Grunde von Alters her zu Ueberschlägen unbrauchbar erklärt worden. Wo man sich
nicht sehr weiches Wasser oder daraus geformtes Eis verschaffen kann, und kalte Ueber-
Stellwag, Augenheilkunde. 2
1 Q Directe Antiplilogo.se; Blutentziehung, Aderlässe.
scliläge Noth thun, dürfte man mit Vortheil deatillirtea Wasser im abgekühlten oder gefrorenen Zustande verwenden. Besonders wichtig sind diese Vorsichten bei Leuten mit sehr zarter empfindlicher, oder mit schlaffer welker Haut. Solche Individuen vertragen kalte Umschläge meisthin schwer; daher letztere auch nur in dringender Noth und soweit möglich sparsam angewendet werden müssen, selbst auf die Gefahr hin, die Heilung etwas zu verzögern. Etwas mildern kann man indessen diesen üblen Einfluss allerdings, wenn man die äussere Haut mit einer sehr dünnen Schichte reinen frischen Fettes bestreicht oder durch ein leicht mit Fett bestrichenes Läppchen feiner Leinwand die directe Einwirkung des feuchten Ueberschlages auf die Haut verhindert. Sind bereits Excoriationen zu Stande gekommen, ein Erythem u. s. w. vor- handen, so ist es freilich das Beste, die Umschläge womöglich wegzulassen und die Heilling der Hautentzündung durch leichtes Bestreichen mit Fett zu begünstigen.
2. Directe Blutentziehungen. Vor Kurzem noch waren Aderlässe sehr beliebt. Man glaubte dadurch den Faserstoffgehalt des Blutes zu ver- mindern, und damit eine antiplastische Wirkung zu erzielen, der Entzün- dung sofort direct entgegenzuwirken. Exacte und vorurtheilsfreie Unter- suchungen haben diese Meinung als eine irrthümlichc bereits herausgestellt. Sie haben dargethan, dass Venäscctionen nur dort von Nutzen seien, wo es sich um eine schnelle Verkleinerung der Blutmasse zu dem Ende han- delt, um den Seitendruck im Inneren der Gefässe zu vermindern, damit eine Veränderung in der ßlutverlheilinig hervorzubringen und die Circula- tion in gewissen überfüllten Organen zu befreien und zu beschleunigen. Um eine solche Wirkung im Bereiche des Sehorgcms hervorzubringen, reichen jedoch örtliche Blutentziehungen vollkommen aus; der Augenarzt hat kaum jemals nothwendig, durch Aderlässe die Blutmischung zum Nach- theile des Kranken zu verändern und den Ernährungsact auf eine Zeit oder selbst für lange auf solche Weise zu gefährden. Durch die örtlichen Blutentziehungen wird der Abnuss des Blutes aus dem entzündeten Organe in der Richtung der Gefässöffnungen erleichtert, die daselbst der Circulation entgegenstehenden Hindernisse werden vermindert und so auf revulsori- schem Wege der Entwickelung einer Stase, der Verlangsamung des Blut- stromes und der vermehrten Molekularattraction gesteuert. Damit ist nun jedenfalls viel gewonnen. Doch ausreichen kann diese Wirkung niemals, um eine Entzündung zu brechen. Die Blutentziehungen sind eben nur beihelfende Mittel, Avelche andere Antiphlogistica in der Entfaltung ihrer "Wirksamkeit wesentlich unterstützen und ihnen gleichsam vorarbeiten. Uebrigens ist die solchermassen erzeugte Depletion eine sehr rasch vorübei-- gehende , die dadurch bedingten Strömungsalterationen werden alsbald wie- der ausgeglichen und der Theil kehrt zu seinem früheren Zustande zurück, wenn nicht auf andere Weise dem Processe entgegengewirkt wird. Aller- dings könnte man durch fortgesetzte Blutentziehungen die Revulsion etwas in die Länge ziehen; allein eine solche fortgesetzte Entleerung raüsste nothwendig zur Blutentmischung und bedeutenden Herabsetzung der Nutritionsverhältnisse des Kranken führen und die Herbeiführung eines solchen Zustandes dürfte sich mit Bückblick auf die beschränkte Wirksamkeit des Mittels kaum rechtfertigen lassen.
Man ist also auf Sparsamkeit angewiesen und dieses schliesst die Nothwcndigkeit in sich, örtliche Blutentziehungen nur dann vorzunehmen, wenn dir zeittoeilig günstige Wirkung derselben von besonderem Vortheile zu sein verspricht. Im Verlaufe höhergradiger Ophthalmien, und nur bei diesen sind Blutentziehungen angezeigt, machen sich nämlich in der Regel
Sohröpfköpfe, Scarificationen, Blutegel. 19
Remissionen und Exacerbationen geltend. Während der letzteren nimmt der Process gleichsam einen Aufschwung, seine Leistungen multipliciren sich der Grösse nach und überdies pflegt auch die Schmerzhaftigkeit des Uebels eine bedeutende , manchmal unerträgliche, Steigerung zu erfahren. Die Notwendigkeit, diesem Aufflackern des Processes Dämme entgegen- zusetzen und der übermässigen Entwickclung der Exacerbation thunlichst vorzubeugen , liegt auf der Haud. Zu diesem Zwecke nun können ört- liche Blutentziehungen mit Vortheil angewendet werden. Vor dem Ein- tritte der Exacerbation eingeleitet, mildern sie in der Regel deren Hef- tigkeit und können daher auch die Ausgänge des Leidens günstiger gestalten.
Es unterliegt in den meisten Fällen keiner Schwierigkeit, den richtigen Zeit- punkt zu treffen , um sie ins Werk zu setzen. Gewöhnlich stellen sich nämlich die Exacerbationen zu einer gewissen Zeit, besonders Abends ein. Man lasse dann eine Stunde vor dem bekannten Termin die Entleerung vornehmen. Wo jedoch die Exacerbationen in der Zeit ihres Eintrittes wechseln, dürfte es am gerathensten sein abzuwarten , bis sich die ersten Erscheinungen der Exacerbation geltend machen und dann zur Application des Mittels zn schreiten. Es versteht sich von selbst, dass, wenn dieses Stadium verabsäumt worden sein sollte, auch auf der Höhe der Exacerbation noch günstige Wirkungen erzielt werden können. Am geringsten sind jedenfalls die Vortheile der Blutentleernng, wenn diese während der Remission bewerk- stelligt wurde. Man findet dann immer, dass die Exacerbationen mit eben der Hef- tigkeit hervortreten, als ob keine Depletion stattgefunden hätte. Besonders ist dieses dann der Fall, wenn der Zeitraum zwischen der Blutentziehung und dem Eintritte der Exacerbation ein nur einigermassen längerer war.
Die Mittel zur örtlichen Blutentziehung sind Schröpf köpfe, Incisionen, Scarificationen, natürliche und künstliche Blutegel. Die blutigen Schröpfköpfe sind in der Nähe des Auges kaum anzubringen , in grösserer Entfernung vom Auge angewandt haben sie aber kaum den gewünschten Erfolg. Durch Incisionen und Scarificationen der Bindehaut ist es allerdings möglich, die überfüllten Gefässe derselben rasch zu entleeren, und damit auch eine Depletion der darunter gelagerten Ciliargefässe zu begünstigen, ausserdem aber etwa vorhandenen Exsudaten einen Ausweg zu eröffnen, und ver- möge dem heftigen traumatischen Reiz eine kräftige Contraction der entleerten Gefässe zu bewerkstelligen, den Blutstrom sohin für längere Zeit zu unterbrechen. Die grosse Schmerzhaftigkeit dieses Verfahrens setzt indessen seiner Ausführung in der Mehrzahl der Fälle unübersteig- liche Hindernisse in den Weg und der praktische Augenarzt muss sich um so mehr besinnen, es in Anwendung zu bringen, als der Erfolg nicht immer den Erwartungen entspricht oder ein für den Kranken greifbarer ist, vielmehr eine Steigerung der entzündlichen Erscheinungen in der locker gewebten Bindehaut als Nachwirkung nicht gerade zu den Selten- heiten gehört. Ueberdies lässt sich die gewünschte Wirkung zum grossen Theile durch Application einer genügenden Anzahl von Blutegeln erzielen, und zwar wirklicher Blutegel, welche den künstlichen vorzuziehen sind.
Den anatomischen Verhältnissen Rechnung tragend, sollte man Blutegel stets in der Fossa angularis anlegen, da hier die Vena angularis zieht, welche sich aus Stämmchen der Orbitalzweige zusammensetzt und so eine rasche Depletion verspricht. Allein dieser Ort, sowie die Oberfläche der Lider, ist wieder insoferne ein weniger gün- stiger , als die Blutegelbisse oft lange Zeit kenntlich bleiben und den Kranken entstel- len: hauptsächlich ist er aber darum zu vermeiden, weil die Blutegel nicht selten die überaus dünne Haut jener Stellen und selbst die darunter ziehenden Venenstämmchen durchbeissen und so zu bedeutenden Blutungen, insbesondere aber zu ausgedehnten
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vQ DIrecte Vjitiphlogose; Conipression , anUphlog. OHit.
Blutergüssen in das lockere Unterhautbindegewebe Veranlassung' geben, zu Extravasa- tionen , welche oft Wochen und Monate brauchen, ehe sie verschwinden und dem Kranken erlauben, sich unter Menschen zu zeigen, bisweilen sogar noch üblere Folgen mit sich bringen, indem sie Entzündungen, ja selbst Abscessbildungen bedingen. Darum ist die Schläfegegend vorzuziehen und zwar besonders die Grenze des Haar- bodens, da hier etwa zurückbleibende Suggillationen leicht durch die Haare verdeckt werden können. Die an diesem Orte liegenden Venen stehen zwar durch dünnere Stämmchen mit den Gefässen der Orbita im Zusammenhange ; den darin begründeten Ausfall an Wirksamkeit kann man indessen leicht durch eine vermehrte Anzahl von Blutegeln decken. Im Allgemeinen soll man bei Erwachsenen an diesem Orte nicht weniger als sechs Stück gleichzeitig appliciren, da sonst kaum eine genügende Wirkung erzielt werden dürfte. Bei Kindern genügen 3 — 4, bei ganz kleinen Kin- dern 1 — 2 Stück. An den Processus mastoideus können Blutegel dann mit Aussicht auf Erfolg angelegt werden, wenn eine gegebene Ophthalmie mit Hyperämie der Schädelbasis zusammenhängt oder gar eine Folge derselben ist. In den übrigen Fällen ist dieser Ort der Entleerung von dem Herde der Krankheit zu weit entfernt, als dass die Blutegel eine auffällige Wirkung entfalten könnten. Die Depletion soll so rasch als möglich erfolgen, daher denn auch darauf zu sehen ist, dass die Blut- egel gleichzeitig anbeissen, und nach deren Abfallen der Blutfluss keine Hindernisse finde. Feuchte Wärme wirkt in dieser Beziehung sehr günstig. Zu diesem Ende ist es rathsam, die Wunden mit einem in laues Wasser getauchten Schwämme öfters leicht zu betupfen.
3. Directe Compression mittelst des Druckverbandes. Es wirkt dieser einerseits als Schutzmittel gegen äussere reizende Schädlichkeiten, anderer- seits aber ist er im Stande durch mechanische Verengerung der Gefäss- lichtung den Hyperämien zu steuern und übermässigen Proliferationen der Elemente entgegenzutreten.
4. Antiphlogistische Diät im weiteren Wortsinne. Man versteht dar- unter ausser der Verminderung der Zufuhr eigentlicher Ernährungsstoffe zum Blute auch die Eernhaltung alles dessen , wras erregend auf das Nervensystem oder die Circulation wirken könnte.
Sie ist mit aller Strenge und in ihrer ganzen Ausdehnung zu hand- haben , wo die Entzündung durch ihre Intensität und Extensität gefähr- lich erscheint, es möge nun der gesammte Organismus durch Eieberbewe- gungen seine Theilnahme beurkunden oder nicht ; weiters aber auch dort, v,To in einem nicht zu sehr geschwächten Körper eine wenn gleich weniger heftige Entzündung ihren Sitz in einem hochwichtigen Organe aufge- schlagen hat und dadurch verderblich zu werden droht, denn da ver- schwindet jede andere Rücksicht vor der Notwendigkeit, alles aufzubieten, was auch nur möglicher Weise den Ausgleich der vorhandenen Störungen zu begünstigen im Stande sein könnte.
Sonst genügt es in der Hegel, Massigkeit in jeder Beziehung einzu- halten und den Genuas harter, zäher, die Kaumuskeln stark anstrengen- der Speisen zu meiden. Eine rigoi'osc antiphlogistische Diät ist in solchen Fällen geringerer Bedeutung um so weniger gerechtfertigt, als durch die Herabsetzung der Oesammtcrnäbrung, besonders bei chronischem Verlauf des Ucbels und fortgesetzter Entziehungskur, leicht andere Gefahren be- gründet werden können, welche jene des localen Leidens wreit überwiegen.
Wo die Ernährung ohnehin darniederliegt oder vielleicht gar darin begründete Schwächezustände bei der Entwickelung der Entzündung begünstigend mitgewirkt haben, Avird es öfters geradezu nothwendig sein, durch kräftigende und leicht Btimulirende Diät, also durch Hebung der allgemeinen TYiitrilion , dem Ausgleiche der Störungen vorzuarbeiten.
\ntiplilogistisclie Arzneikörpei*. 21
Zur strengen antiphlogistischen Diät gehört die grösste körperliehe und geistige Ruhe; Erhaltung einer gleichmässig reinen und kühlen Luft; Vermeidung aller aro- matischen und geistigen Getränke, des Kaffee, Thee, des Weines, Bieres und aller wie immer geheissenen gebrannten Wässer; Abbruch an der zur Sättigung erforder- lichen Menge von Speise und sorgfältigste Wahl milder, leicht verdaulicher, wenig nährender Substanzen. Besonders dienlich erscheinen in dieser Beziehung leicht oxydationsfähige Stoffe , Liebig's Respirationsmittel , die Pflanzensäuren , die leichten Stärke- und Zuckersorten etc. — Suppen, leichte Gemüse, Salate, gedünstete oder ein- gemachte Früchte, säuerliche Getränke u. s. w. haben sohin als Hauptbestandtheile der Kost zu fungiren. Stark gewürzte Speisen sind stets zu untersagen ; ebenso fette, letztere besonders darum , weil sie bei der durch den Krankheitszustand gebotenen Körperruhe schwer verdaut werden. Auch ist es gerathen , die Speisen mehr kühl gemessen und davon jedesmal nur wenig, dafür aber öfters des Tages verabreichen zu lassen.
5. Antiphlogistische Arzneikör per. Ihre Zahl ist gross. Die am gewöhn- lichsten in Gebrauch gezogenen sind: das Quecksilber in seinen verschie- denen Präparaten, vorzüglich die graue Salbe, das Calomel, der Sublimat, der Mercurius solubilis Hahnemanni; das Jodquecksilber; das reine Jod und das Jodkali; der Brechweinstein, die Plummer'schen Pulver; der Kali- und Natronsalpeter; die kohlensauren, phosphorsauren, essigsauren, wein- sauren Alkalien.
Auf welche Weise diese Mittel den Ausgleich entzündlicher Ernäh- rungsstörungen begünstigen können, ist soviel wie unbekannt. Die Mischungsveränderungen des Blutes, welche dadurch herbeigeführt wer- den sollen, sind durchaus nicht festgestellt; nur soviel ist gewiss, dass die Faserstoffverminderung (antiplastische Wirkung), welche man ihnen so oft zugeschrieben hat, keineswegs ein constantes Phänomen ist. Es bleibt also nichts übrig, als sich bis auf bessere Zeiten gläubig damit zu vertrösten, dass manche dieser Mittel durch ihre kühlende Wirkung einen beruhigenden Einfluss auf das aufgeregte Kreislauf- und Nervensystem ausüben, oder aber möglicher Weise durch chemische Verbindungen mit den Blutbestandtheilen oder durch Anregung der verschiedenen Colato- rien den Stoffumsatz beschränken dürften. Von einer wissenschaftlichen Begründung scharf abgegrenzter Specialindicationen für die einzelnen Mittel kann bei so bewandten Umständen natürlich keine Rede sein, und es dreht sich alles um die Frage, ob denn in Bezug auf die Behandlung von reinen Entzündungen im Sehorgane die Notwendigkeit oder Nützlich- keit der pharmaceutischen Antiphlogistica überhaupt durch Beobachtungen am Krankenbette sicher gestellt sei oder nicht. Wer aufrichtig sein will, wird zugestehen müssen, dass das letztere der Fall sei, ja er wird bei genauerer Prüfung schlagende Gründe finden, die Notwendigkeit derselben zur wirksamen Behandlung reiner Ophthalmien entschieden in Abrede zu stellen, und die Nützlichkeit nur in sehr beschränktem Masse anzuerkennen. Man kann daher wohl sagen, der Arzt solle in Anbetracht der Unsicher- heit der Wirksamkeit dieser Mittel mit ihrer Anwendung in Fällen reiner Ophthalmien soviel als möglich zurückhalten; wo es die Verhältnisse erheischen, die milderen derselben, den Salpeter, die kohlensauren, pflan- zensauren Salze gebrauchen und die heroischen nur dann benützen, wenn durch die Intensität und Extensität oder durch den Sitz der Entzündung die Gefahr eines üblen Ausganges auf das höchste gestiegen ist, und es darauf ankömmt, im Falle eines üblen Ereignisses sich selbst sagen zu können, es sei Alles geschehen, was geschehen konnte.
22 Dlrecte Antiphlogose; Mercuri allen,
Am meisten Missbrauch ist jedenfalls mit der Anwendung des Quecksilbers ge- trieben worden, indem man jede nur einigermassen lieftigere Reizung im Bereiche des Sehorganes mit Mercurialien behandelte. Man sah im Quecksilber ein Mittel, welches ganz speeifisch auf das Auge wirken und daselbst entzündliche Störungen ausgleichen sollte. Der Grund dieser gewiss irrthiimlichen Meinung liegt in einem Beobachtungs- fehler. Man hatte sich eingebildet, die syphilitische Iritis sei durch ganz bestimmte Erscheinungen charakterisirt und wo diese Symptome fehlen, könne von einer syphi- litischen Begründung einer gegebenen Regenbogenhautentzündung keine Rede sein. Hier liegt der erste Fehler, da es über jedem Zweifel erhaben ist, dass jede Iritis, ihre Form sei welche sie wolle, auf syphilitischem Boden ruhen könne. Indem man nun in der Praxis öfters auf Iritiden stiess, welche, jener präsumtiven Merkmale der Syphilis entbehrend , dennoch syphilitischen Ursprungs waren und demnach nur der antisyphilitischen Behandlung in Specie mit Mercur wichen, musste man nothwendig auf den Gedanken kommen, das Quecksilber wirke auf das entzündete Sehorgan kräf- tiger ein, als andere Arzneikörper, und so geschah es, dass dasselbe bald den Ruf einer wahren Panacee erlangte.
Am häufigsten wird sonderbarer Weise das C'alomel angewendet, ein Präparat, welches bekanntlich sehr gerne dünnflüssige grüne Stühle hervorbringt und sehr leicht höchst fatale und hartnäckige Speichelflüsse erzeugt, die dem Kranken sehr lästig und gar nicht selten auch verderblich werden. Oft genügen wenige Dosen von einem Grane, um diesen überaus misslichen Zustand hervorzurufen, und man ist gezwungen, den Mercur aufzugeben, ehe er die gewünschten Wirkungen entfalten konnte. Wo es also wirklich darauf ankömmt, zu mercurialisiren, ist das Calomel gerade weniger geeignet.
Aehnliches gilt auch von dem Merc. solubilis Hahnemanni, denn auch dieser erregt ausserordentlich leicht Speichelfluss. Das Protojoduretum Hydrargyri, zu 3 Gran täglich in Pulver- oder Pillenform verabreicht, wirkt sehr kräftig und rasch, ist inso- ferne vorzuziehen, veranlasst aber ebenfalls oft Speichelflüsse, welche einer ausrei- chenden Anwendung desselben im Wege stehen.
Darum dürfte der Sublimat mehr zu empfehlen sein. Dieser wird in der Regel gut vertragen und kann lange Zeit ohne besonderen Nachtheil genommen werden. Mitunter jedoch erregt er heftige Magenschmerzen, welche den weiteren Gebrauch desselben verbieten. Am besten wird er in Pillenform gegeben: Rp. Merc. subl. corros. gr. 2, solve in s. q. Aq. dest. simpl. adde Micae panis alb. q. s. ut f. pil. gr. 1 Nr. 32. Consp. pulv. Liquiritiae. Man lässt des Morgens und des Abends eine Pille nehmen und zwar bei leerem Magen.
"Wo es darauf ankömmt, das Quecksilber rasch und in genügender Menge eindringen zu machen, um möglichst schnell eine kräftige Wirkung zu erzielen, in Specie bei Begründung von Ophthalmien durch ein syphilitisches Grundleiden, ist die Schmierkur ohne Zweifel das sicherste Mittel. Sie wird neuerer Zeit mit dem innerlichen Gebrauche des Jodkali oder des billigeren Chlorkali verbunden, eine Combination, welche vielfältige Erfahrungen als sehr vortheilhaft erwiesen haben.
Die Dringlichkeit der Umstände gestattet bei Ophthalmien die sonst üblichen zeitraubenden Vorbereitungen zur Schmierkur nicht. Warme Bäder erscheinen über- dies durch das Augenleiden direct contraindich-t. Sie sind durch Waschungen der zu salbenden Körpertheile mit lauem Seifenwasser zu ersetzen.
Damit wird gleichsam die Kur eingeleitet. Nachdem dieses geschehen, ist der Kranke sogleich zu Bette zu bringen und hat darin bis zur Beendigung der Kur zu verbleiben. Das Bett ist jederzeit an einer vor Zugluft und Lichtwechscl völlig ge- sicherten Stelle des Zimmers aufzustellen, darf aber durch Schirme, Vorhänge und andere Vorrichtungen nicht eingeengt werden , da Verhinderung der Luftströmung Speichelfluss begünstigt und das Verweilen in einem enge umschlossenen Räume den Kranken unnöthiger Weise übermässig belästigt und ihm selbst schädlich werden kann. Ueberhaupt ist ausgiebige und tägliche Lüftung des Zimmers eine nie zu versäumende Massregel, behufs welcher der Kranke, wo thunlich, am besten zwei Zimmer zu seinem ausschliesslichen Gebrauche verwendet. Sehr wichtig ist dabei, dass die Temperatur des Zimmers eine gleichmässig warme sei und niemals unter 15 ° R. sinke.
Schimerkur. Einreibung grauer Salbe in die »Stirngegend.. 23
Zur Einreibung" werden täglich 1 bis 2 Scrupel der grauen Salbe , am besten einer Mischimg aus drei Theilen Ungt. Hydrarg. ein. comm. und aus einem Theile Ungt. Hydr. ein. fort, verwendet. Diese Dosis wird in kleineren Theilen nach und nach unter sanften kreisförmigen Bewegungen bis zum völligen Verschwinden, am besten von dem Kranken eigenhändig, eingerieben und zwar den ersten Tag in die Waden und in die Kniebeuge, den zweiten Tag in die innere Fläche der Schenkel, den dritten an die beiden Brust- und Bauchflächen, den vierten in die innere Seite der Vorder- und Oberarme nebst der Ellenbogenbeuge, worauf derselbe Turnus von vorne begonnen wird. Brustwarzen, Nabel, sehr haarige Theile und mit nässenden Ausschlägen oder Geschwüren bedeckte Hautstellen sind dabei zu meiden. Nach erfolgter Einreibung ist der betreffende Theil mit einem leinenen oder wollenen Tuche einzuhüllen.
Die beste Zeit zum Einschmieren ist eine Stunde vor dem Einschlafen, da wäh- rend der nächtlichen Kühe die Ausdünstung am wenigsten leicht gestört wird. Des Morgens früh wird der Kranke durch eine zweite Decke in eine mehrstündige ver- stärkte Transpiration gebracht und sodann die gesalbte Stelle mit lauem Seifenwasser abgewaschen und getrocknet.
Ueber Tag nimmt der Kranke eine Lösung von einer halben Drachme Jodkali oder Chlorkali auf 4 Unzen Wasser. Die Diät ist möglichst zu beschränken, doch nicht in dem Grade, dass der Kranke durch Hunger herabkomme. Wo die Kräfte bereits sehr gesunken sind, erscheint es sogar räthlich, durch reichliche nahrhafte leicht verdauliche Speisen dem Organismus zu Hilfe zu kommen. Die Sorge für tägliche ein- oder mehrmalige Stuhlentleerungen ist nicht zu vernachlässigen. Bäder sind wäh- rend der Kur wegen des Augenleidens nicht anzurathen, so nützlich selbe auch son- stens sein mögen, dafür aber ist das öftere Wechseln frischer wohl durchwärmter Wäsche ohne allen Nachtheil für die Kur.
Von höchster Wichtigkeit ist die ins Kleinlichste gehende Sorgfalt für Reinlich- keit des Mundes und der Zähne. Die allstündliche und auch des Nachts öfter wieder- holte Anwendung von Mund- und Gurgehuässern so wie das Putzen der Zähne mit weichen Zahnbürsten oder feinen Leinwandlappen ist unerlässlich, um bei disponirten Leuten den bekannten Nachtheilen der Quecksilberkur mit Sicherheit zu begegnen. Als Mund- und C-rurgelwässer eignen sich bei Vorhandensein von Mund- und Rachen- geschwüren am besten Lösungen von Sublimat gr. 1 — 2, oder Natri subchlorin. drach. 2 — 4, oder Chlorat. Kali drach. 1 auf das Pfund Wasser; sonst aber Solutionen von Alumin. crud. drach. 1 — 2, oder Tanninae pur. drach. '/a — 1, oder Tinct. gallic. drach. 2 — 4, oder Borac. venet. drach. 1 — 2 auf das Pfund Wasser. Ist bereits das Zahnfleisch an- gegriffen, aufgelockert, schwammig, exeoriirt, leicht blutend, so muss nebstbei der Zahn- rand desselben täglich mehrmal mit Gallustinctur oder Opiumtinctur bestrichen werden.
Die Zahl der Einreibungen und sohin auch der Kurtage hängt von dem Erfolge des Mittels ab. Im Allgemeinen soll die Behandlung bis zum völligen Schwinden der Ophthalmie und der etwa vorhandenen Erschei- nungen constitutioneller Syphilis fortgesetzt werden. Oft genügen 10 — 16 Einreibungen, mitunter sind aber auch 20 — 30 und mehr Einreibungen nöthig, um das Grundleiden zu beseitigen und selbst Wiederholungen der Schmierkur werden bisweilen erforderlich, um die Syphilis zu tilgen.
Am Tage nach der letzten Einreibung nimmt der Kranke ein warmes Seifenbad und wechselt die Wäsche. Nur allmählig darf er zu seiner früheren Lebensweise zurück- kehren. Sehr räthlich ist es , das Jodkali noch einige Zeit nach dem Aussetzen der Einreibungen fortbrauchen zu lassen.
Ueble Zufälle, Speichelfluss, Hautausschläge u. s. w. treten bei gehöriger Vor- sicht in der Durchführung der Schmierkur nicht leicht, oder doch weit seltener auf, als bei anderen Behandlungsmethoden, daher diese nur bei völlig unbesiegbarer Scheu des Kranken vor der grauen Salbe in Anwendung zu kommen haben.
Sehr beliebt sind ausserdem Einreibungen von Unguent. Hydrarg. cinereum in die Stirngegend. Man glaubt dadurch die Wirkung der innerlich verabreichten Anti- phlogisrica zu unterstützen, gleichzeitig aber auch die Aufsaugung im Bereiche der Augenhöhle kräftig anzuregen. Der Nutzen dieses Mittels ist jedoch mehr als zweifel- haft, wogegen es sicher gestellt ist, dass dadurch bei zarter Haut nicht gar selten Eczeme hervorgerufen werden, welche bei ihrem Sitze an der Stirne höchst missliebig
'2\ Dlrecti Antiphlogose ; Jod, Brechweinstein, Salpeter.
auf das entzündete Sehorgan einwirken. Bei Kindern und unreinlichen unachtsamen Krauken ist die Einreibung dieser Salbe, so wie überhaupt von Salben, in der Nähe des Auges überdies geradezu gefährlich, da diese Individuen häufig diese Mittel überall herumschmieren und wohl auch in den Bindehautsack bringen und so gefährliche Beizungen am Auge begründen.
Das Jodkali in massigen Dosen verabreicht, ist weniger bedenklich und wer Vertrauen darauf hat, möge es verwenden; das reine Jod indessen sollte bei der Zweifelhaftigkeit seiner antiphlogistischen Wirkung und der mit seinem Gebrauche verbundeneu Gefahr füglich gemieden werden.
Der Brechweinstein ist zu oeulistischen Zwecken ganz unbrauchbar. Abgesehen von den bekannten üblen Wirkungen, welche er auf den Darmkanal ausübt, kömmt hier nämlich noch ganz besonders das Erbrechen als solches in Betracht, welches selbst bei geringen Dosen des Mittels kaum mit Sicherheit vermieden werden kann. Die damit verbundenen krampfhaften Muskelcontractionen und dadurch bedingten •Stauungen des Blutes in dem Verzweigungsbezirice der oberen Holdvene sind bei Gegebensein von entzündlichen Zuständen im Auge immer von dem übelsten Erfolge ; bei Geschwüren in der Hornhaut kann dadurch sogar eine Ruptur veranlasst werden. Uebrigens lehren hundertfältige Erfahrungen und einige Beobachtungen von förm- lichen Intoxicationen mit diesem Mittel auf das bestimmteste, dass, seine Wirkung sei anderwärts welche sie wolle, ein günstiger Erfolg von der Anwendung des Brech- weinsteines bei Augenentzündungen nicht gehofft werden dürfe.
Die Pidvcres Plummeri vereinigen die Unwirksamkeit des Goldschwefels mit den missliehen Effecten des Calomels und verdienen daher keine Anempfehlung.
Von dem Gebrauche des Infusum radic. Senegae, des Terpenthinöles und ähn- licher Specifica gegen Augenentzündungen ist man längst abgekommen, es ist daher überflüssig, ihrer hier weiter zu erwähnen.
Gegen die Anwendung des Salpeters in massigen Gaben lässt sich kaum etwas Vernünftiges einwenden , ausser die Unsicherheit seiner Wirkung. Bei der Gefahr- losigkeit massiger Dosen möge hier das Sprichwort : Melius remedium aneeps quam nulluni, immerhin seine Geltung haben. Gleiches lässt sich auch von den pflanzen- sauren, kohlensauren, phospliorsaurcn Salzen sagen. Wenn sie nicht nützen, schaden werden sie kaum bei vernünftiger Anwendung. Ihre kühlende Wirkung und die durch sie bedingte Vermehrung verschiedener Excretionen ist in vielen Fällen sicher eine sehr gewünschte.
6. Eigentliche Drastica, die purgirenden Mittelsalze, schwefelsaures Natron, Magnesia, Kali, so wie die übrigen Purgantien, die Jalappa, die Senna, das liicinusöl u." s. w. linden nur in wenigen Fällen genügende Indicationen, daher ihr Gebrauch nur in beschränktem Masse zu recht- fertigen ist. Als Bevulsoria leisten sie nichts.
Es haben diese drastischen Mittel das Unangenehme, dass sie durch die von ihnen hervorgebrachten häufigen Stühle, namentlich durch die mit ihrem Gebrauche verbundenen Leibschmerzen die andererseits so dringend gebotene Kühe des Kranken stören und ihn in unausgesetzter Aufregung erhalten. Ueberdies veranlassen die- selben sehr oft Stuhlzwang und die damit verknüpfte Contraction der gesammten respiratorischen Muskeln ist ganz geeignet, beträchtliche Stauungen im Verzweigungs- bezirke der Jugularvcnen zu begründen, kann dem entzündeten Auge sofort in der- selben Weise verderblich werden, wie das Erbrechen oder wie ein sehr schwerer Stuhlgang, zu dessen Verhinderung theilweise eben solche Drastica anempfohlen wer- den. Es wiegen diese Calamitäten jedenfalls in vielen Fällen den Nutzen auf, welchen eine durch sie erzielte Kevulsion, Ableitung des Blutes vom Auge zu dem Darmkanal, stiften könnte. Ausserdem liegt es wohl auf der Hand, dass eine solche derivatorische Wirkung immer nur von sehr geringer Dauer sein könne, und bei der ober- flächliehen Lage des Sehorgans durch anderweitige locale Mittel eben so gut erzielt werden könne. Eine fortgesetzte Einwirkung von drastischen Mitteln auf den Darm- kanal in der Weise, dass dadurch in der That eine Ableitung des Blutes von dem Auge bewerkstelliget wird , muss aber offenbar den nachtheiligsten Einfluss auf die gesammte Ernährung des Körpers und besonders auf die zukünftige Functionstüch- tigkeit des Darmkanals ausüben, und für solche Nebenwirkungen finden sich in den am Auge etwa zu erreichenden Erfolgen fürwahr keine genügenden Aequivalente. Als Bevulsoria lassen sieh die in Kede stehenden Mittel daher wohl kaum nach Wunsch
Drastica, indirecte Gegenv'eize. . 25
verwerthen. Man könnte ihre Anwendung zu derivatorischen Zwecken demnach aucli nur in verzweifelten Fällen gut heissen, wo man ehen am Ende Alles versucht, was auch nur einen Schimmer von Hoffnung gewährt.
Als entleerende Mittel indessen lassen sie sich keineswegs verwerfen. Es ist nämlich nicht selten dringend noth wendig, rasch ergiebige Stuhl - entleerungen zu veranlassen, um vorhandene Ansammlungen fäcaler Massen im Darmkanal zu beseitigen und durch sie begründeten Congestivzuständen in der oberen Körperhälfte , besonders im Kopfe , zu begegnen. In der That sind hartnäckige Stuhlverstopfungen dem günstigen Verlaufe von Ophthalmien im hohen Grade feindlich und darum mit Sorgfalt zu behan- deln. Da sind denn auch die eigentlichen Drastica nicht selten ganz unentbehrlich.
"Wo es sich indessen blos darum handelt, einer Ansammlung fäcaler Massen vorzubeugen, indem man den etwas trägen Darmkanal leicht anregt, genügen in der Kegel die als Eccoprolica geltenden Arzneikörper. Es kömmt dann ja eben nur darauf an, täglich eine oder mehrere leichte breiige Entleerungen zu veranlassen, ein förmliches Purgiren hat nach dem Mit- getheilten keinen Zweck. Die hierzu dienlichen Mittel müssen mit Grund als bekannt vorausgesetzt werden. Leicht abführende Mineralwässer spielen dabei eine sehr wichtige Rolle.
7. Indirecte Gegenreize. Indem mau in der Nähe des Auges durch kräftige Irritantien eine heftige Reizung oder eine förmliche Entzündung anregt, beabsichtigt man das Blut von dem ursprünglichen Entzündungs- herde abzuleiten und so in dem letzteren eine Verminderung des Seiten- druckes hervorzubringen. Es ist indessen wohl klar, dass die collaterale Ablenkung des Blutstromes nur sehr kurze Zeit und kaum so lange dauern könne, als eben die Gefässe in der irritirten Stelle brauchen, um sich zu erweitern, dass sofort der gewünschte Effect ein mehr als flüch- tiger sein müsse. Dieses mögen denn auch die Vertheidiger dieses Kur- verfahrens eingesehen haben und stützen sich daher mehr auf die Mög- lichkeit eines dadurch zu erzielenden Ausgleiches auf antagonistischem Wege. Man möge hierunter nun verstehen, was man will, vorurtheilsfreie Beob- achter haben auf oculistischem Boden keinerlei derartige Wirkungen ent- decken können; man hat sich vielmehr zumeist bemüssigt gefunden, diese Mittel als Marterwerkzeuge zu erklären, die in keinem Ealle nützen, dafür aber häufig Schäden stiften, .welche bisweilen grösser sind als die, welche durch die ursprüngliche Krankheit jemals bedingt werden konnten.
Namentlich gilt dieses von den Moxen, Haarseiten und Fontanellen. Brandige Absterbungen in weiter Ausdehnung, erschöpfende Eiterungen, ja selbst Erysipele mit tödtlichem Ausgange gehören zu den möglichen Erfolgen. Nicht viel besser sind die Pustelbildungen durch Einreibung von Brechiceinsteinsalbe. Selbst die Application des Euphorbienpflasters , der Resina Elemi etc. zum Zwecke der entzündlichen Ableitung ist nicht ohne Gefahr, besonders bei Leuten mit zarter Haut und in Specie bei Kin- dern. Es entstehen gar nicht selten in Folge von Derivationen durch derartige Sub- stanzen , welche hinter das Ohr oder an die Schläfegegend applicirt wurden, ausge- breitete Impetigines, Eczeme, besonders häufig aber sieht man die Hals- und Nackendrüsen enorm anschwellen und selbst vereitern. Ueberdies ist es eine ganz gewöhnliche Beob- achtung, dass unachtsame Leute und Kinder fortwährend an der geschwürigen Stelle kratzen und mit den Fingern die reizenden Substanzen herumschmieren, selbst auf die C'onjunctiva bringen und so die Entzündung im Auge mächtig steigern.
8. Xarcotica. Sie sind häufig von unzweifelhaft günstiger Wirkung und finden ihre Anzeige nicht blos in der symptomatischen Erleichterung,
2C Directa Antlphlogose; Narcotica, Opitun.
welche sie dem Kranken durch Milderung oder Beseitigung quälender .Schmerzen gewähren ; sondern können auch insoferne einen günstigen Ein- iluss auf den Verlauf der Entzündung ausüben, als sie erstens die durch heftige Schmerzen bedingte körperliche und geistige Unruhe des Kranken vermindern, zweitens aber durch Herabstimmung der krankhaft aufgeregten Gefühlsnerven eine Schädlichkeit beseitigen , welche in Bezug auf die Circulations- und Ernährungsverhältnisse im Entzündungsherde nicht gering anzuschlagen ist. Kiemais darf indessen ausser Acht gelassen werden, dass die Narcotica in wirksamen Dosen verabreicht auch gefährliche Mittel seien und neben der gewünschten Wirkung in der Regel auch missliebige Neben- wirkungen entfalten, für welche letztere der gegebene Krankheitsprocess oft keine Rechtfertigung enthält. Man soll diese Arzneikörper daher nicht leichtsinnig anwenden, sondern nur dort, wo wirklich die Noth es gebietet, und stets auf der Hut sein, um Schäden zu vermeiden.
Das Opium steht in der Reihe der Narcotica obenan wegen der Sicher- heit und grossen Gleichmässigkeit seiner arzneilichen Wirkung; wo es auf rasche, kräftige und bestimmte Erfolge ankömmt, verdient es vor allen anderen den Vorzug. Zu diesem Zwecke muss es aber innerlich verabreicht werden. Dosen zu */4 — l/a Gran werden in der Regel genügen. Sehr kleine Gaben von '/,„ oder '/G Gran sind meistens zu schwach, um in dringen- den Fällen bei halbwegs kräftigen Erwachsenen die gewünschten sedativen Wirkungen zu entfalten; wo aber der Zustand von der Art ist, dass man sich mit ganz geringfügigen Resultaten des Opium begnügen kann oder wo es gleichgiltig ist, ob und wann jene Wirkungen sich geltend machen, ist es offenbar vernünftiger, dem Gebrauche eines so heroischen Mittels zu entsagen und sich darauf zu beschränken , dem Grundleiden durch directe Mittel entgegenzutreten. Bei Kindern indessen, bei Greisen und sehr herabgekommenen schwächlichen blutarmen Individuen wirkt der Mohnsaft viel kräftiger und Dosen von '/, 0 — J/G Gran sind keineswegs als kleine zu erachten.
Im Ganzen genommen fordert der innerliche Gebrauch des Opium grosse Vorsicht. Es ist nämlich bekannt, dass das Opium primär anregend auf das Gehirn und die Circulationsorgane wirkt; dass erst in zweiter Instanz die gewünschte Herabstimmung der functionellen Thätigkeiten unter das physiologische Mass zu Stande kömmt, und dass beim Erwachen aus dem durch das Opium erzeugten Schlafe meisthin eine bedeutende Abspan- nung, Mattigkeit, das Gefühl von Wüstheit im Kopfe und dumpfer Schmerz in der Stirn- und Hinterhauptsgegend sich geltend machen. Weder die primären noch die Nachwirkungen sind vortheilhaft, ja die letzteren be- lästigen oft den Kranken ausnehmend durch mehrere Tage. Dazu kömmt aber noch, dass höchst wahrscheinlich bedeutende Hyperämien des Gehirns und seiner Hüllen zu den Nebenwirkungen des Opiums gehören, oder theil- weise sogar jenen therapeutischen Erfolgen zu Grunde liegen. Ist dieses richtig, so liegt es am Tage, dass der Gebrauch des Opium bei Neigung zu Kopfcongestionen oder zu apoplectischen Ergüssen, bei Vorhandensein von Ueberbleibseln eines blutigen Schlagfiusses oder einer Gehirnerweichung dem Leben des Kranken gefährlich werden könne; dass das Opium weiters in allen jenen Fällen versagen oder gar schaden werde, in welchen die vorhandene Ophthalmie durch Blutstockungen im Bereiche der Arteria
Innerliche und äusserliche Anwendung des Opium und des Morphium, *2 i
ophthalmica und der ihr entsprechenden Venen vorhereitet wurde und noch intiuenzirt wird; dass endlich hei der anatomischen Disposition der Augenhöhlenschlagader und bei dem innigen Zusammenhange der meisten und mächtigsten orbitalen Venenstämme mit den Blutleitern und Blutadern der Schädelhöhle die Opiumwirkung um so ungünstiger ausfallen werde, je grösser die Blutüberfiillung in dem Sehorgane und seinen Umgebungen ist. In der That leistet das Opium bei dem Glaucome und den ihm ver- wandten Ophthalmien wenig oder nichts und auch bei einfachen spleni- schen Entzündungen kann man sich um so weniger auf die Erfolge ver- lassen, je stärker der vasculäre Charakter hervortritt; ja öfters dürfte in solchen Fällen durch den Gebrauch des Mohnsaftes das Uebel geradezu verschlimmert werden. Daher kömmt denn auch die alte Regel, nach welcher das Opium erst dann zu verabreichen ist, wenn die Entzündung durch directe Mittel gebrochen scheint. Ausserdem ist bei der Anwendung des Opium nicht zu vergessen , dass während der Dauer seiner Wirkung die Pupille verengert wird, was in so manchen Fällen, z. B. bei sich vor- bereitenden Regenbogenhautentzündungen, bei Durchbruch drohender cen- traler Geschwüre der Hornhaut etc. sehr gefährlich werden kann ; daher in dringender Xoth die fatale Wirkung des Opium durch Mj'driatica local aufzuheben wäre. Auch die dem Gebrauche des Opium folgende Stuhl- verstopfung ist nicht ohne Bedeutung und verdient alle Rücksicht. End- lich ist wohl zu bedenken, dass bei Leiden von langer Dauer das Opium insoferne misslich ist, als der Kranke sich bald daran gewöhnt, immer grössere und grössere Gaben verlangt und zuletzt von dem Mittel nicht mehr lassen kann, ohne sich den entsetzlichsten Qualen Preis zu geben, somit zu einem wahren Opiophagen wird , selbst wenn das ursprüngliche Leiden getilgt wurde.
Diese mit dem innerlichen Gebrauche des Opium verknüpften Gefahren mögen mit Ursache sein, dass die Oculisten zum grossen Theile die äussere Anivendung des Mittels mit Vorliebe empfehlen. Besonders beliebt sind Einreibungen in die Stirn- gegend, welche öfters des Tages wiederholt werden, namentlich wenn gerade exaeer- birende Sehmerzen eine sedative Wirkung wünschenswerth machen. Man benützt hierzu Mischungen von Opii puri, Amyli aa. gr. 1, welche vor dem Gebrauche mit Speichel oder Wasser zu einem Brei angefeuchtet werden; oder man lässt zu diesem Ende eine Schmiere bereiten aus Opii puri oder Extracti Opii aquos. gr. 10 auf zwei Drachmen reinen Fettes oder frischen Oeles. Neuester Zeit wird als Basis für Augensalben eine Mischung von fünf Theilen reinen Glycerins mit Einem Theile Stärkemehl empfohlen. Auch wird bisweilen die Tinctura Opii simplex unvermischt auf die Stirne oder die Lider aufgetragen. Um das Abwischen des Mittels zu ver- hindern und durch Erzeugung einer mehr gleichmässigen höheren Wärme die Resorp- tion zu begünstigen, pflegt man einen drei Finger breiten Streifen doppelt zusammen- gelegten geleimten Papieres mittelst eines Bändchens über der Applicationsstelle zu befestigen. Der Anwendung des Opium auf Stellen , welche durch Vesicatore der Oberhaut beraubt wurden, steht die starkreizende örtliche Wirkung des Mittels ent- gegen, da diese häufig zu intensiven Entzündungen führt.
Die sedative Wirkung dieser äusseren Mittel ist sehr unzuverlässig, und dieselben sind daher ungeeignet für jene Fälle, in welchen eine locale Herabstimmung der auf- geregten Gefühlsnerven wirklich und dringend gefordert wird. Wo man sich mit einer unsicheren Wirkung begnügen kann, oder wo es blos darauf ankömmt, etwas dem Kranken zu verschreiben, ut aliquid habeat, thun es reine Fette oder Oele auch, da kann man das Opium entbehren.
Das Morphium soll weniger aufregend auf das Circulationssystem wirken und nicht so leicht Stuhlverstopfung bedingen als das Opium, es trifft dafür aber die sensitiven Nerven ungleich kräftiger. Wo man
28 Direcle Antipklogoae; Narcotica Chloroform, Blausäure, Digitalis.
die ersteren fürchtet, die kräftige Herabstimmung der Gefühlsneryen aber wünscht, dürfte das Morphium somit den Vorzug verdienen. Gaben von '/,„ — 7C Gran sind schon sehr ausgiebig und Dosen von '/4 — '/3 Gran dürften nur selten nothwendig sein. Das Morphium muriaticum und sulfuricum empfehlen sich vor dem purum und aceticum durch die leich- tere Löslichkeit und geringere Veränderlichkeit. Leider veranlasst das Morphium ziemlich häufig Vomituritionen und Erbrechen, was, wie schon erwähnt wurde, in so manchen Füllen Gefahren mit sich bringen kann und den Gebrauch des Morphium einschränkt. Uebrigens ist auch die dadurch begründete Verengerung der Pupille zu berücksichtigen und wohl zu bedenken , dass die unangenehmen Nachwirkungen des Opium , die Mattigkeit, Wüstheit des Kopfes , Gehirndruck u. s. w. auch nach dem Gebrauche des Morphium sich geltend machen , und besonders bei ge- wissen Individuen einen Grad erreichen, welcher die günstigen Wirkungen des Präparates mit Zinsen aufwiegt.
Der endermatische Gebrauch des Morphium ist jedenfalls weniger bedenklieh. Behufs dessen benützt man entweder Salben aus gr. 1 auf drach. 1 Fett oder mit Stärkemehl versetzten Glycerins, welche in die Stirne eingerieben werden; oder man verwendet Mischungen von '/, — '/2 Gran und von 3 — 4 Gran Zucker, welche auf eine durch Vesicantien der Oberhaut beraubte Stelle der Stirnhaut, am besten im Verlaufe des Nervus frontalis, aufgestreut werden. Obgleich diese Anwendungsweisen des Morphium mehr zu leisten versprechen , als die äussere Application des Opium , so muss man sie doch für nicht genug verlässlich erklären, um sie in dringenden Fällen dem innerlichen Gebrauche des Opium oder Morphium mit Beruhigung substituiren zu können.
Das Chloroform verdient vor den Opiatis den Vorzug, wo man sich mit Wirkungen von kurzer Dauer begnügen kann , also namentlich, wo die Schmerzen momentan holte und höchste Grade erreichen, dann wieder erträglicher werden, um abermals aufzuflackern. Man lässt zu diesem Ende das Chloroform entweder einathmen, oder applicirt das Mittel üusser- lich auf die Stirngegend. Um der raschen Verflüchtigung des Mittels einigermassen zu wehren , ist es gerathen , das Chloroform mit gleichen Gewichtstheilcn von Oel zu versetzen. Von der Mischung werden ge- nügende Mengen auf ein Schnupftuch oder ein Charpiebäuschchen aufge- träufelt und dieses bei geschlossenem Munde vor die Nase gehalten; oder man befestigt das von dem Mittel durchtränkte Büuschchen mittelst einer Binde aus Wachstaffet an der Stirne. Auch sind Einreibungen aus glei- chen Theilen von Chloroform und Tinctura Opii simplex in die Stirn- gegend beliebt und werden von den Kranken gelobt. Es ist unbekannt, ob die Opiumtinctur zu dem Erfolge viel beitrage. Der Gebrauch dieses Mittels fordert Rücksichtnahme auf den Umstand, dass manche Indivi- duen vor dem Gerüche des Chloroform eine unüberwindliche Abneigung haben. Auch dürfte beim Einathmen desselben der Kranke zu beobachten sein, um möglichen Schäden durch zu starke Narcose vorzubeugen.
Die verdünnte Blausäure stimmt dem Kirschlorbeer- und Bitlcrmandelwasser sind vom oculistisehen Standpunkte als Narcotica nicht zu empfehlen. Ebenso die Digi- talis als Narcoticum betrachtet. Doch hat diese sich durch ihre ganz eclatante Wir- kung auf die Circulationsorgane in der Eigenschaft eines Febrifugum und Antiphlo- gistienm viele Freunde erworben. Es ist [in der That denkbar, dass sie vermöge ihrer, die Thätigkeit des Herzens retardirenden Einwirkung auf die Lösung eines localen Entzündungsherdes günstig influenciren könne. .Bei in- und extensiven Ent- zündungen im Bereiche der Orbita, wenn sie mit heftigem Fieber und Exaltation der Qehirnfanctionen einhergehen, ist der Fingerhut als Adjuvans neben kräftiger directer
Aconitum , Lupulin, Hyoscyamus, Belladonna] Stvamonuim. 20
Anliphlogose sohin am Platze. Ob er indessen ganz entsprechen werde, müssen genaue Beobachtungen erst herausstellen. Im Gebrauche ist vorzüglich das Pulv. fol. Digital, purp, zu gr. '/2— 1 pro dosi, öfters des Tages gegeben, und das Infusum fol. Digital, purp, ex gr. 6 — 12 ad col. unc. 4, über Tags zu nehmen.
Der Sturmhut, Aconitum, zählt sehr viele Anhänger. Er scheint wirklich bis- weilen Schmerzen zu mildern und zu beseitigen, und könnte darum bei rheu- matischen oder gichtischen Affectionen von Vortheil sein. In neuerer Zeit will man in dem Sturmhute ein vortreffliches Febrifngum gefunden haben, welches in der Augenheilkunde, besonders durch die starke Erweiterung der Pupille bei seinem inneren Gebrauche, verwendbar werden könnte. Leider fehlt es an scharfen Indica- tionen für seinen Gebrauch, daher das Mittel auch sehr unzuverlässig zu sein scheint.
Das Lupulin ist der Unsicherheit seiner Wirkung wegen ebenfalls kaum brauch- bar. Wo seine sedative Wirkung erwünscht wäre, dürften ein oder zwei Glas guten Bieres besser entsprechen. In chronischen Fällen, wo die vasculären Erscheinungen weniger hervortraten, dafür aber der nervöse Charakter mehr entwickelt war, die Kranken überdies an Unruhe und Schlaflosigkeit litten , das Opium oder überhaupt pharmaceutische Mittel aber verabscheuten , wurden mit jenem Mittel in der That ganz vortreffliche Wirkungen erzielt, die Kranken wurden ruhiger und schliefen gauz ausgezeichnet. Ein übler Einfluss auf die Ophthalmie wurde unter solchen Verhältnissen niemals constatirt.
Das Bilsenkraut , Hyoscyamus , ist dem Opium in Bezug auf Wirkungsweise ähnlich, ohne Stuhlverstopfung zu bedingen und könnte besonders dann von Vortheil sein, wenn es darauf ankömmt, die Pupille weit zu erhalten. Doch lässt es in Be- treff der Sicherheit seiner Wirkung viel zu wünschen übrig und ist daher dem Opium weit nachzusetzen, um so mehr, als die Mydriase leicht durch directe Application von entsprechenden Mitteln auf das Auge erzielt werden kann. In der That sind kleine Dosen häufig unwirksam , und wenn grössere Gaben auch wirklich Schmerzen zu mildern im Stande sind, so steht der solchermassen gewonnene Erfolg oft nicht im Einklang mit den unangenehmen Nebenwirkungen. Man benützt das Pulv. herb. Hyoscyami zu gr. l/2 — 1 pro dosi, häufiger aber das Extract. herb. Hyoscyam. in Pillen oder Pulverform. Beliebter indessen ist die äusserliche Anwendung des Bilsenkrautes als örtliches schmerzstillendes Mittel. Zu diesem Zwecke benützt man meisthin das Extract. herb. Hyoscyami gr. 6 — 10 auf 2 Drach. reinen Fettes oder Oeles, in die Stirngegend einzureiben. Es schadet diese Einreibung weniger, nützt aber auch kaum etwas. Einreibungen des Oleum Hyosc. coctum , sowie des Oleum pressum sem. Hyoscyami sind ganz unwirksam und beschmutzen nur unnöthiger Weise den Kranken. Von dem Gebrauche des Hyoscyamus als Mydriaticum wird später die Kede sein.
Die Tollkirsche, Belladonna, ist als Anodynum ganz unbrauchbar, besonders bei innerlichem Gebrauche, da bei wirksamen Gaben die lästigen Nebenwirkungen zu stark vorschlagen. Man benützte gewöhnlich Pillen: Rp. Pulv. et Extr. Belladon. KU. q. s. ut f. Pilul. gr. 1 Nro. 20. Consperg. Pulv. Liquir. D. S. täglich 2 Stück zu nehmen. Aeusserlich angewendet ist das Belladonnaextract weniger gefährlich, weil minder wirksam. Man verwendet meisthin eine Lösung von gr. 10 — 20 auf unc. 1 Aq. dest., oder eine Salbe aus Extr. Bellad. gr. 10 ad Axung. porc. drach. 2, welche Mittel mehrmals des Tages in die Stirngegend eingerieben werden. Vielleicht ist die der Einwirkung gebotene Fläche zu klein, als dass das Mittel eine genügende Wir- kung bei Augenleiden entfalten könnte. Salben aus Atropin. sulf. gr. 1 ad Axung. porc. drach. 2 wirken als starkes Mydriaticum, als Sedativum sind sie ebenso unbrauch- bar, als das Extr. Belladonn. und führen bei länger fortgesetztem Gebrauche öfters plötzlich zu sehr beunruhigenden Erscheinungen , wie selbe die Belladonnavergiftung charakterisiren.
Von dem Stechapfel, dem Stramonium, und seinem Alkaloide, dem Daturin, gilt dasselbe was von der Belladonna gesagt wurde; als Narcoticum hat es keinen Werth, und sollte darum auch in dieser Eigenschaft nicht verwendet werden.
9. Die Mydriatica , pupillenem: -eiternden Mittel, sind in der Augenheil- kunde von unschätzbarem Werthe. Doch darf man von ihnen eben nichts anderes erwarten, als "was durch eine Erweiterung der Pupille als solche oder durch kräftige Zusammenziehungen der Irislängsfasern erzielt wer- den kann. Sr-hwächung oder Lähmung des Sphincter pupillae und ent-
oO Dirccte Antiiililogo.se; Mydriatica.
weder dadurch bedingtes relatives Uebergewicht des Dilatators oder wahr- scheinlicher dirccte Anregung der Irislängsfasern zu Contractionen , welche die physiologischen Zusammenziehungen an Kraft überbieten dürften, das sind die Wirkungen der Mydriatica.
Der Einfluss , welchen sie durch Veränderungen in den Circulationsverhältnissen der inneren Theile des Auges auf die Lösung vorhandener Entzündungen etwa nehmen könnten, oder welcher vielleicht mittelbar resultiren dürfte aus einer supponirten Verminderung des intraoeularen Druckes oder aus einer Abspannung abnorm contra - hirter Gewebselemente, ist nichts weniger als constatirt, ja es dürfte dermalen überhaupt schwer halten, nur einigermassen treffende Gründe für solche Wirkungen aus den bisherigen Beobachtungen abzuleiten. Damit ist indessen nicht gesagt, dass unter solchen Umständen der Gebrauch der Mydriatica untersagt sei; bei vorsich- tigem Gebrauche werden sie kaum schaden und, wo andere directe Mittel versagen, sind sie wohl des Versuches werth.
Als Mydriatica im engeren Wortsinne gelten die Belladonna, der Hyo- seyamus und das Stramonium. Es giebt zwar noch andere Mittel, welche die Pupille erweitern, diese sind aber unzuverlässlich und daher verwerf- lich. Früher benützte man fast ausschliesslich die Exlracte jener Pflanzen, neuerer Zeit aber die Alkaloide, insbesondere das Atropin. Stets muss die Application behufs der Mydriase eine äussere und womöglich das Auge direct treffende sein. Bei dem innerlichen Gebrauche der Mittel geschieht es nämlich häufig, dass eher bedenkliche Intoxicationserscheinungen auf- treten , als die Pupille sich erweitert , und eine sehr ausgiebige anhal- tende Dilatation mit völliger Vernichtung der ßeactionsfähigkeit der Iris ist auf diesem Wege nur sehr schwer , und kaum jemals ohne grosse Gefahr, zu erzielen.
Die Extracte werden entweder in Salbeuform , oder in wässerigen Lösungen zu Ueberschlägen oder Einträufelungen in den Bindehautsaek verwendet. Sicher wirken indessen nur die letzteren. Die Salben aus 10 Gran auf 1 Drachme Axung. porc. bereitet und in die Stirngegend eingerieben, erweitern nämlich öfters die Pupille gar nicht, oder erst nach langem Gebrauche und nach dem Auftreten der bereits erwähnten höchst missliebigen Intoxicationserscheinungen, und falls sie auch wirklich binnen kurzein eine Dilatation bewerkstelligen , ist diese meisthin ungenügend. Wässerige Lösungen aus 20 — 30 Gran auf die Unze Aquae fontis, dem zu Ueberschlägen ver- wendeten Eise oder kalten Wasser beigemischt, wirken in der Kegel besser, doch jedenfalls auch unsicher, was sich wohl zum Theile daraus erklärt, dass die Dosi- rung des Mittels bei einer solchen Anwendungsweise keine ganz willkürliche ist, und wenigstens die Grösse des zur Einwirkung auf das Auge gelangenden Theiles ganz vom Zufalle abhängt. Ucbrigens ist es sehr wahrscheinlich, dass dort, wo auf solche Uebcrschläge eine bedeutende Erweiterung der Pupille binnen kurzem zu Stande kam, etwas von der Lösung auf die Conjunctiva gelangte, denn es ist bekannt, dass im letzteren Falle schon relativ kleine Mengen der genannten Mittel einen sehr auffallenden Erfolg haben können. Darum sind denn auch Eintr'dufelungen ungleich sicherer und jeder anderen Ajjplicationsiceise vorzuziehen. Man benützt hierzu einige Tropfen einer Lösung von gr. 6 — 10 auf 1 Drachme Aq. dcstill. simpl. Damit diese Lösung den gewünschten Erfolg mit Sicherheit herbeizuführen vermöge, ist es noth- wendig, dass sie einige Minuten auf die Bindehaut einwirke. Zu diesem Ende ist es ratlisam, den Kranken vollkommen horizontal auf den Kücken legen und dann das Gesicht etwas auf die dem kranken Auge entgegengesetzte Seite wenden zu lassen, damit sich in der Fossa angularis einige Tropfen des Mittels sammeln können, ohne abzurinnen. Hat man sodann bei geschlossener Lidspalte die Lösung in die genannte Grube geträufelt, so wird abwechselnd das obere und das untere Lid etwas abge- zogen , die Lösung dringt in die Lidspalte und gelangt bei gehöriger Manipulation bis in die Uebergangsfalte , kommt daher mit der oberen und unteren Hälfte des Bindehautsackes in Berührung und wird in mögliehst grosser Menge durch Kesorp- tion aufgenommen.
Applicatiouswcisen des Atropin. 31
Ton den Alkaloidm ist ganz vorzüglich das Atropin im Gebrauche, weniger das Hyoscyamin und Daturin, obwohl diese beiden letzteren Mittel dem ersteren durchaus nicht an Wirksamkeit nachstehen. Am gewöhnlichsten wird Sulfas Atropini benützt, da es sich ungleich leichter in Wasser löst, als das Atropinum purum, welches, um in der erforderlichen Menge gelöst zu werden, des Zusatzes einiger Tropfen von Alkohol ver- langt. Eine Solution von Atropin. sulfur. gr. 1 ad unc. 1 Aq. destill, simpl. genügt bei gehöriger Einträufelung nach der oben angedeuteten Weise, um in den allermeisten Fällen eine höchstgradige Erweiterung der Pupille zu erzielen. Der Sicherheit halber kann man indessen mit Vor- theil eine Lösung von gr. 1 auf unc. f/a Wasser benützen. Um die Dauer der Application abzukürzen und insbesondere , um die nicht immer ganz zulässige oder doch unbequeme Rückenlage zu umgehen, ist es wohl auch rathsam, eine Lösung von gr. 2 — 3 auf unc. 72 Aq. dest. simpl. bereiten zu lassen und diese mittelst eines Pinsels auf die innere Fläche des leicht abgehobenen unteren Lides auszustreichen. Ein Tropfen dieser Lösung in dieser Weise applicirt genügt, um innerhalb weniger Minuten die Pupille auf das Maximum zu erweitern. Doch ist hierbei wohl zu merken, dass durch Pinsel leicht Ansteckungsstoffe von einem Auge auf das andere übertragen werden können, und darum jeder Kranke seinen eigenen Pinsel haben soll.
Man darf indessen nicht glauben, dass ein vorsichtiger Gebrauch dieser Lösungen jede unangenehme Nebenwirkung ausschliesse. Manche Kranke, und zwar bisweilen sehr starke und nicht im mindesten nervöse, reagiren ausnehmend heftig selbst gegen minimale Dosen, wie sie auf die bezeichnete Weise zur Eesorption gelangen können. Kratzen im Schlünde, dumpfes Kopfweh, höchste Unruhe, Schlaflosigkeit, aufgeregte Träume etc. stellen sich bisweilen bei der behutsamsten Application des Mittels und so oft ein, als das Mittel in Anwendung kömmt. Um so sicherer kömmt es zu sol- chen Nebenwirkungen, wenn durch die Thränenröhrchen etwas von der Lösung auf- genommen und in den Rachen geführt wird. Ein sehr stark bitterer Geschmack in den hinteren Partien der Mundhöhle macht den Kranken und den Arzt auf dieses Ereigniss aufmerksam und fordert zur augenblicklichen sorgsamen Entfernung des Giftes durch wiederholtes Ausspülen des Mundes und Rachens auf. Bei unruhigen Kranken kömmt es wohl auch vor, dass von der Lösung etwas aus der Fossa angu- laris herab in den Mund rinnt. Die Kranken klagen dann über bitteren Geschmack an den vorderen Zungentheilen.
Die höchst deletären Wirkungen selbst kleinster Dosen des Atropin lassen es räthlich erscheinen, das Mittel dem Kranken, wo es nur immer thunlich ist, nicht in die Hände zu geben, sondern unter eigener Obhut zu bewahren. Jeder, Augenkranke behandelnde Arzt sollte eine derartige Lösung in seinem Instrumentarium führen. Es kann dieses um so leichter geschehen, als die Solution Jahre lang aufbewahrt werden kann, ohne ihre Wirksamkeit einzubüssen.
Salben aus Atropin. sulf. gr. '/2 ad Axung. porc. drach. 2 werden ebenfalls öfters zu Einreibungen in die Stirngegend verwendet , um bei Trübungen des Linsen- centrums u. s. w. die Pupille dauernd in einem mittleren Erweiterungszustande zu erhalten und so das Sehvermögen im hellen Lichte zu verbessern. Es leisten diese Salben in der That sehr Gutes. Doch haben sie das sehr Unangenehme dass, wenn sie einige Zeit angewendet wurden , öfters plötzlich und gegen alles Erwarten jene Erscheinungen auftreten, welche leichte Grade der Vergiftung kennzeichnen, und diese Zustünde halten dann gewöhnlich mehrere Tage an. Es versteht sich von selbst, dass man eine solche Gefahr nicht läuft, wenn behufs der Erweiterung der Pupille nur einmal oder das andere Mal eine Atropinsalbe in den Bindehautsack gestrichen wird. Neuerer Zeit wird eine Glycerinsalbe aus gr. 1 Atrop. sulf. auf drach. 2 des Vehi- kels sehr häufig statt der Solution verwendet und mittelst einer Spatel o. dgl. ein- gestrichen. Das Atropin ist in Glycerin leicht löslich.
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Keratitis : Anatomie der Cornea.
ERSTE k ABSCHNITT.
Die Entzündung der Hornhaut. Keratitis.
Anatomie. Die Hornhaut schüesst die vordere Oeffnung der Sclero- tica und steht mit dieser im innigsten organischen Zusammenhange, indem die Elemente der Lederhaut ohne scharfe Grenze unmittelbar in jene der Hornhaut Übergehen, sich gleichsam in Cornealelemente umwandeln.
Nach vorne wird die Hornhaut (Fig. 1 a) von einem sehr zarten weichen völlig durchsichtigen Epithel b gedeckt, welches in seinen tiefsten Schichten aus länglichen, auf der Oberfläche der Cornea senkrecht stehen- den Zellen gebildet wird, während die mittleren Schichten mehr rundliche Zellenformen zeigen und die oberflächlichen Strata polyedrische kernhaltige Platten darstellen. Es lagert das Epithel auf einer völlig structurlosen
sehr durchsichtigen Schichte, dem Stratum Bowmanni c auf, welches sich jedoch nicht als eine gesonderte Haut von der Cornea abziehen lässt und sich von der Oberlläche der Hornhaut auch nicht ganz scharf absetzt.
Am Kunde der Cornea geht das Epithel sammt der structurlosen Schichte auf die Oberfläche des Limbus conjunctivaUs d über und setzt sich von da auf die Bindehaut fort. Die Elemente des Limbus conjunctivalis
Descemet!, mikrosk. Charaktere der Hornliautsubstanz, Gefässe. 33
hängen wie die der Sclera direct mit den Elementen der Cornea zusammen, sie gehen in das Gefüge der letzteren ein und werden darin zu Horn- hautelementen.
Die hintere Fläche der Hornhaut wird von der Membrana Descemeti oder Demowrsi e gedeckt, welche ihrerseits wieder an der den Kammern zugewendeten Seite ein Stratum schöner polygonaler Epithelzellen trägt. Es ist diese Haut eine Glashaut, vollkommen structurlos, wasserhell, leicht zerreissbar, aber doch ziemlich fest und so elastisch, dass sie, von der Cornea theilweise losgelöst, sich sogleich nach vorne umrollt. Gegen den Rand der Cornea hin löst sich diese Haut in ein System feiner starrer Fasern / eigenthümlicher Art auf, welche ein langgestrecktes Netzwerk bilden und zum Theile in das Aufhängeband der Iris, zum Theile in den Ciliarmus- kel g übergehen, zum Theile aber sich in die den Schlemmschen Kanal h deckenden Scleralpartien einsenken.
Die eigentliche Hornhautsubstanz besteht aus über einander gelagerten homo- genen Lamellen. Unter gewissen Präparationsmethoden werden diese Lamellen streifig und zerspalten sich in platte breite Bündel oder Bänder, die an ihrer Breitseite eine deutliche Längsstreitüng wahrnehmen lassen. Diese Bänder sind überall gleich breit, liegen aber nicht allenthalben genau neben einander, sondern machen vielfache rasch auf einander folgende Ausbeugungen, welche sich in den nachbarlichen Fasern nicht ganz entsprechen, Sie bilden daher Lücken. In den hinteren und mittleren Schichten der Cornea ist die Spaltbarkeit weit auffälliger, als an den vorderen La- mellen und es verlaufen daselbst die über einander liegenden Bündel der Oberfläche parallel, die Faserzüge der einzelnen Schichten aber kreuzen sich unter verschiedenen Winkeln. An der Oberfläche verlaufen die Faserbündel in geneigter Lage zur Ober- fläche und kehren ebenso von derselben zurück.
Die Fasersubstanz der Hornhaut gehört zu den chondringebenden Gebilden, erweist sich jedoch bei genauer chemisch-mikroskopischer Analyse als mit Eiweiss allenthalben durchtränkt. Besonders deutlich ist der Eiweissgehalt in den sogenannten Hornhautkörperchen ausgesprochen, welche den zweiten Hauptbestandtheil der Horn- haut darstellen.
Die Hornhautkörperchen sind eigenthümliche Gebilde von der Form einer Spindel, eines Sternes oder einer länglichen stumpfkantigen Pyramide, von deren Enden und Seiten eine Anzahl feiner verzweigter Ausläufer ausgeht, welche sich in spiraligen Win- dungen schlängeln und, indem sie mit den Ausläufern nachbarlicher Hornhautkörper- chen sich kreuzen oder anastomosiren, eine Art Netzwerk constituiren, dessen Knoten die Hornhautkörperchen selbst darstellen. Diese Hornhautkörperchen liegen im Allge- meinen zwischen den einzelnen Lamellen der Hornhaut, welche aus der Vereinigung der platten Bündel gebildet werden. Bisweilen jedoch findet man solche Corpuscula auch in den Lücken der einzelnen Schichten selbst eingelagert. Namentlich Ausläufer sieht man nicht selten einzelne Schichten schräg durchsetzen. Die Körperchen aus Einem Interlamellarraum oder aus Einer Ebene scheinen unter sich streng parallel zu sein, in den verschiedenen Schichten aber kreuzen sie sich gleich den Fasern unter den verschiedensten Winkeln. Ueber die Natur und Bedeutung der Hornhaut- körperchen ist man nicht völlig im Klaren. Am meisten für sich hat die Meinung, es seien den Bindegewebskörpern analoge Zellen mit verzweigten anastomosirenden Ausläufern. Die unbestrittene Gegenwart von Kernen in den Körpein spricht sehr dafür. Ist dieses richtig, so dürfte wohl kaum zu zweifeln sein, dass diese Körper- chen mit ihren Ausläufern in nächster Beziehung zum Ernährungsprocesse der Horn- haut stehen, ja man glaubt, sie seien geradezu ein Ersatz für die Gefässe, eine Art Kanalsystem zur Fortleitung des Nahrungssaftes durch alle Theile der Hornhaut.
Gefässe finden sich nur an der fötalen Hornhaut in grösserer Menge. Sie bilden hier unter der Bowmann'schen Schichte ein ziemlich dichtes Netz, welches sich jedoch nicht bis in die Mitte der Cornea zu erstrecken scheint. Gegen das Ende des Fötallebens und nach der Geburt verküm- mern diese Gefässe und verschwinden ganz oder bis auf geringe Spuren.
Stellwag, Augenheilkunde. 3
34 Keratitis; Gretsenbogen.
Nur am Uusaersten Hornhotetrande bleiben einige Capillaren zurück, die unter der Bowmann'scbcn Schichte liegen und eine oder mehrere Reihen von Bögen formiren. Ausserdem kommen noch in der Substanz der Hornhaut, aber nicht constant , Capillaren vor, welche aus der Sclerotica stammen, meistens Nervenstämme begleiten und Schlingen bilden.
Die Nerven der Cornea sind Endzweige der Nervuli ciliares, dringen am vordersten Umfange der Sclera in diese und sodann in die Faserlagen der Cornea, werden alsbald marklos vollkommen hell und durchsichtig und verbreiten sich unter vielen Zweitheilungen und Anastomosen vor- nehmlich in den vordersten Schichten, wo sie nach den neuesten Unter- suchungen ein unmittelbar unter dem Bowmann'schen Stratum gelegenes dichtes Flechtwerk bilden, in dessen Achseln man Ganglienzellen gesehen hat, mit deren Ausläufern die Endzweige der Nerven sich verbinden.
Senile Veränderungen. Als eine Theilerscheinung des senilen Invo- lutionsproccsscs, als Analogon des "Weisswerdens der Haare, des Ausfallens der Zähne u. s. w. ist der sogenannte Greisenbaijen, Gerontoxon der Cornea aufzufassen. Er findet sich in der Hegel neben Verfettigung der Augen- muskeln, neben Weitsichtigkeit und anderen Zeichen der Involution bei Leuten, welche das 50. Lebensjahr überschritten haben; kömmt indessen auch wohl in früheren Lcbensperioden vor, besonders im Gefolge von Krankheiten, welche tief in die Nutritionsvcrhältnisse eingreifen.
In niederen Entwickelungsgraden stellt er eine mehr oder weniger inten- sive grauliche bis sehnenweisse Trübung dar, welche den oberen und unteren Band der Hornhaut in Gestalt zweier Mondsicheln umfasst, deren grösste Breite in den senkrechten Durchmesser der Cornea fällt, während die Spitzen sich in den Scitcnthcilen des Corncalrandes verwaschen. Bei höheren und höchsten Entwickelungsgraden fliessen die Spitzen durch allmäh- lige Verlängerung der Sicheln in einander, der Greiscnhogcn stellt einen trüben Kreis dai', dessen oberer und unterer Thcil bedeutend breiter , als die seitlichen Bogenabschnitte sind, daher der durchsichtige Thcil der Cornea eine querelliptische Figur bildet. Der centrale Band des Greisen- bogens ist immer verwaschen , der periphere Band aber am meisten trüb und scharf abgesetzt. Es stösst derselbe niemals an den Conjunctival- saum an, zwischen beiden ist stets ein bei 0*5"' breiter Saum durch- sichtiger Corncalsubstanz eingeschoben, welcher den Greisenbogen von aussen her umgibt. Der Limbus conjunctivalis selbst erscheint gleichfalls trübe und da derselbe oben und unten merklich breiter ist als an den Seiten, so verstärkt er den Kindruck, als hätte die Cornea eine quorcllip- tische Form.
Die Trübung ist der äussere Ausdruck einer im Corncalgcfügc vor sich gehenden fettigen Degeneration und einer damit im Zusammenhange stehenden auffälligen Zerklüftung der faserigen lntcrcellularsuhstanz.
Im Bereiche <\r* Greisenbogens erscheinen sowohl die Lamellen, als auch die Hornhautkörper und deren A.asföufer mit zahllosen staubförmigen Fettmolekülen durch- Btrenl and 'las Hornhautgefüge seihst zeigt sieh auffallend saftarm, trocken, leicht in Lamellen spaltbar, bo dass eine Art Faserung /.um Vorschein kömmt und die Object- praparate am Bande selbsl in Fibrillen zerfahren. Am weitesten vorgeschritten sind diese Metamorphosen immer in den oberflächlichen Schichten de weiter nach hinten, um so weniger deutlich treten sie hervor.
Nosologie der Keratitis; Eiterung'. OÖ
Nosologie. Es steht nunmehr fest, duss die der Beobachtung zugäng- lichen entzündlichen Veränderungen von den Hornfrautkörpern) zum Theile auch von den EpitheleeUen der Cornealoberfläche, ausgehen und sich durch Wucherung derselben manifesteren.
Es schwellen nämlich die Hornhautkörperchen an, ihre Kerne erleiden auffällige Formumstaltangen, indem sie sich verlängern, stellenweise einschnüren, Sprossen bil- den und sich th eilen; während gleichzeitig der körnige Inhalt der Zellen dunkler, grobkörniger wird, sich ansehnlich vermehrt, von der Zellenmembran sicli durch eine Schichte durchsichtiger Flüssigkeit abhebt und in Brocken zerfällt, die die neugebil- deten Zellen umschliessen.
In dem Masse als die Neubildung fortschreitet, dehnen sieh dio Ilomhautkörper mehr und mehr aus und auch die hohlen Ausläufer derselben worden erweitert, indem sich die neoplastischen Elemente in sie gleichsam hineinschieben und unter fortgesetzter Theilung immer weiter vordringen. So wird an der Stelle der Hornhautkörperchen und ihrer Ausläufer ein System von netzartig anastoinosircnden Schläuchen gebildet, welche Schläuche ganz von den neugeschaffenen Elementen ausgefüllt erscheinen und die Intercellularsuhstanz mehr und mehr, mitunter bis zum stellenweisen Schwin- den, verdrängen. Die Intercellularsuhstanz pflegt ausser dieser Massenabnahme und ihrem streckenweisen Ersatz durch förmliche Nester nougebildeter Zellen und Kerne nicht besonders afticirt zu werden. Doch besitzt sie keine völlige Immunität, da die- selbe bei Keratitis docli öfter getrübt erscheint und ein wahres Zerfallen derselben im Eiterungsprocesse nachgewiesen ist.
In ganz ähnlicher Weise wie die Hornhautkörperchen gerathen auch die Zellen der tieferen Epithelstrata öfters in einen Wucherungsprocess , namentlich wenn die oberflächlichen Schichten der Cornealsubstanz den vornehmlichen Sitz der Entzündung abgeben. Sie vervielfältigen sich dann durch Theilung und Endogeneso, wachsen nach verschiedenen Richtungen aus, bedingen sofort eine mehr weniger bedeutende Substanzzunahme des Epithellagers und verursachen, da sie die älteren Zellen abheben und zum Theile fleckweise abstossen, eine eigentümliche Rauhigkeit und Trübheit der äuasersten Oberfläche. Die Bowmcmrische Schichte bleibt dabei in der Regel un- verändert, wenigstens eine Zeit lang.
1 . Bei sehr rapider Wucherung , also bei grosser Intensität des Ent- zündungsprocesses, ist das Ergebniss gewöhnlich eine Unzahl von in wei- terer Theilung begriffenen auffällig kleinen dunkel contourirten glänzenden Kernen, in welchen sich alsbald fettiger Zerfall geltend macht und welche von einer grösseren oder geringeren Menge fettigen Deü'itus eingehüllt sind, in dem mehrkernige Eiterzellcn in geringer Menge eingestreut sind. Von der Oberfläche der Cornea stossen sich derartige Producte natürlich bald ab und hinterlassen mehr weniger ausgebreitete Kxcoriationen. Im Innern der Hornhaut aber wird der Eiter einige Zeit lang zurückgehalten. Die umhüllenden Membranen der Hornhautkörper und ihrer Ausläufer gehen dann bald zu Grunde, so dass der Eiter sich in den Interlamellarräumen frei ausbreitet. Am Ende erleidet auch die Intercellularsuhstanz eine Ver- änderung, wird trüb weich zerdrückbar und zerfällt in eine fettige De- tritusmasse. Es entwickelt sich kurz gesagt ein Eiterherd, welcher, je nachdem er ringsum von Hornhautsubstanz eingeschlossen wird oder nach Zerfallung der vorderen Cornealschichten eine nach vorne geöffnete Sub- stanzlücke darstellt, Abscess oder GeschvMr genannt wird.
2. Wo der Process weniger stürmisch einhergeht, ist auch in der Hegel die Zahl der neugebildeten Elemente eine geringere. Diese werden aber grösser vollkommener, es geht höchstens ein Theil derselben durch Ver- fettung unter , der liest oder die Gesammtmasse der Neoplasie gestaltet sich höher und nimmt Formen an, welche denen der normalen Nachbargebilde mehr und mehr entsprechen.
3*
30 Keratitis; Nosologie, Gefässbildung.
Sehr häufig sieht man einen Theil der neugebildeten Zellen zu Spindeln auswachsen, welche sich an einander legen, mehr weniger dicke verzweigte Bündel construiren und endlich in ivahre Gefässe umgewandelt werden. Besonders an der Oberfläche der Cornea kommen während dem Ver- laufe der Keratitis derartige Gefässe ganz gewöhnlich zur Entwickelung und bilden daselbst oft dichte Netze. Man findet sie bald unter der Bow- manv'schen Schichte, eingelagert in ein Stratum von neugebildeten Zellen, welche die Intercellularsubstanz gänzlich verdrängt haben ; bald , obwohl wahrscheinlich seltener, erscheinen sie über der genannten Schichte, umgeben von ähnlichen aber aus der Wucherung des Epithelstratums hervorgegan- genen Zellen. In den tieferen Schichten der Cornea ist die Gefässbildung seltener zu beobachten und bleibt in der Regel auf die Entwickelung einiger weniger Stämmchen beschränkt , welche in centripetaler Richtung vordringen und die einzelnen Strata der Cornea in auf- und absteigender Richtung durchbrechen. Es scheint, als ob die zelligen Anlagen dieser Gefässe, welche das charakteristische Merkmal einer eigenen Art der Keratitis, der Keratitis vasculosa, abgeben, sich von den arteriellen und venösen Stämmchen im Limbus conjunctivalis und der Scleralgrenze aus bildeten und von diesen aus eingespritzt würden, nachdem sich ein Theil der constituirenden Zellen in ein häutiges Gefässrohr, wie es den Capil- laren zukömmt, umgewandelt hat. Immer findet man an diesen Ge- fässen eine grössere Anzahl spindeliger Zellen , welche dieselben mehr weniger dicht einhüllen und verdecken; bei längerem Bestände der Keratitis macht sich wohl auch in der Gesammtheit der Zellen des neo- plastischen Stratums die Neigung zum Auswachsen in spindelige Formen geltend.
Ziemlich häufig gehen an der Oberfläche der Hornhaut die zwischen den neugebildetcn Gelassen gelagerten Zellen einen Schritt weiter in ihrer Höherbildung; sie wandeln sich in Bindegcwebskörpcr um, während sich gleichzeitig eine Intercellularsubstanz entwickelt, welche bald deutlich streifig wird und am Ende wahrem Bindegewebe vollkommen gleicht. Man hat solche neoplastische gefässhältige Bindegeivebsstrata an der Oberfläche der Cornea über der Bowmann' sehen Schichte gesehen. Sic erscheinen Avie eine Fortsetzung des Limbus conjunctivalis, mit dem sie innig zusammenhängen. Aber auch unter jenem Stratum wurden dergleichen wahrgenonmien. Sehr häufig indessen geht das Stratum Bowmanni zu Grunde, so dass eine der- artige Bestimmung des ursprünglichen Sitzes unmöglich wird und das ganze vom Epithel gedeckte Bindegewebslagcr unmittelbar auf der wuchernden Corncalsubstanz auflagert.
Abgesehen hiervon bilden sich die über der Bowmann' sehen Schichte gelegenen und aus der Wucherung des Epithelstratums der Cornea hervorgehenden Zellen bei ihrer Höhergestaltung meistens wieder zu Epithel um.
Im Bereiche des eigentlichen Hornhautjiarcnchyms gestalten sich die neu- entwickelten Elemente in der Regel zu wahrem Hornhaut gefüge , zu einem anscheinend geschichteten durchsichtigen Gefüge mit den eigenthümlichen Cornealkörperchen. Die allbekannte und in der That wunderbare Fähig- keit der Cornea, selbst sehr bedeutende Substanzverluste aus sich heraus nieder auszufüllen, beruht wesentlich auf diesem Vorgange. Die neueren
Regeneration des Hornhautgofüges, regressive Metamorphosen d. entziindl. Producte. o7
Untersuchungen haben das Ersatzgewebe als mit der normalen Hornhaut- substanz so vollkommen übereinstimmend nachgewiesen, dass eine Unter- scheidung derselben am Präparate geradezu unmöglich ist. Sie haben wei- ters herausgestellt, dass diese textuelle Uebereinstimmung nicht nur dort eine vollkommene sei , wo das Ersatzgewebe sich zur perfecten Durch- sichtigkeit erhebt oder höchstens eine zarte oberflächliche Trübung erkennen lässt; sondern auch dort, wo die Neoplasie ihrem grössten Umfange nach dem freien Auge trüb erscheint oder gar die Charaktere eines dichten uarbenähnlichen sehnigen Gefüges darbietet; vorausgesetzt, dass sie nicht mit bindewebigen Theilen der Conjunctiva, einer vorgefallenen Irisportion u. s. w. in unmittelbarer Verbindung steht, da dann mit dem Hornhaut- gefüge sich öfters wahres Bindegewebe mischt und in wandelbarem Massen- verhältnisse das Ersatzgebilde construiren hilft.
Worauf die bald grössere bald geringere Pellucidität des neoplastischen Horn- hautgewebes beruht, ist mikroskopisch nicht ganz klar erwiesen. Thatsache ist jedoch, dass sie zum grossen Theile von der grösseren oder geringeren Rapidität der Neu- bildung abhänge und dass das Gefüge um so weniger pellucid zu werden pflege, je schneller es sich entwickelt hat.
In vielen Fällen jedoch gelangen die neugebildeten Elemente nicht zu höheren Entwickelungsformen, sie werden im Gegentheil wieder rückgängig. Falls der Process nicht weit gediehen war und die Neubildung überhaupt in den Grenzen der Massigkeit geblieben ist, wachsen die Kerne, werden blässer, während gleichzeitig der körnige Inhalt der Mutterzelle feinkör- niger lichter wird und sich der Zellenwand wieder anschliesst, worauf unter fortschreitender Yolumsabnahme des Zelleninhaltes der Normalzustand der Hornhautkörperchen wieder hergestellt wird.
In anderen Fällen, namentlich wo die Menge der neugebildeten Ele- mente eine beträchtliche ist, zerfallen die Zellen oder Kerne ganz oder theilweise in lösliche Substanzen, unter welchen sich vornehmlich das Fett auffällig macht und welche dann auf dem "Wege der Resorption beseitigt werden. Es kann die Aufsaugung eine vollständige werden, selbst bei reichlicher Production, und der Entzündungsherd sofort die Eigen- schaften des normalen Hornhautgefüges wieder erlangen. Meistens aber bleiben, wo die Neubildung nur einigermassen beträchtlich war, Reste zurück in Gestalt einer körnigen mit Fett untermischten Masse , welche , indem meisthin auch die Zellenwandung untergeht, nesterartig in den Interlamel- larräumen ausgebreitet erscheint. Mitunter macht sich in diesen Ueber- bleibseln eine bedeutende Menge von Kalksalzen bemerklich, ja in einzelnen seltenen Fällen wird der Kalkgehalt so vorherrschend, dass die Masse das Ansehen eines Concrementes gewinnt.
Häufig verkümmern die neugebildeten Elemente auch und schrumpfen. In diesem Zustande findet man sie dann oft nach Jahren neben mehr oder weniger fettigem Detritus zu Nestern vereiniget in den Zwischenräumen der Faserlagen. Es scheint, als ob sie durch Schrumpfung die Fähigkeit nicht verlören, unter günstigen Umständen, bei Einwirkung eines neuen Impulses, sich wieder aufzublähen und in vorschreitender Richtung zu gestalten oder überhaupt Thätigkeiten zu entfalten, wie sie frischgebildete Zellen und Kerne äussern.
Es sind diese Nester zurückgebildeter Zellen und Kerne in der Horn- haut der anatomische Grundcharakter gewisser Cornealtrübungen.
,')S Keratitis vasculosa; Krankheltsbilä'
1. Keratitis vasculosa.
Krankheitsbild. Charakteristisch ist neben einer mehr oder weniger hef- tigen Oüiarreizung eine gleichmässig sulzige oder zarte graue wolkige Trübung und die Entioickelung von Gefässen an der Oberfläche der Hornhaut.
1. Die Cornea! ober fläche trübt sich an einer oder mehreren Stelleu in grösserem oder geringcrem Umfange sulzähnlich graulich, verliert ihre Glätte, wird matt rauh ähnlich einem angehauchten Glase, nicht selten auch fein punetirt, als wäre sie mit Nadeln gestochen. Diese Trübung schreitet in der Eegel von der Peripherie der Hornhaut gegen das Centrum vor ; sel- tener ist sie von Anbeginn an eine centrale und breitet sich allmählig gegen den Itand hin aus.
2. Alsbald treten Gefässe. auf, welche von dem Hornhautrande gegen die Mitte hin vordringen, der Trübung gleichsam nachrückend, sich unter einander zu einem mehr oder weniger dichten Netze verbinden und zuletzt in Form feiner Endzweigelchen verschwinden. Bei ursprünglich centraler Trübung der Oberfläche fehlen die Gefässe in der Regel so lange, als sich die Trübung nicht dem Rande genähert hat. Ist dieses geschehen, so findet man meisthin einen oder mehrere stärkere Aeste in dem Bereiche der Trübung, welche aus dem Linibus conjunctivae hervorgehen und sich im Entzündungsherde in ein schütteres Netz auflösen. In sehr seltenen Fällen sind diese Verbindungsstämme nicht nachweisbar , so dass das centrale Netz isolirt zu stehen scheint.
Bisweilen bersten die Gefässe und es entstehen kleine Blutextravasate, welche an der Oberfläche der Hornhaut zwischen den Maschen der ein- zelnen Gefässchen als rothe unregelmässig begrenzte verwaschene Flecken sichtbar werden.
In den tieferen Schichten wird die meistens vorhandene Gewebsalte- ration seltener auffällig und nur ausnahmsweise treten daselbst dem freien Auge sichtbare Gefässe auf. Auch hier scheint die Trübung in der Regel von der Peripherie auszugehen und in Form von Streifen oder Flecken allmählig gegen das Centrum der Hornhaut vorzuschreiten. Die in den tieferen Schichten der Hornhaut neugebildeten Gefässe erscheinen anfänglich als ungemein feine zarte Zweigelchen von mehr dunkler purpur- rother Farbe, die sich schon nach kurzem Verlaufe in noch feinere Aest- chen verzweigen. Sie liegen bald vor, bald hinter der Trübung, bald um- kränzen sie dieselbe , bald endlich dringen sie in selbe ein und werden so dem Blicke entzogen. Gewöhnlich sind sie sehr sparsam, bisweilen aber ist die Vascularisation eine sehr reichliche, es entstehen dichte Netze, welche den Eindruck eines gleichmässig rothen, an den Rändern in feine Zweige zerfahrenden Fleckes machen.
3. Fast immer gehen der Gcwebsalteration bei der Keratitis vasculosa Erscheinimgen der Ciliar reizung längere oder kürzere Zeit voraus und be- gleiten dieselbe ihrem ganzen Verlaufe nach. Gewöhnlich erscheint die Conjuncliva bulbi von einem groben Gefössnetze durchstrickt , welches sich gegen die Cornea hin mehr und mehr vordichtet und an deren Grenze in eine Unzahl von feinen Zweigchen zerfährt, die sich auf dem Limbus conjunctivae parallel und dicht neben einander lagern, so dass derselbe einen nahezu gleichmässig soharlachroth gefärbten Saum darstellt, welcher
Kraukhuilsbild; Ursachen. 39
einen grösseren oder kleineren Bogen der Hornhautperipherie überdeckt. Unter diesem oberflächlichen Gefässnetze schimmert ein tieferes dem Episcleralgewebe zugehöriges höchst fein geädertes rosiges Gefässnotz durch, welches gegen die Hornhautgrenze hin sich zu einem hellrothen Kranze verdichtet, der in Folge seröser Schwellung des Gefüges nicht selten in 0 estalt eines Ringwulstes über die Umgebung hervortritt und unter dem Namen Grefässkranz bekannt ist. Die Augengegend fühlt sich dann wärmer an als in der Norm, selbst wenn die Lider nicht geröthet und geschwollen sind, was übrigens bei den höheren Intensitätsgraden der Keratitis nicht selten der Fall ist. Wenigstens zeigen die abfliessenden Thränen eine Temperaturerhöhung.
Die Schmerzen sind unter solchen Umständen auch meistens ziemlich heftig, steigern sich zeitweise sehr bedeutend und strahlen oft längs dem Nervus frontalis, seltener nach dem Infraorbitalnerven aus. Sie sind gewöhnlich mit Lichtscheu und deren Attributen, Thränenfluss und Lid- krampf gepaart, ja diese sticht in vielen Fällen durch ihre Intensität und Hartnäckigkeit im Krankheitsbilde hervor. Ausser dem Herpes corneae giebt es wirklich nicht leicht eine Ophthalmie, bei welcher dieses Symptom so hohe Grade erreicht und umgekehrt wird man selten fehlen, wenn man bei intensiver und hartnäckiger Photophobie von vorneherein auf das Gegebensein einer Keratitis vasculosa oder herpetica schliesst.
4. Die Trübung der Hornhaut, falls sie in den Bereich der Pupille hineinragt, ist natürlich mit einer Störung des Gesichtes verknüpft, welche um so bedeutender ist, je stärker die Gewebsalteration der Cornea und ein je grösserer Theil der Pupille von der Trübung bedeckt wird.
Ursachen. Die Keratitis vasculosa ist sehr häufig blos die Begleiterin eines auf der Hornhaut verlaufenden herpetischen Processes. Auch kömmt sie sehr oft in Combination mit Trachom vor und hat dann die Bedeutung eines Cornealtrachoms, d. h. einer trachomatösen Gewebswucherung der Hornhaut. Seltener entsteht sie in Folge der Fortpflanzung bei anderen Formen der Bindehautentzündung.
Primär entwickelt sie sich in Folge der mannigfaltigsten äusseren Schädlichkeitseinwirkungen. Besonders solche Schädlichkeiten, welche nur die äussere Oberfläche der Hornhaut treffen, sind ergiebige Quellen der- selben. Vor allen müssen hier genannt werden mechanisch reizende Ein- wirkungen. Im Bindehautsacke oder auf der Hornhaut sitzende fremde Körper, Staubtheilchen , nach einwärts gebogene Cilien u. s. w. führen sehr oft binnen kurzem zu heftigen Hornhautentzündungen und unter- halten dieselbe, falls sie nicht entfernt werden. Traumatische Abschilfe- rungen des Homhautepithels sind um so wirksamere Ursachen des Pro- cesses. Nicht weniger oft sind chemische Beizeinwirkungen : Bauch, scharfe Dämpfe, ätzende Flüssigkeiten, hohe Temperaturgrade u. s. w. als nächste Veranlassungen zu betrachten. Besonders er wähnen swerth ist in dieser Beziehung die unzeitige Anwendung zu starker Augenwässer, reizender Salben u. s. w. bei der Behandlung mannigfaltiger anderweitiger Ophthal- mien. Auch die fortwährende Einwirkung der atmosphärischen Luft auf die durch Verkürzung der Lider, Ectropium, wegen Exophthalmus u. s. w. biosgelegte Oberfläche des Bulbus ist ein wichtiges ätiologisches Moment. Ueberdies sind als mögliche Ursachen der Keratitis vasculosa anzuführen:
40 Keratitis vasonlosa; Verlauf, Ausgänge.
rascher Temperatur/Wechsel, Zugluft und verschiedene andere physikalische und functionelle Schädlichkeiten.
Der Verlauf ist in jeder Beziehung ein sehr wechselvollcr. Wo das CauBalmoment nur vorübergehend wirkte, kann der Proccss innerhalb einer oder weniger Wochen zum Abschluss gelangen; wohl aber auch bei der vernünftigsten Therapie Monate lang sich hinschleppen. Wo die Ursache nicht entfernt werden kann, säumt natürlich auch der Rückgang der Krankheit.
Die Keratitis beginnt in der Regel mit den Erscheinungen einer mehr weniger heftigen Ciliarreizung, welche mehrere Tage der Trübung der Hornhaut vorangeht. Die Trübung dehnt sich dann mehr und mehr aus, es treten endlich die Gefässe hervor, werden allmählig reichlicher und so erklimmt die Krankheit in kürzerer oder längerer Zeit, innerhalb einiger Tage oder AVoehen , ihren Höhenpunkt. Auf diesem bleibt sie einige Zeit , bisweilen wochenlang stehen , während die Erscheinungen der Ciliarreizung steigen und fallen. Endlich treten diese letzteren Symptome mehr zurück und die Keratitis neigt sich der Heilung zu oder biegt in den chronischen Verlauf ein , welcher nicht selten Monate in Anspruch nimmt.
Ausgänge. Der gewöhnlichste Ausgang ist der in Heilung. Eine Kera- titis vasculosa, welche durch eine rasch vorübergehende sich nicht Avieder- holende Ursache angeregt wurde und nicht lange besteht, lässt bei ent- sprechender Therapie mit Wahrscheinlichkeit auf Heilung hoffen, und zwar in nicht langer Zeit. Langer Bestand der Entzündung, sehr grosse Aus- breitung und beginnende grauweisse wolkige streifige fleckähnliche oder punktförmige Zeichnung des Herdes , Schwierigkeit oder Unmöglichkeit, das veranlassende Moment rasch zu entfernen, verschlimmern die Prognose sehr , da dann sehr oft sogenannte Epithelialtrübungen , Sehnenflecke oder Pannus zurückbleiben.
Das Ruckschreiten des Processes kündigt sich in der Regel zuerst durch Abnahme der Schmerzen und der Lichtscheu an; die Exacerbationen wer- den milder oder bleiben aus; die Thränen verlieren an Wärme und wer- den sparsamer abgesondert ; das Gefässnetz rings um die Hornhautgrenze wird schütterer ; die Trübung klärt sich vom Umfange gegen das Centrum des Herdes hin auf und die Gefässe ziehen sich dem entsprechend zurück. Immerhin bleibt noch längere Zeit eine bedeutende Empfindlichkeit des Auges übrig und es bedarf von Seite des Arztes und des Kranken der grössten Aufmerksamkeit, um Recidiven zu verhindern.
Bisweilen stösst sich an einer oder der anderen Stelle des Entzün- dungsherdes das Epithel, vielleicht auch die Bowmann'sche Schichte und das unterlagernde Stratum ncugebildeter Zollen los, es entsteht eine Excoriation von unregelmässiger Gestalt und wechselnder Ausdehnung. Die Reizwirkung der Thränen, der atmosphärischen Luft u. s. w. scheint an solchen Stellen eine sehr bedeutende zu sein; denn die Injection der tiefen Gefässe, die Schmerzen und ganz besonders die Lichtscheu pflegen in solchen Fällen ungewöhnlich hohe Grade zu erreichen und anzuhalten, bis die exeoriirte Stelle sich wieder mit einem Epithelzellenlager über- kleidet hat. Nicht gar selten kommt es dann auch zu einer Steigerung des Processes und einer sofortigen Ausbreitung desselben , nicht nur an der Oberfläche, sondern auch im Inneren der Hornhaut selber, es gesellen
Behandlung. . 41
sich zu den Erscheinung en der Keratitis vasculosa jene der Keratitis parenchymatosa.
Eine solche Combination der ohnehin nur künstlich trennbaren Formen der Keratitis ist überhaupt gar nichts Seltenes. Namentlich wo schlechtes Verhalten des Kranken oder ungeeignete Therapie ungünstig mitwirken, ist es etwas sehr Gewöhnliches, dass der Wucherungsprocess im Inneren der Hornhaut einen weiteren Aufschwung nimmt, ja sehr häufig kömmt es zur Absccss- oder Gesclm-ürbildung. Auch beobachtet man häufig die Entwickelung herpetischer Hornhaut efflorescensen , und bisweilen pflanzt sich der Process auch auf die Urea fort, Iritis bedingend.
Behandlung. Erste Aufgabe ist sorgfältigste Untersuchung des Bul- bus und seiner nächsten Umgebungen, namentlich des Bindehautsackes und der Lidränder, um etwa vorhandene fremde Körper, nach einwärts gebogene Cilien, ein Entropium etc. entdecken, und so die Veranlassung zu weiterer Fortdauer oder Steigerung des Uebels beseitigen zu können. Das übrige Verfahren richtet sich hauptsächlich nach der Intensität des Processes und nach den begleitenden Erscheinungen im Gefäss- und Nervensysteme.
1. Bei grosser Intensität des entzündlichen Processes, bei starker Hyperämie der Bindehaut und Episclera, merklicher Schwellung derselben und allen- falls auch der Lider, auffälliger örtlicher Temperaturerhöhung, heftigen entzündlichen Schmerzen und beträchtlicher Lichtscheu, ist strenge Anti- phlogose geboten. Zu diesem Ende ist es rathsam, den Kranken in einem gleichmässig verdunkelten Zimmer und am besten im Bette zu erhalten, für eine gleichmässige kühle Temperatur und möglichst reine Luft in der Stube zu sorgen. Anstrengungen des Auges verbieten sich unter solchen Verhältnissen wohl von selbst, doch versäume der Arzt niemals, den Kranken aufmerksam zu machen, dass selbst massige Verwendung des etwa gesund gebliebenen anderen Auges, die Einwirkung grellen Lichtes oder gar von Lichtcontrasten auf dasselbe, eine reizende Schädlichkeit für das kranke Auge abgebe. Auch muss jede Veranlassung zu Blut- wallungen und Blutstauungen in der oberen Körperhälfte vermieden und antiphlogistische Diät gehandhabt werden. Unter den directen Mitteln stehen unter solchen Verhältnissen kalte Ueberschläge , mit den nöthigen Vorsichten und nach Massgabe der jeweiligen Temperaturerhöhung con- tinuirlich oder mit Unterbrechungen angewendet, vermöge ihrer Wirksam- keit oben an. Genügen dieselben nicht , um die Entzündung oder ihre Exacerbationen zu massigen , so können Blutegel mit Aussicht auf Erfolg angewendet werden. Als symptomatische Behelfe dienen bei sehr heftigen Schmerzen nach kräftiger antiphlogistischer Einwirkung entsprechende innerliche Gaben von Opium oder Morphium, Einreibungen einer Morphium- salbe oder einer Mischung von Chloroform und Olivenöl oder Tinct. Opii simpl. in die Stirnhaut. Doch spare man mit diesen Mitteln soviel, als nur immer möglich. Neuerer Zeit wird der Gebrauch der Mydriatica sehr gelobt , um der Entzündung und den damit verbundenen Schmerzen zu begegnen. Man kann auch ohne weiteres mehrmal täglich eine Atropin- lösung einträufeln, darf aber nicht gar viel davon erwarten.
2. Vfo sich bei acutem Verlaufe der Keratitis vasculosa die entzünd- lichen Erscheinungen in den Grenzen der Massigkeit halten, ist die Bettlage
4:2 Keratitis vasoolosa; Behandlung.
des Kranken nicht erforderlich , die übrigen auf die Causalindicatiou bezüglichen Verhaltungsregeln müssen aber aufrecht erhallen werden. Kalte Ueberschläge müssen mit grosser Vorsicht gehandhabt werden, um Schäden zu verhüten. Häufig sind sie entbehrlich oder doch nur wäh- rend der Zeit der Exacerbationen anzuwenden. Oertliche Blutentziehungen lassen sich höchstens bei sehr kräftigen blutreichen Erwachsenen recht- fertigen. Von Vortheil ist hier der Schutzverband. Bei Kindern und bei Personen, welche zu Excessen geneigt sind oder nicht leicht von dem fortwährenden Wischen, Drücken , Betasten der Lider abgehalten werden können, ist er besonders zu empfehlen. Mit der Diät braucht man nicht allzustrenge zu sein. Man kann mit Beruhigung dem Kranken die Be- friedigung seiner wirklichen Nahrungsbedürfnisse zugestehen.
3. In Fällen , in welchen der nervöse Charakter entschieden vorschlägt und die Gefässsymptome relativ wenig entwickelt sind, passen Blutegel und kalte Uebcrschläge nicht. Bei schwächlichen und erethischen Indi- viduen , namentlich bei vielen Weibern und bei Kindern, wird man in Bezug auf die Diät sich auf die Anordnung reizloser leicht verdaulicher aber nährender Kost in massiger aber genügender Menge beschränken müssen. Als direcies Mittel taugt in solchen Fällen am besten der Schutz- verband, welcher in der Regel auf beiden Augen zu appliciren sein wird. Er macht die meisten der in 1) angeführten und auf die Causalindicatiou Bezug habenden Massregeln überflüssig, der Kranke kann sich damit unge- scheut in der freien Luft bewegen. Wo die Schmerzen und die Licht- scheu wegen ihrer Intensität ein symptomatisches Eingreifen unbedingt noth wendig machen, kann man zu den Mydriaticis, zu den Opiatis oder Chloroform die Zuflucht nehmen. Wo sich in diesen Erscheinungen ein gewisser Typus ausspricht, ist häufig die Verabreichung entsprechender Dosen von Chinin und Morphium von Nutzen.
Die Intensität nervöser Erscheinungen verleitet minder Erfahrene in solchen Fällen sehr leicht zu kräftiger Antiphlogose, insbesondere zur Application von Blut- egeln. Es ist hiervor dringend zu warnen. Besonders bei schwächlichen Personen, Weibern und Kindern von zartem Körperbau, ist ein solches Verfahren wegen seiner Einwirkung auf die Blutbeschaffenheit und den allgemeinen Ernährungsprocess sehr nachtheilig, ja gar nicht selten steigen unter zunehmendem Erethismus die nervösen Symptome erheblich. Ueberhaupt ist es sehr wichtig zu bemerken, dass der Erfolg der auseinandergesetzten Therapie keineswegs immer in kurzer Zeit hervortrete. Die Keratitis vasculosa ist oft eine sein- hartnäckige trotz aller angewandten Mittel. Nichts ist dann so verderblich, als das beliebte Herumtappen in dem Arzneikasten, das stete Wechseln aller möglichen Spccifica. Es verschlimmert die Leiden des Kranken und erschüttert sein Vertrauen auf den Arzt. Eine vorsichtige Prognose, Geduld und consequente Durchführung der einmal als indicirt erkannten Therapie leisten immer noch das Beste.
4. Schwinden die Reizerscheinungen mehr und mehr, und geht der Pro- cess rasch seinem Abschlüsse entgegen , so sind die directen Mittel als- bald bei Seite zu setzen. Desto vorsichtiger aber sei der Arzt bei Zu- geständnissen in Bezug auf das Verhalten des Kranken. So lange noch Hyperämie sich bemerklich macht, und das Auge empfindlich ist, wird der Kranke durch jede anscheinend selbst unbedeutende Schädlichkeit gefährdet. Besonders Wind, Staub, Hauch, unreine Luft, grelles Licht,
Lichtcontraste , Anstrengungen der Augen sind mit aller Sorgfalt ferne zu halten. Um den Uebergang zur gewöhnlichen Lebensweise des Kran-
Behandlung dei chronischen Form 43
ken anzubahnen , steigere man ganz allmählig die Erleuchtung des ron dem Kranken bewohnten Zimmers, gestatte an milden ruhigen Tagen den zeitweiligen Aufenthalt in einem schattigen Garten, schütze die Augen sorgfältig vor directen Sonnenstrahlen und diffusem grellen Licht durch einen breitkrempigen Hut, lichte rauchgraue Gläser, Frauen und Kinder durch Schleier, steigere allmählig die Diät, gestatte nur sehr langsam eine stärkere Bethätigung der Augen u. s. w.
5. Säumt, trotz dem Rückgänge der Beizerscheinungen, die Aufhel- lung der Cornea, so versuche man anfänglich vorsichtig Einstäubungen des Calomel in den Bindehautsack. Am besten geschieht dieses durch Aus- schnellen eines in dieses Pulver getauchten Malerpinsels. Folgt hierauf eine stärkere Beizung, so ist das Mittel noch nicht an der Zeit und einstweilen noch auszusetzen. Verträgt der Kranke aber die Einstäubungen, so sind selbe täglich einmal, höchstens zweimal fortzusetzen.
Man hat zu diesem Ende auch Einstreichungen von Salben mit rothem Präcipitat, Jodkali u. s. w., die Einträufelung von Laudanum liquidum Sydenhauii, von Aq. Conradi etc., die Anwendung der Elektricität und andere stark reizende Mittel em- pfohlen. Kurze Zeit nach dem Zurückgehen der Entzündung sind sie jedoch gefähr- lich wegen der grossen Neigung der Keratitis vasculosa zu Recidiven und wegen ihrer sehr intensiven Reizwirkung. Sie dürfen darum nur mit grösster Vorsicht und in Fällen angewendet werden, in welchen der Reizzustand ein sehr geringer oder Null ist und die Calomeleinstreuungen bereits längere Zeit angewendet worden sind, die Verträglichkeit des Auges in Bezug auf reizende Mittel sohin einigermassen sicher gestellt ist. Erfolgt auf ihre Anwendung eine heftige Irritation, so müssen sie sogleich wieder für einige Zeit ausgesetzt werden.
6. j^icht gar selten wird die Keratitis chronisch. In solchen Fällen wird ein Zurückhalten des Kranken im Zimmer, eine fortwährende Ent- ziehung des Lichtes, so wie eine rigorose Beschränkung der Diät kaum vertragen und übt auf den Gesammtzustand des Kranken den übelsten Einfiuss aus. Da ist es unbedingt notwendig, dem Kranken unter Anord- nung einer entsprechenden Augendiät den Genuss freier Luft, Bewegung und genügende Nahrung zu gestatten.
Besondere Beachtung verdient die Diät bei schwächlichen Individuen , vorzüg- lich Weibern und Kindern. Hier sind kräftige Fleischbrühen, zartes eingemachtes Fleisch, leicht verdauliche Braten, gesunde Milch, Milchspeisen u. s. w. geradezu Be- dürfniss. Bei Verdauungsschwäche und Blutarmuth wird man die Ernährung wesent- lich fördern durch kleine Dosen guten Bieres oder alten Weines, besonders des Malaga, welcher nach Tische zu 1 — 2 Kaffeelöffel voll verabreicht wird.
Bei blutarmen elenden blassen herabgekommenen Individuen muss häufig nebst- bei zum Eisen in Verbindung mit Amaricantien, mit Chinin u. s. w. gegriffen werden. Der Gebrauch eisenhaltiger Quellen leistet in dieser Beziehung das Beste. Bei ausge- brochener Scrofulose , Drüsengeschwülsten u. s. w. werden mit Recht Soolenbäder, kochsalz- und jodhaltige Quellen empfohlen. Der Leberthran und die übrigen Anti- scrofulosa stehen ihnen weit an Wirksamkeit nach. Bei älteren Individuen mit Circu- lationsstörungen im Unterleibe rühmt man den Gebrauch der Quellen von Marienbad, Karlsbad, Kissingen und ähnliche salinische oder alkalisch-salinische Heilwässer.
Die directe Behandlung der chronisch gewordenen Keratitis vasculosa betreffend ist zu bemerken, dass kalte Ueberschläge sich nur während etwaigen Exacerbationen des entzündlichen Processes oder überhaupt bei zeitweise stärker hervortretenden Beizerscheinungen in dem Gefäss- und Xervensystem mit Yortheil anwenden lassen. Blutentziehungen und innere Mittel sind ganz zu meiden. Dafür erweist sich bei sehr geringem Beiz- zustande des Auge- die fflmtäubimg von Calomel und späterhin die täglich
44 Herpes corneae.
einmalige Ehistreichung einer Salbe aus rothem Präcipitat nebst dem Schutz- verbände von guter Wirkung. Ist vielleicht die Bindehaut stark auf- gelockert, erschlafft, so werden vorsichtige Bestreichungen derselben mit Kupfervitriol oder mit Höllenstcinsolutioii nach der beim Trachom üblichen Weise öfters Erspriessliches leisten. Die Therapie wird kurz gesagt der ähnlich, welche bei Hornhautrlecken von Erfolg ist. Bei Aetzungen der Bindehaut wird man in Berücksichtigung der mechanischen Reizung, welche Bindehautschorfe auf der Cornea hervorbringen könnten, die Aetz- wirkung auf den Uebergangstheil beschränken, wozu natürlich eine complete Umstülpung der Lider nothwendig ist.
7. Bei trachomatoser Keratitis fällt die Notwendigkeit, eine specielle Behandlung einzuleiten, weg. Hier thut nach Beschwichtigung der hef- tigeren Reiz er scheinungen die directe Behandlung des Trachoms durch Aetzmittcl die besten Dienste, die Hornhauttrübung schwindet unter deren Gebrauch in der Regel weit schneller, als das Trachom selbst, falls nicht Nebenverhältnisse im "Wege stehen.
2. Der Herpes corneae.
Krankheitsbild. Charakteristisch ist die Entwicklung umschriebener rundlicher mohn- bis hirsekorngrosser Entzündungsherde in den oberflächlichen Schichten der Hornhaut und das Vorhandensein einer mehr oder weniger hefti- gen Ciliarreizung.
1. Die helvetische Efflorescenz erscheint anfänglich unter der Gestalt eines rundlichen sulzig trüblichen Knötchens, welches mehr oder weniger tief in die Cornealsubstanz eingebettet ist und meisthin etwas über die Vorderlläche der Cornea hervorragt. Bisweilen, nicht immer, erhebt sich an der Spitze dieses Knötchens ein kleines flaches Bläschen mit wasser- hellem Inhalte, dessen Wandung von Epithel gebildet wird. Sehr häufig berstet dieses Bläschen unter dem Drucke seines Inhaltes, bevor es noch zur "Wahrnehmung gekommen ist. Man findet dann an seiner Stelle bald eine seichte Excoriation , bald einen tiefer in die Cornealsubstanz ein- dringenden Substanzverlust mit sulzig trübem Grunde , welcher gewöhn- lich in kurzer Zeit eine weissgraue oder weissgelbliche Farbe annimmt, so dass der Substanzverlust das Aussehen eines rundlichen scharfbegrenz- ten Geschivürchens mit speckigem oder eiterigem Belege gewinnt. In anderen Fällen kömmt es niemals zur Bläschenbildung. Das sulzig durch- scheinende Knötchen wird rasch ganz trübe grauweiss oder gelblich und verharrt entweder in diesem Zustande, oder es schmilzt und verwandelt sich so unter Abstossung der Epitheldecke in ein speckig oder eiterig belegtes Geschwürchen von der Grösse und Form des ursprünglichen Knotens. In vielen Fällen greift dann die Entzündung etwas weiter, das Knötchen oder Geschwürchen umsäumt sich mit einem trüben Hofe. Die den Hof bildende trübe Masse zerfällt auch öfters wieder und das Geschwür breitet sich aus, seine ursprüngliche Form ändernd. Nicht sel- ten aber stösst sich alles Trübe völlig ab, die Efflorescenz erscheint unter der Gestalt eines rundlichen mehr weniger tiefgreifenden Substanz- verlustes mit völlig glatten und durchsichtigen Wandungen , die keine
Kraukheitsbild. 45
Spur einer entzündlichen Alteration erkennen lassen, als ein sogenanntes Resorptionsgeschicür.
Die Efliorescenzen können sich an jeder Stelle der Hornhaut ent- wickeln. Oft findet sich nur Eine vor, in anderen Fällen stehen viele zerstreut herum. Bisweilen bilden sie wohl auch Gruppen. Am Liinbus conjunctivalis reihen sie sich gewöhnlich an einander und um- säumen so einen grösseren oder kleineren Bogen der Cornealperipherie. Sehr oft treten sie in Combination mit dem Herpes conjunctivae auf und bilden mit dessen Efflorescenzen zusammenhängende Gruppen. Da die Efflorescenzen sich nicht auf einmal, sondern nach und nach zu ent- wickeln pflegen, findet man sie auf der Cornea und Bindehaut ge- wöhnlich in den verschiedensten Entwickelungsstadien begriffen.
2. Dem Aufschiessen der Efliorescenzen geht mit seltenen Ausnah- men immer eine erhebliche Congestionirung der Bindehaut und Episclera voran und diese begleitet den Process seinem ganzen Verlaufe nach. Wo eine grössere Anzahl zerstreuter Efflorescenzen zur Entwickelung kömmt oder sich vorbereitet, ist in der Regel die Hyperämie der Bindehaut und Episclera eine allgemeine. Die Conjunctiva bulbi ist mit einem grob- maschigen Gefässnetze durchstrickt, während darunter das rosige fein- maschige gegen die Hornhautperipherie sich mehr und mehr verdichtende Netz der Episcleralgefässe deutlich absticht. "Wo aber nur eine oder die andere Efilorescenz oder gedrängte Efflorescenzengruppe aufschiesst, dort bleibt auch häufig, wie beim Bindehautherpes , die Hyperämie auf die nächste Umgebung des herpetisch afficirten Ciliarnervenzweiges beschränkt, es wird nur ein grösserer oder kleinerer Sector der Augapfelbindehaut und des darunter gelegenen Episcleralgefüges injicirt. Man findet dann in der Conjunctiva bulbi ein mehr oder weniger breites Bündel stark ausgedehnter vielfach verzweigter Gefässe, welche aus der Uebergangsfalte hervortreten und, gegen den Hornhautrand hin streichend, ein unregelmässiges Dreieck beschreiben, dessen Grundlinie genau meridional zieht und dessen Basis gegen den Uebergangstheil hin gerichtet ist. Sitzt die zugehörige Efflore- scenz auf dem Bindehautsaum, so bildet sie die Spitze des Dreiecks. Ealls dieselbe aber vom Cornealrande entfernt auf der Hornhaut aufschiesst, erscheint die Spitze des Dreiecks an der Grenze des Limbus conjunctivalis abgeschnitten; die Seiten des Dreiecks verlängert gedacht, würden sich aber in der Efflorescenz schneiden.
Diese Gefässinjection ist der objeetive Ausdruck für den Reizzustand, in welchen die den herpetisch afficirten Nervenast umgebenden Theile längs seines Laufes und durch ihn versetzt worden sind. In der gefäss- losen Cornea kann diese Irritation äusserlich nicht zur Wahrnehmung gelangen; daher erscheint bei Efflorescenzen, welche auf der Eläche der Hornhaut entfernt vom Limbus stehen , das Gefässbündel abgebrochen. Die einfache Reizung steigert sich aber bisweilen zur wahren Entzündung, zur Gewebswucherung in der Bindehaut, dem Episcleralgewebe und der Hornhaut. Dann treten denn auch die Erscheinungen einer Keratitis vas- culosa deutlich hervor. Jener Theil der Cornea, welcher die Efflorescenz von dem abgestutzten Ende des Gefässbündels trennt, wird sulzig getrübt und bald entwickeln sich auf ihm Gefässe, welche mit denen des hyper- ämirten Conjunctivaltheiles in Verbindung stehen. Es verlängert sich
46 Herpes corneae; Krankheltsbild.
gleichsam das Gefässbündel der Bindehaut bis zur Eftioresccnz , welche nun die Spitze des vervollständigten Dreieckes krönt. Der Cornealtheil des letzteren wird mit dem Namen der „herpetischen Brücke" bezeichnet.
Wo mehrere Efflorescenzen neben einander zur Entwickelang kommen, ver- schwimmen die Gefilssbiindel unter einander, sowohl in der Bindehaut als Hornhaut, und verwischen so gemeiniglich das schulgerechte Bild. Doch kommt es auch vor, dass mehrere Efflorescenzen zerstreut umherstehen und jede mit einem gesonderten herpetischen Bündel zusammenhängt.
Nicht selten entwickelt sich vorläufig die Keratitis vasculosa, breitet sich mehr weniger aus und erst später schiessen in oder ausserhalb des Entzündungsherdes die herpetischen Efflorescenzen auf. Da geht natürlich das Gefässbündel ganz verloren in der allgemeinen Hyperämie. Gleiches gilt selbstverständlich, wenn sich der Herpes im Verlaufe einer Conjunctivalentzündung entwickelt. Dann ist das charakteristische Gefässbündel in der dichten Injection der Augapfelbindehaut ganz unkenntlich und die Diagnose wird allein von der Existenz der eigenthünilichen Efflorescenzen abhängig.
3. Nicht minder auffällig sind die subjeetiven Symptome. In der Regel kündigt sich der Process zuerst durch brennende oder stechende Schmerzen im Auge und durch Lichtscheu mit deren stetigen Begleitern , Thränenfluss und Lidkrampf, an. Diese Erscheinungen gehen der Congestion und der EfÜorcscenz voran. Mit dem Auftreten der Efliorescenz schwinden sie öfters oder vermindern sich wenigstens um ein Bedeutendes. Oft indessen halten sie auch an und steigern sich sogar , insbesondere wenn sich neue Efflorescenzen noch vorbereiten. Der Grad der Schmerzen und Lichtscheu ist ein sehr verschiedener, so dass dieselben mitunter gar nicht beachtet werden, in anderen Fällen aber geradezu unerträglich scheinen und das weithin am meisten hervorstechendste Symptom abgeben, gegen welches alle anderen Erscheinungen in den Hintergrund treten.
4. Sehstörungen werden begründet durch die Ucberfluthung der Cornea mit Thränen, in den späteren Stadien durch katarrhalische Excretc, vor- züglich aber durch Ueberdeckung eines Theiles der Pupille durch die eigentümlichen Efflorescenzen.
Ursachen. Die Ursachen des Herpes sind überaus mannigfaltig. Rei- zende Schädlichkeiten spielen unter ihnen die Hauptrolle. Es ist indessen nicht nothwendig, dass diese das Auge selbst treffen. Häufig pflanzen sich Reizungen von anderen Zweigen des Nervus quinlus auf die Ciliarnerven fort und werden so die nächste Veranlassung von herpetischen Eruptionen auf der Bindehaut und Cornea. Auf diese Weise erklärt sich das häufige Vorkommen des Herpes corneae neben Eczema, Impetigo etc. der Wangen- haut, der Nasenschleimhaut u. s. w. ; eine Combination, welche die älteren Autoren bestimmt hat, eine eigene Ophthalmia psorica, impetiginosa , serpi- ginosa anzunehmen. Diese ist eben nichts als ein Herpes conjunctivae oder corneae. Immerbin jedoch entwickelt sich der Herpcs corneae unvergleichlich öfter in Eolge directer Einwirkung höchst mannigfacher, mechanischer, che- mischer, physikalischer oder organischer Schädlichkeiten auf das Auge.
Als von ganz besonderer praktischer Wichtigkeit möge unter ihnen nur die zu frühzeitige, oder zu energische Anwendung reizender Mittel bei Be- handlung irgend einer Form der Bindehautentzündung oder eines anderen beliebigen Augenleidens hervorgehoben werden. Werden solche Mittel applicirt, so lange noch ein heftigerer Beizzustand gegeben ist, so lange also Schmerzen, Lichtscheu, Thränenfluss, vor allem anderen aber eine stärkere Injection der Episcleralgefässe bestehen, so ist die Eruption her-
Ursachen, Verlauf. 47
petischer Eftiorcscenzen auf der Bindehaut oder Cornea eine sehr gewöhn- liche Folge und eine Ursache mannigfaltiger höchst missliebiger Zustände.
Es genügen derartige Beizeinwirkungen bei nur einiger Intensität an und für sich, um einen Herpes hervorzurufen. Da nun nicht leicht ein Individuum sich der Fülle möglicherweise reizend auf das Auge einwir- kender Schädlichkeiten ganz zu entziehen im Stande ist, darf es nicht wundern, wenn man den Herpes in jedem Lebensalter, bei Individuen der verschiedensten Lebensweise und Beschäftigung, in jedem Stande und Klima findet. Doch ist er natürlich häufiger, wo in den klimatischen Ver- hältnissen, in der Lebensweise und Beschäftigung, eine reichlichere Quelle solcher Schädlichkeiten gegeben ist.
Die häufige Mitwirkung einer Disposition lässt sich jedoch keineswegs abläugnen. Diese erklärt es, warum einzelne Individuen unter sonst glei- chen Verhältnissen leichter am Herpes erkranken als andere, und warum jene, einmal ergriffen, die Krankheit nicht leicht wieder los werden, in- dem eine Efilorescenz nach der anderen aufschiesst und so der Process in die Länge gezogen wird. Im Allgemeinen kann man sagen, dass Indi- viduen mit sehr reizbarem Nervensystem ganz besonders zu herpetischen Er- krankungen hinneigen. In der That erscheint der Herpes bei Kindern mit dem sogenannten er ethisch- scrofidösen Habitus in überwiegend grossem procentarischen Verhältnisse. Ebenso findet man ihn sehr gewöhnlich bei schwächlichen, durch Nahrungsmangel, schwere Krankheiten herabgekom- menen Individuen des Jünglings- und Mannesalters. Ganz besonders auf- fällig jedoch ist sein häufiges Auftreten im Exsiccationsstadium der Masern, Blattern %md des Scharlachs. Er entwickelt sich unter solchen Umständen so oft, dass man ihn als Ophthalmia morbillosa, scarlcdinosa , variolosa be- schrieben hat.
Verlauf. Der herpetische Process als solcher ist im Allgemeinen ein typischer. Die Scene eröffnet ein mehr oder weniger heftiger brennender oder stechender Schmerz in Verbindung mit Lichtscheu. Alsbald tritt die charakteristische Gefässinjection in der Bindehaut und dem Episcleral- gewebe hervor und nach 1 — 2 Tagen kann man bereits das eigenthüm- liche herpetische Knötchen bemerken, welches nun während der nächsten Tage seine weiteren Wandlungen eingeht. Mittlerweile treten die Erschei- nungen der Gefäss- und Nervenreizung allmählig zurück und der her- petische Process als solcher gelangt zum Abschlüsse. Doch ist damit die herpetische Efßore-scenz nur in den seltensten Fällen getilgt. Die Ver- änderungen, welche die Cornea im Entzündungsherde erlitten hat, brauchen in der Begel weit längere Zeit, öfters Wochen und Monate, um sich aus- zugleichen.
Doch ist allerdings ein solcher Verlauf nicht gar häufig zu beobach- ten. Er findet sich nur, wo beim Mangel einer entschiedenen Disposition der Process durch eine zufällige äussere Schädlichkeit angeregt wurde und der Kranke unter Verhältnissen lebt, welche der Heilung überaus günstig sind. Meisthin macht sich die Neigung zu Nachschüben, welche dem Herpes überhaupt eigenthümlich ist , auch hier geltend. Während eine Effiorescenz aus dem Cyclus der typischen Vorgänge heraustritt, bereitet sich bereits eine andere vor, ein Nachschub folgt dem andern, die Schmer- zen und die Lichtscheu, die Gefässinjection bestehen fort oder steigern
4>- Herpes corneae; Verlauf.
sich wohl auch und so wird der Process Wochen und Monate hinaus- gezogen.
Das fortwährende Leiden bleibt dann natürlich nicht ohne Einfluss auf die Er- nährung des Gesammtorganismus, besonders wenn der behandelnde Arzt durch reich- liche Antiphlogose, Entziehung der Nahrung, Narcotica u. s. w. die Constitution des Kranken untergraben hilft. Auffällige Blässe, Schlaffheit, Welkheit der äusseren Haut und der Muskeln, gesteigerte Empfindlichkeit des Nervensystems , kurz ein Zustand, welcher dem so vagen Begriffe der Scrofulose entspricht, sind die nächsten Folgen. Dazu kommt gar nicht selten eine Anschwellung der Nacken- und Halsdrüsen, das Bild der Scrofulose vervollständigend. Solche Beobachtungen waren es denn auch, welche die Augenärzte hauptsächlich vermocht haben, dem Herpes corneae eine scro- fulose Basis unterzustellen und dort, wo der Herpes in anscheinend ganz gesunden Individuen auftritt, eine Latenz der Scrofulose anzunehmen. Es ist die Scrofulose nach dem Mitgetheiltcn eben nicht selten die Folge des Processes und wo wirklich die Erscheinungen der Scrofulose dem Herpes vorangiengen, ist der letztere nicht eine Localisation der speciellen Blutkrankheit, sondern steht nur mit dem nebenhergehenden Erethismus des Nervensystems in näherem ursächlichen Verbände. Was die Drüsen- geschwülste betrifft, muss bemerkt werden, dass sie entschieden am häufigsten durch den Hei-pes bedingt sind , keineswegs aber durch eine scrofulose Blutmischung ; sie kommen nämlich bei den stärksten und kräftigsten Individuen während dem Verlaufe des Herpes vor, namentlich wenn derselbe mit einer heftigen Nerven- und Gefäss- reizung einhergeht. Sie stehen zu dem Augenleiden in demselben Verhältnisse , wie Anschwellungen der Achseldrüsen zu Panaritien u. s. w.
Einen ganz eigenthümlichen Verlauf nimmt der Herpes cornealis nicht selten bei Kindern mit dem sogenannten scrofulös- ci ethischen Habitus. Es beginnt die Krankheit mit eiuer ganz exorbitanten Lichtscheu, welche mit geringen Remissionen Tage und Wochen, ja Monate anhält und vermöge des sie begleitenden Lidkrampfes die Untersuchung des Auges höchst schwierig macht. Oeftnet man die Lidspalte gewaltsam, so findet man eine ganz unverhältnissmässig geringe Injection der Gefässe ; nur einzelne zerstreute Stämmchen treten deutlicher hervor und rings um die Hornhaut zeigt sich im Episcleralgewebe ein zarter schmaler rosiger Saum. Efnorescenzen sind bei dem Widerstand, welchen der Kranke der Untersuchung entgegensetzt, häufig nicht zu entdecken. Es liegt in solchen Fällen daher nahe, die Lichtscheu als ein für sich bestehendes Leiden anzusehen und dieses ist denn auch vielfach gesebehen. Die älteren Augenärzte haben diesen Zu- stand unter dem Namen der scrofidösen Lichtscheu als eine specielle Krank- heit beschrieben. Lei genauerem Eingehen wird man jedoch kaum jemals die charakteristischen Efnorescenzen vermissen.
Allerdings mögen Fälle vorkommen , in welchen die Lichtscheu längere Zeit besteht, ehe es zur Bildung von Efnorescenzen kömmt, und in welchen die Nachschübe in grossen Zwischenräumen stattfinden, während denen die subjeetiven Erscheinungen in sehr belästigender Weise fortdauern , so dass man bei einer und der anderen Untersuchung in der That die charakteristischen Alterationen der Cornea vermisst. Ganz fehlen dieselben indessen kaum jemals; früher oder später machen sie sich immer bemerklich und da geschieht es denn auch ganz gewöhnlich, dass die Hyper- ämie sowie die Schwellung der Bindehaut und Episclera namhafte Grade erreichen, ja dass in gleicher Weise die Lider und ihre Umgebungen mitleiden. In extremen Fällen kann das Krankheitsbild dem der Blennorrhoe ähnlich werden.
Die durch die Lidspalte und die Nase fortwährend abfliessenden heissen salzigen Thräiien exoriiren oft die von ihnen berührten Theile und veranlassen durch ihre weitere chemische Einwirkung heftige Entzündungen, welche sich oft unter der Form pusluloser Ausschläge äussern. So entwickelt sich häufig während des Verlaufes eines Herpes cornealis , besonders wenn dieser mit heftiger Lichtscheu und Thränenfluss einhergeht : Blepharadenitis ciliaris, Impetigo und Eczem der Lid- und Waugenhaut, der Nasenöffnung und Lippen. Bei dem Eczem der Nase dürfte übrigens auch noch
Serofuloses Getassbändehen ; Ausgänge, Exfoliationen. ' 49
der innige Kapport von ätiologischer Wichtigkeit sein , welcher zwischen den Ciliar- nerven und den Nerven der Schneider'schen Haut besteht, und welcher bei Reiz- zuständen der Ciliarnerven sich gerne durch das Gefühl von Jucken und Beissen in der Nase und dadurch angeregtes häufiges Niesen beurkundet. Unreinlichkeit begün- stiget die genannten Zufälle begreiflicher Weise sehr. In der That ist bei unreinlichen Kranken , besonders wenn dieselben fortwährend mit den Händen oder schmutzigen Fetzen an den Augen wischen drücken und reiben, eine solche Veränderung des Krank- heitsbildes etwas ganz Gewöhnliches.
Zu erwähnen ist endlich noch des sogenannten scrofulosen Gefässbändchens oder Pseudogefössbcmdchens als einer speciellen höchst seltenen Verlaufsvarietät, welche lebhaft an das Fortschreiten der mannigfaltigen serpiginosen Exantheme erinnert. Es entsteht ein Knötchen an irgend einer Stelle des Cornealrandes und ehe es alle seine Metamorphosen durchgemacht hat, erblüht ein zweites am Rande des ersten, ein drittes, viertes u. s. w., während die vorhergehenden in ihren Wandlungen fortfahren. Der Process wird so Wochen und Monate hinausgezogen und sein Resultat ist am Ende ein grauweisser oder gelblichweisser sehniger Narbenstreif, welcher in gebogener oder geknickter Richtung an der Oberfläche der Hornhaut hinstreicht und an seinem einen Ende eine frische Efflorescenz zeigt. Die Hyperämie und Schwellung der Binde- haut und Episclera sowie der Schmerz und die Lichtscheu bestehen dabei unverändert fort.
Ausgänge. 1. Sehr oft endet die Krankheit mit vollständiger Heilung. Am meisten lassen dieses erwarten sehr oberflächlich gelagerte Efflorescenzen von geringem Umfange. Diese bilden sich häufig einfach zurück und zwar entweder rasch , noch bevor alle Reizerscheinungen geschwunden sind ; oder langsam, allmählig. Sie bedürfen oft Monate, um völlig zu ver- schwinden. In anderen Fällen stösst sich der oberflächlich lagernde Knoten ab, nachdem er vorläufig erweicht worden ist. Die so entstandene Ex- coriation oder seichte Aushöhlung der Cornealoberfiäche füllt sich mit durchsichtigem Hornhautgefüge wieder aus, überzieht sich mit pellucidem Epithel und jede Spur der Efflorescenz ist getilgt. Nicht selten ist dann das zuerst angebildete Epithel trüb, wird aber später von nachrückenden durchsichtigen Zellen ersetzt.
2. Tiefer sitzende und voluminösere Knoten sind weit ungünstiger. Selten werden sie vollkommen regressiv, so dass keine Spur einer Trübung an ihrer Stelle zurückbleibt. Meistens zerfallen sie, stossen sich ab, es bildet sich ein kleines rundliches Geschwürchen, das sich im weiteren Verlaufe reinigt und eine mehr weniger tiefe scharfbegrenzte Exfoliation zurück- lässt. Der vollkommen durchsichtige Boden dieses Substanzverlustes hebt sich dann oft ziemlich rasch durch Neubildung von Cornealsubstanz, tritt allmählig in das Niveau der Hornhautoberfläche und überzieht sich mit Epithel, das in der Mehrzahl der Fälle trüb ist und öfters lange Zeit oder für immer trüb bleibt und einen scharf begrenzten hirse- bis hanf- korngrossen Epithelialfleck darstellt. In anderen Fällen ist die Regeneration eine säumige , die Ausfüllung der Lücke braucht Wochen und Monate, während dem das Auge sehr empfindlich und zu Reizzuständen geneigt bleibt; aus der Exfoliation wird ganz allmählig eine einfache Facette, ein flacher Abschliff, und am Ende kömmt es entweder zu einem herpetischen Epithelfleck, welcher sich späterhin nicht immer völlig verwischt, oder aber es entwickelt sich an der Stelle der Facette eine dichtere Trübung, welche ganz das Aussehen einer Hornhautnarbe darbietet. Nicht selten bilden sich aber solche Narben auch rasch aus, indem sich die geschwürähnliche Sub- stanzlücke gleich von vorneherein mit trüber Masse ausfüllt, welche ständig wird. Es entsprechen derartige Narben in Form und Grösse dem ehe- maligen Knoten, sind aber flacher, indem von dem Boden der Substanz-
S teil wag, Augenheilkunde. 4
50 Herpos corneae j Ausgänge, Durchbrach, Becnndäre Geschwüre.
Kicke immer etwas durchsichtiges Cornealgefüge nachwuchert. Man findet sie gewöhnlich von einem verwaschenen trüben Hofe umsäumt.
3. Die ZerfällnisB herpetischer Knoten wird nicht selten die Veran- lassung von Durchbrüchen der Hornhaut. In manchen Fällen ist die Per- foration eine ungemein rasche. Wenige Stunden genügen, um den Knoten auszubilden und zur Schmelzung zu bringen. Gewöhnlich aber ist der Gang ein langsamerer, der Knoten besteht mehrere Tage, ehe es zum Durch- bruch kommt.
4. Häufiger ist der Durchbruch eine blos mittelbare Folge des Herpes. Um den zerfallenden Knoten herum entzündet sich das Gefüge der Horn- haut, die Elemente wuchern in grösserem oder geringerem Umfange, ver- fettigen, zerfallen und so entwickelt sich auf dem Boden des herpetischen Knotens ein secundäres herpetisches Geschwür, das in allem und jedem mit einem primär entstandenen Geschwüre übereinkommt, denselben Verlauf, dieselben Ausgänge wie dieses und darunter auch den Ausgang in Per- foration nimmt, d^CTTFolgen später Gegenstand der Erörterung sein werden.
5. Die delu^ierpefischen Knoten zusammensetzenden Elemente können •übrigens aucnj^owofoi» duEShNpro- als regressive Metamorphosen ständige Formen eingeltffy In 9er ThatXverwandeln sich die Efflorescenzen in der Cornea biswlfldnjin s'emen-foder^cnorpelähnliehe oder in kalkige Masse?), welche zeitlebens fd
6. In ileJcHer "ßLeise1, Weiilen manchmal auch die Producte der be- gleitenden Kfc^itis »Vasculosa / ständig. Die herpetische Brücke hintcrlässt nach Ablauf cke^ReizerscheiriHngen einen ihr in Form und Umfang mehr weniger entsprechenden Eptinielfleck, eine pannose Trübung oder wohl auch eine seh)ienähnlichli^-Jx£id)£ldvng. Hypertrophirt gleichzeitig der zugehörige hyperämirte Theil der Bindehaut, so ist die erste Anlage zu einem wahren Flügelfell gegeben, welches sonach mit unter den Ausgängen des Corneal- herpes figurirt.
7. Bei grosser Disposition und darin begründeten fortgesetzten reich- lichen Nachschüben kommt es bisweilen zum Pannus herpeticus, von dem bei Gelegenheit des Conjunctivalbcrpes die Bede sein wird.
8. Endlich verdient Berücksichtigung, dass der herpetische Process nicht immer rein und unvermischt besteht. Sowie er im Verlaufe einer Keratitis vasculosa häufig seeundär zu Tage kömmt, so breitet sich umge- kehrt die herpetische Brücke öftei's aus und man muss dann sagen, der Cornealherpes habe sich seeundär mit einer Keratitis vasculosa complicirt, welche die Ausgänge des Leidens mannigfaltig modificirt. Ganz besonders wichtig ist die nicht seltene Vergesellschaftung des Herpes corneae mit Iritis. Namentlich bei unzweckmässiger Behandlung oder schlechtem Verhalten des Kranken sind Complicationen des in Hede stehenden Processes mit Iritis etwas ganz Gewöhnliches und umgekehrt ist eine grosse Anzahl von Fällen nicht spezifischer Iritis aus einem ursprünglich auf die Hornhaut be- schränkten herpetischen Processe hervorgegangen.
9. Als entferntere Consequenzen des Herpes corneae sind, vornehmlich bei Kindern, die sogenannte Ambhjopia ex inuuitiunc und der Strabismus zu fürchten.
Das stärker ergriffene oder allein afficirte Auge wird nämlich häufig während dein ganzen oft langwierigen Verlauf der Krankheit von dem gemeinschaftlichen
Behandlung. 51
Sehacte ausgeschlossen und der Kranke lernt endlich von dessen Eindrücken ganz absehen, so dass dasselbe auch nach erfolgter Heilung unbenutzt bleibt. Oder aber der Kranke ist im Interesse der Deutlichkeit seiner Wahrnehmungen gezwungen, die Netzhautbilder des leidenden mit Hornhauttrübungen behafteten Auges zu vernach- lässigen, ja zu unterdrücken. Die fortgesetzte Unthätigkeit des Organes führt dann zur wirklichen Functionsschwäche und diese ist eben das, was man Amblyopia ex inanitione nennt. Gelingt diese Unterdrückung des einen undeutlichen Netzhautbildes nicht leicht, so lernt der Kranke wohl auch das betreffende Auge bei Seite zu wen- den und bei öfterer Wiederholung dessen entwickelt sich ein förmlicher Strabismus.
Behandlung. Das Typische des Verlaufes beschränkt einigermassen den Wirkungskreis des behandelnden Arztes, doch hat der letztere immer- hin noch ein weites Feld für seine Thätigkeit. Die erste Aufgabe ist, die vorhandenen oft excessiven Reizzustände zu massigen und die Gewebswuche- rung möglichst zu beschränken. Eine zweite Aufgabe ist, den oft schweren Folgen vorzubeugen , welche die aus ihrer typischen Bahn heraustretenden Efflorescenzen mittelbar oder unmittelbar am Auge zu setzen im Stande sind. Endlich stellt sich die Notwendigkeit heraus, die etwa gegebene Disposition zu tilgen, um den darin begründeten fortwährenden Nachschüben und Becidiven der Krankheit wirksam entgegenzutreten.
1. Die erste Aufgabe bezieht sich eigentlich nur auf den Entzündungs- process, unter dessen Bild der Herpes corneae sich äusserlich darstellt. Sie beherrscht die ganze Therapie des Herpes corneae, da bei der völligen Unklarheit des speeifiken Grundes des Herpes sich aus diesem keine speciellen Indicationen ableiten lassen. Insoferne nun dieselben Aufgaben auch bei der einfachen Keratitis vasculosa bestehen, fällt das Heilver- fahren , welches beim Herpes corneae einzuschlagen ist , fast vollständig zusammen mit jenem, welches bei der Keratitis vasculosa mit Erfolg in An- wendung gebracht wird (S. 41), daher denn auch hier darauf verwiesen wird. Zu bemerken ist nur, dass speciell beim Herpes corneae die Anlegung eines Schutzrerbandes und die täglich 1 — 2 Mal loiederholte Einstäubung von Calomel in den Bindehautsack als eine Art Specificum empfohlen wird. Es lässt sich auch in der T-hat die günstige Wirkung dieses Verfahrens nicht läug- nen. Es scheint sich besonders zu bewähren : a) in Fällen , welche mit intensiver Lichtscheu einhergehen, während die Gefässsymptome mehr zu- rücktreten , also besonders bei Kindern mit scrophulö's-erethischem Habi- tus, b) In Fällen, in welchen die Gefässsymptome allerdings vorwiegen, sich jedoch innerhalb der Grenzen massiger Entwickelung halten und wo fortwährende Nachschübe den Verlauf des Leidens ungebührlich in die Länge ziehen, c) Wo es darauf ankömmt, zurückgebliebene oberflächliche Trübungen der Hornhaut nach Ablauf des eigentlichen herpetischen Pro- cesses rascher zum Verschwinden zu bringen.
Schädlich ist eine solche Einstäubung, so lange der Entzündungsreiz, in specie die arterielle Hyperämie und die örtliche Temperaturerhöhung, noch stark hervorstechen ; da wird der Beizzustand dadurch öfters sichtlich vermehrt.
Bei Kindern, falls sie sich stark sträuben, ist es räthlich , die Einstreuung in sitzender Stellung vorzunehmen. Der Kopf des Kindes wird zwischen den Schenkeln des Manipulirenden eingeklemmt und während die Finger der einen Hand die Lid- spalte geöffnet halten, entleert die andere Hand durch Ausschnellen den in Calomel getauchten Malerpinsel dicht über dem Auge. Der dadurch gesetzte Reiz ist so gering, dass er keine weitere Beachtung verdient. Doch muss dafür gesorgt werden, dass eben nur feinstes Pulver, nicht aber Klümpchen in den Bindehautsack gelangen. Diese wirken nämlich gleich fremden Körperu und falls sie sich daselbst verhalten, können
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52 Herpes corneae; Behandlung, Eczeme u. impetig. Aasschläge der Gesichtshaut.
sie sich unter dem Einflüsse der kochsalzliältigen Thränen in Sublimat umsetzen und chemisch reizen, ja vielleicht sogar ätzen.
2. Von hoher Wichtigkeit ist bei der Behandlung des Herpes cor- nealis die Berücksichtigung etwa sich vorbereitender oder bereits ent- wickelter eczemalöser und impetiginöser Ausschläge der Lid- und Wangenhaut, der Naseneingänge und Lippen. Am häufigsten beobachtet man sie bei Kindern und überhaupt bei Individuen mit zarter schlaffer Haut. Sie unterhalten den Process und machen seinen Verlauf durch Begünstigung fortwährender Xachschübc oft sehr langwierig.
Will man die Entwickehmg derselben verhüten, so ist minutiöse Peinlichkeit das erste Erforderniss. Ausserdem empfiehlt sich zu diesem Zwecke der Schutzverband, da er vorerst durch Fernhaltung aller vou aussen her einwirkenden Schädlichkeiten den Reizzustand des Auges und damit auch die Thränenabsonderung vermindert, da er weiters das beständige Wischen und Reiben, zu welchem die Kranken durch den Thränenfluss verleitet werden, xmniöglich macht, und da endlich die Charpie die ab- fliessenden Thränen zum grössten Theile aufsaugt und so die allzugrosse Ueberfeuch- tung der Lider und der Wangen verhütet. Soll der Schutzverband seinem Zwecke vollkommen entsprechen, so muss die Charpie mehrmals des Tages gewechselt werden. Vor der jedesmaligen Anlegung der Binde ist es nothweudig, die Theile durch Betupfen, nicht durch Wischen , mittelst eines trockenen oder in laues Wasser ge- tauchten Charpiebausches gut zu reinigen. Zeigen sich schon leichte Excoriationen, so ist es vortheilhaft, dieselben vor der Application des Verbandes mit einem reinen frischen Fette, Ungt. commune, Cremor coelestis oder einer aufgekochten Mischung von 5 Theilen Glycerin und 1 Theile Amylum zu bestreichen. Wo die Naseneingänge und die Lippen afficirt erscheinen, sind dieselben immer mit jenen Salben einzu- schmieren , da sie durch den Verband nicht geschützt werden können. Reicht die Reizung der Nasenschleimhaut weit in die Nasenhöhle hinein, so dürfte es am besten sein, mit Salbe bestrichene Charpiewieken in die Nasenlöcher einzuführen und dieselben öfters des Tages zu wechseln.
Ist das Exanthem als solches bereits zum Ausbruche gekommen, so reichen diese Mittel nicht mehr zu, um den Ausschlag in kurzer Zeit zu tilgen. In solchen Fällen muss vorerst auf gehörige Reinigung der betreffenden Stellen gesehen werden. Diese wird durch Abtupfen mit einem in laues Wasser getauchten Charpiebausch bewerk- stelligt. Sind Krusten vorhanden, so müssen dieselben durch Bähungen mit lauem Wasser oder lauer Milch aufgeweicht und die Masse durch Abtupfen entfernt werden. Ist der Boden, auf welchem sich diese Krusten befanden, stark entzündet, so wird man gut thun, vorerst kalte Ueberschläge zu appliciren, vorausgesetzt, dass sich die- selben leicht anwenden lassen. Sind die Reizerscheinungen etwas zurückgewichen, so kann man dann zu den speeifischen Mitteln übergehen. Es sind dieses : Lösungen aus Nitrat. Argent. gr. 5 — 10, aus Sulfat. Zinci gr. 5, aus Sublimat gr. 1 auf die Unze destillirten Wassers; Salben aus Florum Zinci drachm. semis oder aus Jod- schwefel drachni. 1 auf die Unze Ungt. communis; Stärke; Bärlappsamen ; Leber- thran u. s. w. Die Lösungen werden nach vorhergehender Reinigung der Theile ent- weder mit dem Pinsel aufgetragen und darüber der Schutzverband angelegt, oder es wird der Charpiebausch mit der Solution stark befeuchtet, über die afticirten Stellen ausgebreitet und dann mit der Flanellbinde befestigt. Die Salben werden ein- fach aufgeschmiert, die Stärke oder das Lycopodium mittelst eines ßaumwollenbausches aufgestäubt und darüber der Schutzverband angelegt. Der Leberthran dürfte am besten in dir Art applicirt werden, dass man damit einen Flanelllappen tränkt, denselben über die erkrankten llautstellen ausbreitet und darüber sodann den Verband auf die gewöhnliche Weise anlegt. Sind die Naseneingänge der Sitz des Ausschlages, so scheint es das Ueste zu sein, Charpiewieken mit Leberthran zu tränken und in die Nasenlöcher einzuführen. In jedem Falle müssen diese Mittel öfters des Tages frisch applvArt und vor jeder wiederholten Anwendung die Theile sorgfältig gereinigt werden. Innerliche Mittel nützen gegen diese Ausschläge gar nichts.
3. Weitere therapeutische Aufgaben fliessen aus den mannigfaltigen Wandlungen, welche die lterpclischen Efflorescenzen im Verlaufe des Processes, oder nachdem sie aus dem Cyclus der typischen Vorgänge herausgetreten
Behandlung. • 53
sind, erleiden. Es zielen diese Tndicationen dahin, den misslichen Folgen, Avelche jene Wandlungen mit sich bringen, vorzubeugen, oder dieselben wenigstens auf ein möglichst kleines Mass zu beschränken.
Wie bereits erwähnt wurde, stehen die fraglichen Alterationen der herpetischen Entzündungsherde nicht mehr in directer Abhängigkeit von dem herpetischen Processe als solchem, sondern von dem Quantum und Quäle der neugebildeten Elemente, der mehr weniger raschen Entwickelang derselben u. s. w. und finden überhaupt ihre volle Analogie in den mannigfaltigen Metamorphosen der durch andere Formen der Keratitis gesetzten Producte. Damit fällt denn auch die Notwendigkeit weg, die zu ergreifenden Massreg-eln speciell zu erörtern, es sind dieselben, welche bei den übrigen entsprechenden Formen der Keratitis mit Erfolg in Anwendung kommen, und auf diese muss denn auch hier verwiesen werden.
4. Von grö'sster Wichtigkeit ist es, namentlich bei Kindern, nachdem der entzündliche Process im Auge zum Abschluss gekommen ist, auf das genaueste zu untersuchen, in wie weit jeder einzelne Bulbus seine Functions- tüchtigkeit bewahrt hat und wie sich dieselben bei ihrem gegenseitigen Zu- sammenwirken, beim gemeinschaftlichen Sehacte, verhalten. Zeigt sich das eine Auge seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen, oder wirkt es gar störend auf die Deutlichkeit der Wahrnehmungen beim gemeinschaftlichen Sehacte, so können nicht früh genug Vorkehrungen getroffen werden, um möglicher Weise noch den misslichen Folgen eines solchen Zustandes, der Amblyopia ex inanitione oder dem Strabismus des stärker afficirten Auges, zuvorzu- kommen. Das Verfahren, um diesen üblen (Konsequenzen vorzubauen, ist Gegenstand der Erörterung in den über Amblyopie und Strabismus han- delnden Abschnitten.
5. In Fällen, in welchen das Walten einer Disposition sich deutlich beurkundet, besonders bei Kindern mit dem sogenannten scrofulös-erethi- schen Habitus, wird man in der Regel gezwungen sein, neben der örtlichen Behandlung eine allgemeine einzuleiten, um den fortwährenden Nachschüben und den von Zeit zu Zeit sich wiederholenden Recidiven zu steuern.
Die allgemeine Behandlung zielt zunächst auf Hebung des Ernährungs- zustandes des gesammten Körpers und fällt insoferne mit dem S. 43. 6. ange- deuteten Verfahren zusammen. Nebenbei hat dieselbe aber noch ganz be- sonders auf den vorhandenen NerveneretMsmus Rücksicht zu nehmen und dessen Abstumpfung durch Abhärtung des Kranken anzustreben. Zu diesem Zwecke empfehlen sich ganz besonders kühle Bäder, am besten Flussbäder oder Seebäder. Wo diese nicht anwendbar sind wegen der Jah- reszeit oder der Lebensverhältnisse der Kranken, sind Wannenbäder und vorzüglich täglich wiederholte Abreibungen des Körpers mit einem in kaltes Wasser getauchten Badeschwamm oder Flanelllappen vorzunehmen. Alan wird dabei die Witterung berücksichtigen müssen und falls der Kranke die Temperatur kalten Wassers nicht ohne Gefahr vertragen zu können scheint, von lauen Waschungen allmählig zu kühleren übergehen. Am besten werden dieselben Morgens vorgenommen, worauf der Kranke noch einige Zeit im Bette zubringen soll. Freunde von pharmaceutischen Mitteln können den Wannenbädern Abkochungen von Eichenrinde, Weiden- rinde, Xussbaumblättern, bei sehr grosser Blässe auch Tartras Ferri u. s. w. beimischen.
f)4 Keratitis punctata.
3. Keratitis punctata.
Krailkheitsbild. Charakteristisch ist das Auftreten kleiner rundlicher grauer Flecken in den tieferen Lagen der glcichmi'i'ssig sulzähnlich getrübten Cur in alsubstanz bei Mangel auffülliger Reizsymptome.
Die Hornhaut erscheint stellenweise oder ihrer ganzen Ausdehnung nach matt graulich mit einem Stiche ins Gelbliche oder Grünliche. Die Oberfläche verliert den natürlichen Glanz, die spiegelähnliche Glätte ; bei gewissen Stellungen zum Lichte bemerkt man bisweilen ein Opalisiren, ähnlich dem Farbenspiele alter Fensterscheiben, und bei der Betrachtung der Hornhaut aus nächster Nähe zeigt sich die Epithelschichte rauh, voll der feinsten Grübchen, als wäre sie mit Nadeln gestochen worden. Ausser- dem findet man Aggregate kleiner den Umfang eines Mohnkornes kaum überschreitender rundlicher Flecken von mattgrauer ins Gelbliche oder selbst Bräunliche spielender Farbe, welche in verschiedener Tiefe lagern, sich oft gegenseitig decken und dem freien Auge zusammenzufliessen schei- nen. Am gedrängtesten stehen sie gewöhnlich in den hintersten Schichten der Cornea, wo sie gerne in ausgedehntere fleckige Trübungen verschwimmen.
Die Congestionser scheinungen sind in der Regel sehr unerheblich und beschränken sich meistens auf einen schmalen Kranz injicirter Gefässe in der vordersten Zone des Episcleralgewebes. Schmerz und Lichtscheu fehlen sehr häufig ganz. Dafür begleitet den Process constant eine sehr auffäl- lige Störung des Sehvermögens. Diese rührt einerseits von der Trübung der Cornea her, andererseits aber von der fast immer nachweisbaren Mitleiden- schaft der intraoeularen Gebilde.
Die Keratitis punctata ist nämlich nur selten eine für sich bestehende Krankheit, meistens tritt sie blos als Theiler scheinung eines iceiter verbreiteten Processes auf. Namentlich ist Iritis eine fast constante Begleiterin, in Folge deren bisweilen auch das Kammerwasser flockig getrübt, die Vorderkapsel mit entzündlichen Producten beschlagen und öfters sogar der Pupillarrand an die Kapsel geheftet wird. In schwereren Fällen leidet selbst die Ader- haut und Retina, der Glaskörper und die Linse mit.
Ursachen. Man hat die Krankheit am häufigsten bei aufgedunsenen schlaffen trägen fettleibigen Kindern und jenseits der Pubertätsperiode bei schlecht genährten kachektischen hydrämischen Individuen gefunden. In vielen Fällen steht das Leiden mit allgemeiner Syphilis in Verbindung. Es kommen jedoch auch Fälle vor, wo keine der genannten Ursachen aufzufinden ist.
Verlauf und Ausgänge. Der Verlauf ist wohl immer ein sehr chronischer, Wochen und Monate vergehen bisweilen, ohne dass sich in der Hornhaut erhebliche Veränderungen erkennen lassen. Mitunter erfolgt in unrcgel- mässi^en Zeiträumen eine schubweise Vermehrung der Corncalflccken.
Bei geringen Graden des Leidens hat man öfters Heilung eintreten gesehen. Fleckige Trübungen der tieferen Hornhautschichten werden aber gewöhnlich ständig. Das gleichzeitige Vorhandensein einer Iritis macht die Prognose um so ungünstiger, als die Iritis gewöhnlich an und für sich unheilbare Schäden bedingt. Wo die Aderhaut und Netzhaut mitleiden, geht der Bulbus fast immer unaufhaltsam der Atrophie entgegen.
Keratitis parenoljymatosa simplex; Kranklioitsbilfl. . f)5
Die Behandlung hat nebst den äusseren das Auge treffenden Schäd- lichkeiten hauptsächlich das Allgemeinleidcn des Kranken zu berücksich- tigen. Namentlich ist bei wahrscheinlicher Begründung der Entzündung durch constitutionelle Syphilis eine entsprechende anlisyphilitische Behand- lung dringendes Gebot. Doch darf man von der Erfüllung der Causalindi- cation leider nicht gar viel erwarten. Noch weniger aber leistet die directe l>cha»dlit»(j des Augenleidens selbst. Für eine kräftige Antiphlogosis fehlen die Indieationen und die sogenannte alterirende Methode, z. B. durch Brechweinstein, Digitalis und die Resorptionsmittel, sowie Einreibungen von Engt, cinereum in die Stirngegend sind ganz erfolglos. Bei gleichzeitiger Trübung des Kamnierwassers wird die Paracenthesis corneae sehr gerühmt; sie soll auch das Verschwinden der Exsudatherde in der Hornhaut be- günstigen.
4. Keratitis parenchymatöse, simplex.
Krankheitsbild. Das bestimmende Merkmal derselben ist eine unter den Erscheinungen einer mehr weniger auffälligen Ciliarreizung sich enlioickelnde sulzähnlicfie, bei höheren Graden ins Grane Grauweisse bis Gelblichiveisse über- gehende, »>ehr weniger ausgebreitete Trübung der eigentlichen Hornhautsubstanz,
Es kömmt die Keratitis parenehymatosa simplex häutiger vor, als sie diagnosticirt wird, indem die optische Ungleichartigkeit der Cornealsubstanz schon ziemlich weit gediehen sein muss } zum Theile schon seeundäre Metamorphosen der neugebildeten Elemente voraussetzt, auf dass sie eine dem freien Auge merkbare Trübung veranlasst. Sehr oft verräth sich also die Gewebswucherung im Inneren der Hornhaut durch gar keine Erschei- nungen. In anderen Fällen zeigt sich die Hornhaut dem blossen Auge völlig durchsichtig und die Oberfläche derselben bewahrt ihren normalen Spiegelglanz ; dagegen erscheint die Iris stark entfärbt , ihrem normalen Colorit ist mehr weniger Grau oder Gelb beigemischt und die Zeichnungen an ihrer Oberfläche sind verschwommen kaum kenntlich, so dass man unwillkürlich an das Vorhandensein einer Iritis denkt. Ein Versuch ergiebt jedoch bald , dass die Pupille auf Lichtwechsel sehr lebhaft reagirt und falls diese Probe unsichere Resultate liefern sollte, genügt ein Mydriati- cum, um die Functionstüchtigkeit der Irismuskeln darzuthun und so eine entzündliche Affection der Regenbogenhaut auszuschliessen. Die Verände- rungen der Iris sind dann eben nur scheinbare und bedingt durch die ver- minderte Pellucidität der Cornea, sie sind ein Symptom der Keratitis parenehymatosa.
Erst bei höheren Graden der Affection zeigt sich die sulzähnliche Trübheit und scheinbare Auflockerung des Gefüges deutlicher. Im weiteren Verlaufe treten in den bisher noch durchsichtig gebliebenen oder bereits matt ge- wordenen entzündeten Partien der Hornhaut zarte grauliche wolkenähnliche Trübungen von grösserer oder geringerer Ausdehnung auf, welche sichtlich in verschiedenen Schichten der Substanz lagern und wohl auch die ge- sammte Hornhaut in deren ganzen Dicke nebelig erscheinen lassen. Alsbald verdichten sich stellenweise diese Trübungen und so entstehen nahezu oder völlig undurchsichtige milchweisse oder gelblichweisse Flecken von verschiedener Gestalt und Grösse, deren Ränder sich wolkenähnlich ver-
56 Keratitis parenehymatosa siini)lex : Ursachen; Verlauf.
waschen. Oefters verschwimmen mehrere solche Flecken unter einander und falls die Hornhaut ihrer Totalität nach entzündet ist, kann es geschehen, dass dieselbe ihrer ganzen Masse nach undurchsichtig grauweiss wird und selbst merklich anschwillt.
Die Oberfläche, bewahrt hierbei nicht selten ihren spiegelnden Glanz. Oefters indessen erscheint dieselbe matt, wie angehaucht und selbst mit neugebildcten Gefässnetzen übersponnen, die Keratitis parenehymatosa ist mit einer vasculosa combinirt.
Dass Trübsehen diesen Zustand begleite , falls der Entzündungsherd in den Bereich der Pupille hineinragt, versteht sich von selbst.
Die übrigen subjeetiven Symptome, Schmerzen und Lichtscheu, sowie die Hyperämie in der Bindehaut und Episclera sind wandelbar in allen Graden und stehen öfters zur Grösse und Intensität der eigentlichen Gewebswucherung in keinem Verhältnisse.
Ursachen. Die Keratitis parenehymatosa simplex kömmt häufig vor. Es giebt kein Alter, kein Geschlecht, keine Constitution, in welchen sie sich nicht äussern könnte.
Oft ist sie eine seeundüre Erscheinimg, die Folge der Fortpflanzung des entzündlichen Processes von nachbarlichen Gebilden. Häufiger tritt sie primär auf und ist dann die Folge der mannigfaltigsten Schädlich- keiten, mechanischer chemischer physicalischer oder functioneller Reiz- einwirkungen. Oft jedoch entwickelt sie sich auch, ohne dass eine ge- nügende Ursache dafür aufgefunden werden könnte.
In der Pegel macht sie sich überdies im Umkreise traumatischer oder geschwüriger Substanzverluste geltend, umsäumt brandige, erweichte, lupose, krebsige Herde.
Verlauf. Dieser ist überaus wandelbar, bald sehr acut, bald über- aus schleppend. Im Allgemeinen schreitet der Process um so rascher vorwärts, je stärker die Reizerscheinungen im ciliaren Gefäss- und Nerven- systeme hervortreten. Besonders pflegen die durch auffällige äussere Schäd- lichkeiten bedingten Processe sich durch Acuität des Verlaufes auszuzeich- nen. Doch kann auch gerade das Gegentheil stattfinden, die letzterwähnten Fälle können sich "Wochen und Monate lang hinausziehen ; andererseits aber kann bei völliger Unerheblichkeit der Hyperämie und ganz mangeln- der Nervenreizung die Proliferation eine überaus ergiebige und rapide, der Decurs ein acuter sein.
Ausgänge. Oft geht die Krankheit in Heilung über, die Reizerschei- nungen im Ciliarsysteme mindern sich allmählig und noch ehe sie ganz geschwunden sind, beginnen sich die Trübungen aufzuhellen. Am Ende verschwindet jede Spur derselben und zwar bald rascher, bald langsamer. In vielen Fällen genügen mehrere Tage, in anderen bedarf es Wochen und Monate, ehe die Hornhaut ihre frühere Durchsichtigkeit wieder erlangt hat.
Es liegt auf der Hand, dass die Aussicht auf Heilung um so gün- stiger sei, je weniger hoch die Anforderungen an den die Heilung ver- mittelnden Process gespannt werden, je geringer also das abzuführende Materiale seiner Masse nach ist. Leichte graue wolkige Trübungen hellen sich sicherer und rascher auf, als dichtere. Ganz undurchsichtige milch- weisse oder gelblichweisse figurirte Trübungen nehmen zwar in der Regel
Ausgänge , Beb and hing-. • 57
etwas an Umfang ab, aber ganz verschwinden sie sehr selten. Frische im Verlauf einer acuten Keratitis zu Stande gekommene Opacitäten lassen mehr Hoffnung auf völlige Heilung, als solche, welche unter chronischem Decurse der Entzündung schon veraltet sind, Wochen und Monate be- stehen. Bei Kindern ist die Prognosis immer weit günstiger. Bei diesen schwinden öfters im Verlaufe von Jahren Trübungen, welche vermöge ihrer Intensität bei Erwachsenen kaum eine Aussicht auf Heilung übrig lassen. Trübungen, welche Substanzverluste der Hornhaut umsäumen, lassen eine völlige Tilgung nur dann erwarten, wenn die Substanzlücke durch Regene- ration pellucider Hornhautsubstanz heilt; im gegenteiligen Falle zieht sich die Trübung wohl etwas zusammen, bleibt aber immer als ein mehr weniger breiter wolkiger Saum um die Narbe zurück. Völlige Normalität der übrigen Bulbustheile zählt nicht minder zu^ den Bedingungen der Heilung. "Wo diese durch die Entzündung ebenfalls stärker mitgenommen worden sind, ist die Prognose auch in Bezug auf die Hornhaut weniger günstig.
Es ist indessen wohl zu berücksichtigen , dass das Schwinden auffälliger oder doch mit freiem Auge wahrnehmbarer Trübungen nicht immer gleichbedeutend mit völliger Heilung sei. Die mikroskopischen Untersuchungen der Neuzeit lassen gar keinen Zweifel darüber, dass in scheinbar ganz durchsichtigen und normalen Hornhautpartien ausgedehnte Lager von Kernen und zum Theile fettiger Molekular- masse vorkommen , welche offenbar nur auf Rechnung längst abgelaufener Entzün- dungsprocesse gesetzt werden können. Schon unter der Lupe treten sie an feinen Schnitten als deutliche grauliche Trübungen hervor.
Das Zurückbleiben von Trübungen im eigentlichen Hornhautgefüge ist als ein zweiter häufiger Ausgang der fraglichen Keratitis zu betrachten. Man nennt diese gleichsam infiltrirten Trübungen Leucome.
Endlich ist noch die Umwandlung der neugebildeten Elemente in Eiter als ein möglicher Ausgang zu erwähnen. Sie ist besonders bei sich rasch bildenden sehr gesättigt weissen und weissgelblichen Trübungen zu fürchten.
Die Behandlung hat die entzündliche Gewebswucherung zu beschrän- ken, etwa vorhandene übermässige Nerven erregungen zu beschwichtigen und den rückgängigen Metamorphosen der neugebildeten Elemente den Weg zu bahnen.
Die Mittel, um den ersten beiden Indicationen gerecht zu werden, sind selbstverständlich von denen nicht verschieden, welche bei der Kera- titis vasculosa mit Erfolg angewendet werden ; denn der Process ist ja derselbe und der Unterschied liegt nur darin, dass die Gewebsalteration bei der einen Form mehr in den tieferen Schichten der Cornea, bei der anderen mehr an der Oberfläche hervortritt, eine Differenz, welche um so weniger durchgreifend genannt werden kann, als öfters beide Formen neben und miteinander gehen.
Nähert sich der entzündliche Process seinem Abschlüsse oder ist er bereits an diesem angelangt, so stellt sich häufig die Aufgabe, die säumige Aufhellung der Trübungen zu beschleunigen. Bei dem Dunkel, welches über diesem Processe lagert, ist es jedoch kaum möglich, diese Indication scharf zu umschreiben. Immerhin spielt die Resorption dabei eine wenn auch vielleicht seeundäre Rolle, da sie schon die Umsetzung der Elemente vor- aussetzt. Die am meisten versprechenden Mittel scheinen demnach die
Oö Keratitis suppurativa ■ Kranklioitsbilrt.
re8orptionsbefördemden zu sein. Leider muss man sich gestehen, dass weder die Mercurialien, noch die Jodpräparate, also die berühmtesten Rcsorbentia, wenn sie durch das Blut wirken sollen, irgendwie merkliche Resultate erzielen. "Wenigstens wirken sie überaus langsam und erscheinen schon deswegen minder verwendbar. Dagegen scheint, es, als ob leichte das Auge, direct treffende Reizmittel von Nutzen seien. Einstäubungen von Calomel empfehlen sich daher ganz vorzüglich. Stärkere Reizmittel, irritirende Salben, Collyrien, Opiumtinctur etc. darf man erst dann mit Vorsicht an- wenden, wenn die Reizerscheinungen und die krankhafte Empfindlichkeit des Auges gänzlich geschwunden sind. Im Ganzen eile man mit den Reizmitteln nicht zu sehr, ihre Wirkung ist bei infiltrirten Trübungen keineswegs ganz sicher gestellt. Wenn unter ihrem Gebrauche frische Trübungen sich auch häufig vermindern oder ganz schwinden, so ist wohl zu bedenken, dass auch spontane Rückbildungen derselben etwas Gewöhn- liches sind und dass diese Mittel intensive Trübungen, welche spontan nie ganz zurückgehen, ebenfalls nicht zu tilgen im Stande sind.
5. Keratitis suppurativa.
Krankheitsbild. Eiterherde in der Hornhaut kennzeichnen sich durch ihre völlige Undurchsichtigkeit und gesättigte iceissgel bliche oder eitergelbe Farbe, sowie durch die in ihrem Inneren vor sich gehende Zerfällung und Auflösung der Hornliautsubstanz in eiter ähnlichen Detritus.
Die Erscheinungen der Ciliarreizung, welche der Hornhauteiterung voran- gehen und sie begleiten, variiren in allen Graden. Bald schlagen die Ge- fässsymptome vor, bald die Symptome der Nervenreizung, bald halten sich beide bei hoher Intensität das Gleichgewicht, bald aber treten sie fast gänzlich zurück, die rlyperärnic ist eine überaus geringe und die Sym- ptome der Nervenerregung fehlen ganz. Es stehen diese Verschiedenheiten in einigem Zusammenhange mit den ursächlichen Momenten der Eiterung und finden ihre nähere Erörterung bei der Beschreibung des Verlaufes der Keratitis suppurativa.
Der Eiterherd selbst charakterisirt sich bald als ein Abscess, bald als ein offenes Geschwür, indem er einmal in dem Parenchym der Hornhaut eingeschlossen ist, das andere Mal aber eine nach aussen mündende Sub- stanzlücke darstellt. Selten erscheint der Eiterherd Über die ganze Hornhaut ausgebreitet, in der Regel betrifft der Abscess und das Geschwür nur einen Theil der Cornea.
Der Inhalt der Eiterherde ist nicht immer ein völlig identischer, was darauf hindeutet, dass der Process , wenn auch der Wesenheit nach stets derselbe, doch so mancher bisher nicht ganz gekannter Modifikationen fähig ist. Oft kömmt der Inhalt, was das äussere Ansehen betrifft, mit reinem Eitrr völlig überein, er ist rahmartig, enthält placentaartige festere Klumpen und scheint geringen Einflnss auf die umgeben- den Gewebe auszuüben, indem der Eiterherd oft lange besteht, ohne dass die ihn durchsetzenden Faserlamellen der Hornhaut bedeutende Verwüstungen erlitten hätten. In solchen Fällen vornehmlich zeigt sich in den Umgebungen des Eiterherdes, und selbst in diesem, die Neigung zur Ilöhergestaltung der neugebildeten Elemente , zur Regeneration der Hornhaut, zu Narbenbildutig und Gefässentwickclung. In anderen Fällen erscheint der Eiter sehr flüssig, an fettigem Detritus überaus reich, die Neigung zur Ilöhergestaltung tritt ganz zurück, dafür aber schmilzt die Lamellarsubstanz der Hornhaut rasch bis auf die äussersre Grenze des Herdes hin, so dass man an eine
Krankheitsbild; Abscessus corneae. • 59
Art corrosiver Einwirkung des Eiters auf die Theile denken könnte. Ganz ähnlich verhält sich eine andere Reihe von Fällen, in welchen der Inhalt der Herde anfäng- lich starr und sehr gesättigt gelb erscheint, rasch aber in einen dicklichen Eiter zer- fliesst, welcher alles zu schmelzen scheint, was mit ihm in Berührung kommt. Es erinnert dieses Product sehr an zerfiiessenden Tuberkel. Endlich kommen Fälle vor, in welchen die betreffenden Stellen der Hornhaut in eine lichtgraue oder sulzähn- liche durchscheinende fast farblose Masse zerfallen , bevor es noch zu einer erheb- lichen Trübung gekommen ist. Man hat diese Fälle wenigstens zum Theile auf einen von Entzündung verschiedenen Process, auf Malade, bezogen, ohne dass der genaue Nachweis für die nekrobiotische Natur noch möglich gewesen wäre. Im Gegen- tlieile haben Untersuchungen, welche in der Neuzeit angestellt wurden, mit Be- stimmtheit einen ganz ähnlichen Wucherungsprocess in den Hornhautkörperchen, wie er der wahren Vereiterung zu Grunde liegt, als nächste Veranlassung dieser Schmel- zung nachgewiesen. Es scheint indessen, als ob die Proliferation in solchen Fällen eine weniger üppige zu bleiben pflege und sich auch weniger leicht verbreite, da die Ränder derartiger Geschwüre mit durchsichtigem Grunde nur auf sehr geringe Distan- zen von neugebildeten Zellen durchsetzt erscheinen.
A. Der Absccss stellt sich äusserlich als eine in die Hornsubstanz eingeschobene mehr weniger dicke Schichte einer völlig opaken gelblich- weissen oder eitergelben, selten von beigemischtem Blute röthlich oder rostähnlich gefärbten Substanz dar.
Partielle Abscesse, falls sie nahe dem Centrum der Cornea sitzen, erscheinen meisthin von unregelmässig rundlichem Umfange; falls sie der Peripherie der Cornea näher liegen oder an sie anstossen, ist ihr Contour gewöhnlich nierenförmig oder gleicht einem Kreisabschnitte. Der Rand eines solchen partiellen Abscesses ist oft sehr scharf, oft aber geht er in einen weissgrau gefärbten Saum über , welcher sich allmählig in eine grauliche wolkige und weiterhin in eine sulzige Trübung auflöst. Reicht diese Trübung bis zur Peripherie der Cornea, so findet man in derselben wohl auch neugebildete Gefässe.
Der Eiterherd ist in seinem Centrum gewöhnlich am dicksten und greift daselbst nicht selten nahezu durch die ganze Dicke der Hornhaut. Gegen seine Peripherie hin aber verschmächtigt er sich in der Regel bedeutend und falls er scharf begrenzt ist, endet er meistens mit einem schneideartig zugeschliffenen Rande. Er lagert häufig in der mittelsten Schicht- lage der Hornhaut, so dass er nach vorne und rückwärts von einem fast gleich dicken Stratum eiterfreier Hornhautsubstanz gedeckt erscheint. Bis- weilen sitzt er aber auch in den hintersten Blättern der Cornea oder erscheint gar theilweise zwischengeschoben zwischen Cornea und Descemeti. End- lich kommen nicht selten Fälle vor, in welchen die vorderen Lamellen die Hauptmasse des Eiters einschliessen. In diesen letzteren Fällen findet man bei einiger Dicke des Herdes dessen vordere spiegelglatte oder bereits getrübte und rauhe Wand gewöhnlich etwas vorgetrieben, gleich einer flach aufsitzenden Blase. Bei tieferem Sitze des Herdes wird schon eine bedeutendere M"enge von Eiter vorausgesetzt, auf dass das überlagernde ansehnlich dicke und wenig alterirte oberflächlich spiegelglatte oder viel- leicht getrübte und mit Gefässen durchsetzte Stratum von Hornhautsub- stanz aus seiner normalen Krümmung nach vorne gebaucht werde. Doch auch unter solchen Verhältnissen werden derartige schon mit freiem Auge merkbare Auftreibungen der Cornea beobachtet.
Besonders auffällige Verdickungen der Cornea durch Eitereinlagerung kommen bei dem Total abscesse der Cornea, dem sogenannten Vortex puru^
60 Keratitis suppurativa: KranJcheltabild; Abscessna corneae.
lentua, vor. Da erscheint die Cornea sehr oft in einen weissgelben oder eitergelben Propf verwandelt, dessen Rand bis nahe an die Sclera stö'sst und dessen glatte glänzende oder vielleicht auch schon getrübte matt angelaufene überdache bedeutend über das normale Niveau hervorragt, eine Verdickung des Cornealcentrums auf V" und selbst auf 2'" Axe beurkundend.
In den ersten Stadien ist der Inhalt eines Abscesses meisthin nicht flüssig. Sticht man den Eiterherd an, so iiiesst nichts heraus, die Wundflächen erscheinen gelblichvveiss und rauh von kleinen Klümpchen einer ziem- lich cohärenten Masse, welche sich als Conglomerat von Kernen und fettigkörnigem Detritus ergeben. Die ZerÜiessung in Eiter zögert öfters mehrere Tage und selbst noch länger. Sie beginnt meisthin im Cen- trum des Herdes, öfters indessen auch an mehreren Stellen zugleich, es bilden sich kleine Eiterherde in der starren Masse, die sich allmählig aus- dehnen und zusammenfiiessen. In anderen Fällen ist das Stadium der Starrheit ausnehmend kurz , kaum merklich, schon sehr frühzeitig ist die ganze Masse in einen mehr weniger dünnflüssigen Eiter aufgelöst, der sich bei einem Einstiche rasch entleert und bisweilen selbst geradezu hervor- spritzt. Es giebt Icein verlässliches Zeichen, welches, so lange der Abscess noch geschlossen ist, die Starrheit oder flüssige Beschaffenheit des Pro- duetes immer erkennen Hesse.
An senkrechten Durchschnitten sieht man leicht, dass die Eitermasse des Abscesses nicht Einen compacten Klumpen bildet, etwa in der Art, wie bei Abscessen im TJnterhaufbindegewebe, in Muskeln u. s. w. Viel- mehr erscheint das Product in mehr weniger dicken Scheiben, zwischen die Faserschichten der Cornea eingelagert, der Eiterherd besteht aus abioechseln- den Schichten von Entzündungsproduct und Faserlamellen.
Die Eiterschichten sind übrigens nicht alle von gleicher Ausdehnung und ihre Centra liegen nicht in Einem Radius der Hornhaut, daher der Abscess häufig ein ganz unregelmässig blätteriges Aussehen bekömmt. Namentlich gilt dieses von dem eigentlichen Centrum des Eiterherdes , denn hier liegt eben eine grosse Anzahl von Eiterschichten über einander. Gegen dessen Grenze hin nimmt die Zahl der letzteren sehr ab und oft findet man daselbst nur eine oder die andere meist sehr dicke Lage Eiter, welche Einen Interlamellarraum auf eine weite Strecke hin ausge- dehnt hat.
Die den Eiterherd durcJiselzenden Comeallamellen scheinen anfänglich, besonders in gewissen Fällen, an dem Processe nur toenig Antheil zu nehmen, indem sie kaum merkliche Veränderungen zeigen. Früher oder später aber beginnen sie sich ebenfalls zu trüben und zerfallen endlich unter fortschreitender Verflüssigung des Entzündungs- produetes in fettigkörnigen Detritus, Communicationen zwischen den einzelnen Eiter- lagen vermittelnd. Doch auch die Lamellen zerfallen nicht immer an hinter einander gelegenen Stellen, sondern jede in einem anderen Stücke ihres in dem Eiterherde eingeschlossenen Theiles. Der eigentliche Abscessraum präsentirt sich an einem senk- rechten Durchschnitte daher häufig als ein zackiger, stellenweise ausgebuchteter oder wohl auch discontinuirlicher Kanal, welcher in mannigfaltigen Windungen von vorne nach hinten zieht, indem die Ränder der durchbrochenen Lamellen allseitig bald mehr bald weniger in den Eiterherd hineinragen, mit anderen Worten : der Abscess besteht in diesem Stadium aus über einander geschichteten Eiterlagen, welche durch regellos zerstreute, bald grössere bald kleinere, zackig buchtige Löcher in den trennenden Corneallamellen mit einander zusammenhängen. Im weiteren Verlaufe erst, bald früher bald später, schmelzen diese einspringenden Faserlagen mehr zusammen und die Ab- scesshöhle wird so eine mehr einheitliche.
Der Eiler steht im Abscesse unter einem gewissen Drucke und drückt natürlich selbst auf seine Umgebungen. Die Vorbav.chung der vorderen
Krankheitsbild ; Onyx.
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larräunien. Er
Abscessdecke ist eben nur eine Folge dieser mechanischen Verhältnisse. Es ist auch kaum daran zu zweifeln, dass die bei grossen und rasch ent- standenen Abscessen nicht gar selten vorkommende brandige Zerstörung einzelner Partien des Entzündungsherdes damit in einem näheren Zusam- menhange stehe. Am augenscheinlichsten beurkundet sich dieser Druck aber durch das Vordringen des flüssigen Eiters über die Grenzen des Ent- zündungsherdes in den einzelnen Interlamellarräumen.
Allerdings kömmt die Seitenausbreitung des Abscesses zum Theile auf Rechnung des fortschreitenden Proeesses. Zum anderen Theile aber ist sie eine rein mechanische. Der in den einzelnen Interlamellarräumen sich häufende Eiter drängt die Blätter mehr und mehr auseinander, um sich Kaum zu schaffen , und wegen der Gleichmässigkeit des durch die Flüssigkeit ausgeübten Druckes erhalten die einzelnen Eiterschichten in der Kegel eine nahezu kreisrunde Form. Besonders in den mehr lockeren mitt- leren Schichten der Cornea findet der Eiter eine sehr günstige Gelegenheit, sich nach der Fläche auszubreiten. Darum fällt die äusserste Peripherie der Abscesse auch gewöhnlich in die mittelsten Blatträume und erscheint, da sie über den eigentlichen Entzündungsherd hinausreicht, oft scharf begrenzt.
B. Ausser dem Drucke wirkt auch noch die Schwere des Eiters. Daher kömmt es, dass sich der Eiter bisweilen zwischen einzelnen Lamel- len der Cornea nach abwärts senkt und daselbst sammelt, die betreffenden Hornhautblätter in stets wachsendem Umfange auseinander drängend. Man nennt diesen Zustand, welcher dieselbe Bedeutung wie Eitersenkungen zwischen Muskelfascien u. s. w. hat, seiner Aehnlichkeit mit der Lunula der Xägel halber Onyx, Unguis, Nagel.
Der Onyx (Fig. 2 a) lagert in der Eegel in den mittleren Interlamel- nimmt immer die tiefste Stelle derselben ein, etwas nach innen oder aussen abweichend je nach der jeweiligen Neigung des Kopfes. Sein unterer der Cornealgrenze con- centrischer Rand b stösst nicht direct an die Sclera an, sondern ist von deren vorderen Grenze stets durch einen schmalen, von dem Limbus conjunctivalis gedeckten Saum getrennt. Der obere Band c ist geradlinig oder concav, seltener convex, häufig nicht völlig scharf begrenzt, bildet aber stets eine schneideähnliche Kante. Der Onyx stellt den anatomischen Verhältnissen entsprechend nämlich constant eine blattartige Schichte dar, welche zwischen die Corneallamellen eingeschoben ist, und welche man bei seitlicher Betrachtung durch die ganze Dicke der Kammer von der Iris getrennt findet.
Dieser bedeutende Abstand der nach vorne convexen Eiter- schichte und der schneideähnliche obere Rand, an welchem vorbei man die tiefer gelegenen Theile der Iris deutlich über- sehen kann , sind die Merkmale , welche den Onyx von dem Hypopyon d leicht unterscheiden lassen. Das letztere liegt näm- lich der Iris an und bietet von oben gesehen eine der Dicke der Vorderkammer entsprechende scharf begrenzte wenn auch oft unregelmässige Fläche dar. Ein weiteres solches unter- scheidendes Symptom ist die im Allgemeinen grössere Ver- schieblichkeit des Hypopyon bei Seitenbewegungen des Kopfes. Es ist dasselbe indessen von geringerer Bedeutung, daauchOnyces bisweilen leicht ihren Ort verändern und umgekehrt Hypopyen nicht gar selten vorkommen , welche ver- möge des überwiegenden Gehaltes an mehr starren Elementen nahezu fixirt sind. Am schwierigsten pflegt die Diagnosis zu sein, wenn Onyx und Hypopyon zugleich auftreten und gleiche Höhen erreichen. Das Vorhandensein des Onyx lässt sich dann
6^ Keratitis suppurativa; Krankheitabild.
bisweilen nur aus der geringen Dicke der vorlagernden durc/isichtiyen Hornhautschiclite und aus der Existenz eiues Abscesses oder Geschwüres in der Cornea errathen.
In einzelnen seltenen Fällen kömmt der Diagnosis übrigens die Wahrnehmbarkeit des Verbindungskamalea zwischen Geschwür oder Abscess e und Onyx zu Hilfe. Es erscheint derselbe als ein schmaler eiterfarbiger oder trüber Strang, welcher in ganz unregelmässigem zackigen Verlauf von der unteren Peripherie des Abscesses zur oberen des Nagels hinzieht. Es besteht derselbe wohl immer, wenn er auch nicht stets nachweisbar ist. Bisweilen kann man durch Druck auf die untere Hälfte der Cornea dieses sonst unsichtbare Kanälchen mit Eiter füllen und dasselbe , indem der Eiter in die Abscesshöhle zurückgetrieben wird, zur Wahrnehmung bringen.
Die Grösse des Onyx ist ausserordentlich wandelbar. Oft präsentirt er sich als ein sehr schmales kaum wahrnehmbares eitergelbes Säumchen, welches kaum über den Rand des Limbus conjunctivalis hervorragt und ein geübtes Auge voraussetzt, um gesehen zu werden. In anderen Fällen ist der senkrechte Durchmesser desselben 1- — 2 Linien lang. Bisweilen iiiesst der obere Rand des Onyx sogar mit der unteren Peripherie des Abscesses zusammen, ja es giebt Fälle, wo beim Sitze des Abscesses an der obersten Partie der Hornhaut diese fast ihrer ganzen Fläche nach von einem Onyx in zwei Hälften, eine vordere und hintere, abgetheilt erscheint.
C. Hornhautgeschicllre kommen sehr häufig vor. Sie entwickeln sich in den meisten Fällen primär, d. h. ohne dass ein Abscess oder Onyx vorangeht. Ein Theil der Hornhaut einschliessig seiner vorderen Schichten trübt sich sulzähnlich graulich oder eitergelb, seine Oberfläche wird matt, gewinnt ein eigenthümlich gelockertes rauhes Ansehen, zerfällt und stösst sich ab, eine Substanzlücke hinterlassend, welche bei weiterem Vorschrei- ten des Processes sich allmählig ausbreitet.
Jeder Theil der Hornhaut kann den Sitz eines Geschwüres abgeben. Dessen Grösse ist sehr verschieden. Es giebt Geschwüre , welche kaum einem Hanfkorne an Umfang gleichkommen und andere, welche über den grössten Theil oder über die ganze Hornhaut ausgedehnt sind. Die Ver- schwärung dringt oft nicht über die vorderen Cornealschichten ein; während in anderen Fällen , selbst bei geringem Umfange des Geschwüres , dessen Boden bis nahe, an die Descemeti eingetieft oder gar durchbrochen erscheint, so dass die Kammer mit der Aussenwelt durch eine Oeffnung der Horn- haut in Verbindung tritt.
Die grö'sste Mannigfaltigkeit bietet aber die äussere Gestalt dar. Cen- trale Geschwüre haben gewöhnlich eine rundliche oder ovale Form, seltener sind ihre Contouren unregclmässig winkelig buchtig. Periphere Geschwüre hingegen erscheinen bei grösserer Ausdehnung oft lancett-, nieren-, halb- mond- oder mondsichelförmig. Die Ränder sind in der Regel fach , das Geschwür gleicht einer Mulde, deren Boden allseitig fast unmerklich unter einem sehr stumpfen und abgerundeten Winkel in die Hornhautobertiäche übergeht, so dass die Grenze des Geschwüres eine undeutliche wird. In anderen Fällen aber fallen die Bänder des Geschwüres steil ab oder stehen geradezu senkrecht auf der Corncalobcrfiächc und dem Boden der Substanz- lücke. Die Flächen der Ränder und des Bodens sind öfters glatt, ohne auf- fällige Erhabenheiten. Ebenso oft jedoch erscheinen dieselben bei mulden- förmigen Geschwüren treppenartig oder aufgeblättert. Bei steilen Geschwüren sind sie bisweilen fetzig wie angefressen oder wohl auch Überhängend. Der Boden des Geschwüres als Ganzes ist meistens concav und glatt, oder von kleinen Hügelchen rauh uneben. Bei umfangsreichen und tiefgreifenden
Offene Geschwüre; Ursachen. 63
Geschwüren wird derselbe indessen nicht gar selten durch den intra- ocularen Druck nach vorne getrieben und tritt blasenartig über die Ränder hervor. Er ist häutig von einem speckähnlichen oder schmierigen eiterigen graulichtrüben oder sulzigen Producte in wechselnder Menge überdeckt,. Der Grund und die Ränder des Geschwüres erscheinen meistens auf eine grössere oder geringere Entfernung hin eitergelb grau oder sulzähnlich getrübt, indem die Proliferation in dem Umkreise des Geschwüres fort- dauert oder gar noch weiter schreitet. Oefters zeigen sich auf dem ge- trübten Boden des Geschwüres auch Gcfässe, besonders dann, wenn sich in den nachbarlichen Portionen der Cornea eine Keratitis vasculosa ent- wickelt hat. In der That ist die Gefässentwickelung rings um die Peri- pherie des Geschwüres nicht selten eine ungemein reichliche , ein dicht gewebter Kranz unter einander verschlungener Gefässe umgiebt die ver- eiternde Stelle, aber nur eine kleine Anzahl von Zweigchen überschreitet den Geschwürsrand , um sich unter dem Belege des Geschwürbodens zu verlieren. Sitzt das Geschwür nahe der Hornhautperipherie, so dass ein Randtheil desselben mit dem Limbus conjunctivalis in Berührung steht, oder ist das Geschwür bereits durchgebrochen und ein Theil der Iris vorge- fallen, so erheben sich auf dem Boden desselben nicht selten Granulationen, welche bei fortschreitender Wucherung schwammähnlich hervortreten und durch ihre Fleischfarbe sowie durch die Neigung zu Hämorrhagien einen sehr grossen Gefässreichthum verrathen. Doch kommen auch